Kultur etwas anders

Kultur etwas anders: Theater auf großer Fahrt im Zug

Weissenfels - Das ehemalige Textilkontor am Weißenfelser Bahnhof wird zur Kulisse für ein spektakuläres Projekt.

Von Andreas Richter 22.03.2019, 11:00

Manchmal holt das Leben auch Theaterleute ein. So wie am Donnerstagnachmittag die Akteure des Theaterzuges „Das letzte Kleinod“. „Am Morgen sind sie um 7.30 Uhr losgefahren. Eigentlich sollte der Zug um 16 Uhr in Weißenfels sein“, erzählt am Nachmittag Ulrike Marski, Sprecherin des Theaters. Doch daraus wird nichts. Die angemeldete Sonderfahrt dauert länger als geplant.

Seit 1991 Theater an außergewöhnlichen Orten

Nach 450 Kilometern über Braunschweig, Magdeburg und Halle trifft der ozeanblaue Zug mit den ersten Theaterleuten an Bord mit gut einstündiger Verspätung auf einem Nebengleis des Weißenfelser Bahnhofs ein. Langsam wird er in der Abendsonne von Bahnpersonal in orangenen Warnwesten „eingeparkt“.

In der niedersächsischen Kleinstadt Geestenseth ist der Heimatbahnhof eines Theaterzuges, der in Europa wohl seinesgleichen sucht. Seit 1991 produzieren sie Theaterstücke an außergewöhnlichen Orten. Und als Regisseur Jens-Erwin Siemssen eines Tages das imposante Gebäude des ehemaligen Versorgungskontors Industrietextilien (Intex) in der Straße am Güterbahnhof in Weißenfels erblickte, war für ihn klar: Das ist die Kulisse für ein nächstes Projekt.

Mehr als sechs Monate im Zug

Bis Anfang Mai wird der 140 Meter lange Zug nun am Weißenfelser Bahnhof Station machen. „Wir leben in den nächsten Wochen in dem Zug“, erzählt Ulrike Marski. Im hinteren der restaurierten Waggons ist die fahrende Wohnung von Regisseur Siemssen. Mit allem, was dazu gehört: Sofa und Bett, Gardinen an den Fenstern, Tisch und Stühle, ein Spülbecken. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an ein Museum. Neun Waggons gehören zum Theaterzug, davon vier Wohnwaggons. Dazu Speisewagen mit Küche, ein Werkstattwagen, Aufenthaltsräume. Ja sogar einen Haushaltswagen mit Waschmaschine und Trockner haben sie dabei.

In diesem Jahr werden sie mehr als sechs Monate lang in dem Zug leben. Nach der Weißenfelser Aufführung rufen weitere Vorhaben in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Doch nun ist erst mal das spektakuläre Stück in Weißenfels dran. Am originalen Schauplatz werden Darsteller des Theaters „Das letzte Kleinod“ und des Naumburger Theaters gemeinsam mit zahlreichen Laiendarstellern die wechselvolle Geschichte des Industriegebäudes zeigen. Zwölf Stationen sind geplant.

Großes Interesse

Das Interesse an dem Projekt ist groß. Zu einer ersten Informationsveranstaltung für Mitwirkende waren rund 70 Interessenten ins Weißenfelser Kulturhaus gekommen. „Da war ich echt überrascht“, sagt Siemssen. Nun will er nach anstrengenden Tagen der Vorbereitung erst mal ankommen in Weißenfels. Gemeinsam mit den ersten Mitstreitern. Am Ende werden mehr als zehn Theaterleute im Zug wohnen. In den nächsten Tagen muss noch einiges hinter den Kulissen, so etwa beim Bauamt, geklärt werden.

Am nächsten Dienstag sollen die Proben beginnen. Am 30. März ist eine große Entrümplungsaktion im Intex-Gebäude geplant. Die Premiere für das Stück, das auf Berichten von Zeitzeugen beruht, findet am Mittwoch, 24. April statt. Bis zum 5. Mai gibt es weitere Vorstellungen. Schulklassen können sich zu einem speziellen Theaterworkshop im ehemaligen Industriegebäude anmelden. (mz)

Karten gibt es unter anderem in der Touristinformation Weißenfels, Telefon 03443/30 30 70. Anmeldung zum Workshop unter marski@das-letzte-kleinod.de