Grabungen am Markt

Grabungen am Markt: Grüße aus dem Kaiserreich

Halle (Saale)/Weißenfels - Dieser Dienstag war für Siegfried Hofmeister ein besonderer Tag. Immerhin hatte der damalige Weißenfelser Stadtrat schon vor Jahren, als über die Sanierung des Marktplatzes diskutiert wurde, zur Vorsicht gemahnt: Im Erdreich könnte historisch Wertvolles schlummern. Seine Quelle: Der Bericht eines hiesigen Heimatforschers über die Grundsteinlegung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Weißenfelser Markt im März 1897 (siehe Beitrag „Vom Sockel ...

Von Andreas Richter 19.07.2017, 08:54

Dieser Dienstag war für Siegfried Hofmeister ein besonderer Tag. Immerhin hatte der damalige Weißenfelser Stadtrat schon vor Jahren, als über die Sanierung des Marktplatzes diskutiert wurde, zur Vorsicht gemahnt: Im Erdreich könnte historisch Wertvolles schlummern. Seine Quelle: Der Bericht eines hiesigen Heimatforschers über die Grundsteinlegung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Weißenfelser Markt im März 1897 (siehe Beitrag „Vom Sockel geholt“).

Siegfried Hofmeister sollte Recht behalten. Am Dienstag wurde im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle ein höchst bemerkenswerter Fund präsentiert: Eine Metallschatulle, die Archäologen aus etwa 1,50 Meter Tiefe am ehemaligen Standort des Denkmals auf dem Markt gefunden haben. Versenkt wurde die Kapsel anlässlich der Grundsteinlegung für das Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbild am 22. März 1897.

Zeitkapsel in Weißenfels nach 120 Jahren geöffnet

Für Matthias Becker vom Landesamt in Halle eine eher überraschende Entdeckung. „In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Oberfläche des Marktes schon einmal saniert. Da ist es schon erstaunlich, dass die Zeitkapsel damals nicht gefunden wurde“, sagte er am Dienstag.

Nun aber wurde der mehr als zehn Kilogramm schwere verlötete Kasten aus Zinkblech nach 120 Jahren wieder ans Licht geholt. Gefunden wurde die Kapsel in einer aus Ziegelsteinen gemauerten Nische im Betonfundament des Denkmals.

Möglicherweise ein Vorgänger der Mitteldeutschen Zeitung

In der mit Holzwolle aufgefüllten Kapsel befanden sich unter anderem das Titelblatt der Weißenfelser Zeitung, möglicherweise ein Vorgänger der Mitteldeutschen Zeitung, vom 17. März 1897 sowie weitere Schriftstücke: Ein Adress- und Geschäftsbuch der Stadt Weißenfels von 1896/97, ein Magistratsbericht der Stadt aus dem Jahr 1895/96 und ein Etat der Kommune für das Jahr 1896/97. Zudem enthielt die Kapsel vermutlich einige Fotos, die allerdings nicht mehr erhalten sind. Inschriften dokumentieren die Namen von Zinngießer, Steinmetz und Stadtbaumeister jener Zeit.

In den vergangenen Wochen haben Restauratoren in der Werkstatt des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle mit Hochdruck daran gearbeitet, die Papiere zu sichern. „Der Inhalt war völlig durchnässt“, berichtete Restaurator Heiko Breuer. Per Gefriertrocknung seien die Dokumente gesichert, vereinzelt und stabilisiert worden. Nur dadurch sei die Identifizierung der einzelnen Zeugnisse gelungen.

Inhalt der Kapsel ist ein beredtes Zeugnis bürgerlichen Engagements

Etwas Besonderes ist der Weißenfelser Fund auch für Stephan Kujas, bei der Stadt Weißenfels verantwortlich für den Denkmalschutz. „Der Inhalt der Kapsel ist ein beredtes Zeugnis bürgerlichen Engagements in der Stadt“, sagte er bei der Präsentation in Halle. Gehe doch aus den Dokumenten hervor, dass das Denkmal seinerzeit komplett über eine große Sammelaktion der Weißenfelser finanziert wurde.

Ehe die Einwohner der Gegenwart die Zeugnisse der Vergangenheit zu sehen bekommen, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Wie Landesarchäologe Harald Meller sagte, werden die Dokumente nun zunächst in Halle aufbewahrt. Für eine spätere Ausstellung in Weißenfels etwa müssten sie weiter aufbereitet werden. Das würde auch Siegfried Hofmeister freuen. Als sachkundiger Einwohner sitzt er im Ausschuss für Stadtentwicklung des Stadtrates. Dort will er sich nun mit dafür einsetzen, dass die Grüße aus dem Kaiserreich irgendwann bei den Weißenfelsern von Heute ankommen. (mz)