Generationen-Gespräche in Weißenfels

Generationen-Gespräche in Weißenfels: Nicht alles in der DDR war Sonnenschein

Weißenfels - Wilfried Schreier ist angetan vom Gespräch der Generationen am Dienstagabend im Weißenfelser St.-Claren-Kloster. Der Senior aus Langendorf spricht von einer objektiven Darstellung der Gegebenheiten in der ...

Von Holger Zimmer 07.04.2016, 08:28

Wilfried Schreier ist angetan vom Gespräch der Generationen am Dienstagabend im Weißenfelser St.-Claren-Kloster. Der Senior aus Langendorf spricht von einer objektiven Darstellung der Gegebenheiten in der DDR.

Worum es bei dem Kooperationsprojekt von Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Zentrum für Sozialforschung Halle geht? Seit der Premierenveranstaltung in Berlin steht der Widerspruch zwischen individueller Erinnerung an die DDR-Zeit und die Darstellung in den Medien sowie in den Schulen im Mittelpunkt, sagt Moderatorin Franziska Richter. Da hat jeder seine eigene Geschichte und nicht alles lässt sich auf die Staatssicherheit reduzieren. Gewollt sei eine Vielfalt auch in der Diskussion. Da gebe es durchaus Widersprüchliches. So habe eine Pfarrerfamilie den Staat anders erlebt als die Mitglieder der Familie März, die im Kloster als Akteure zur Verfügung stehen.

Bruch mit der Wende

Der 25-jährige Hans als Philosophie- und Soziologiestudent spricht dann auch von seiner „Familie Sonnenschein“. Er hatte die Mutter nach einer Meldung bei MDR-Info, mit der Gesprächsteilnehmer gesucht wurden, inspiriert, sich mal zu melden. Großvater Gernot ist Jahrgang ’41 und sagt, dass er sich erfolgreich etablieren und sogar promovieren konnte, ohne in der SED gewesen zu sein. Der Bruch kam für ihn erst mit der Wende. Mutter Anka März (Jahrgang 1970) erzählt, dass sie manches, was man höre, aus ihrer Sicht so nicht stehenlassen könne. Sie habe es nicht erlebt, dass keine Studienchance bekam, wer nicht in die Pionierorganisation oder die Freie Deutsche Jugend eingetreten sei und die Jugendweihe ablehnte. Das mag aber durchaus unterschiedlich gehandhabt worden sein.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Eine Frage, die plötzlich auch den Blick in Richtung Westen öffnet. Denn da erinnert Großvater Gernot an Hans Filbinger, der als Militärrichter an Todesurteilen im Zweiten Weltkrieg mitgewirkt hatte und in den 1970er Jahren baden-württembergischer Ministerpräsident war. Der SPD-Landtagsabgeordnete Rüdiger Erben meint, dass man nicht vom Unrechtsstaat sprechen sollte, weil das zum Kampfbegriff geworden sei, um die DDR zu verunglimpfen. Fakt aber wäre: Sie war kein Rechtsstaat. Er erinnert sich auch an eine öffentliche Kampagne gegen ihn, nur weil er sich dagegen verwahrt hatte, die DDR-Diktatur mit der der Nazis zu vergleichen, die Millionen von Juden ermordet hatten.

EOS-Verbot

Eine Frau berichtet hingegen, dass sie nicht auf die erweiterte Oberschule gehen durfte. Ihr habe man lediglich eine Berufsausbildung mit Abitur angeboten. Und sie habe sich über die Frage gestritten, warum man behinderte Menschen nicht als sozialistische Persönlichkeiten betrachtet habe. Ein Mann verweist auf das gewaltsame Vorgehen gegen sogenannte Staatsfeinde in den 1950er Jahren und eine Änderung dieser Politik mit dem Mauerbau. Im Zusammenhang mit dem Bruch in den DDR-Biografien mit der Wende blickt Rüdiger Erben auf das jüngste AfD-Wahlergebnis. Da seien Leute mit 40 Jahren in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gekommen. In Leuna wurden riesige Forschungsabteilungen geschlossen und viele hochgebildete Menschen hätten das psychisch nicht verkraftet. Das sei Teil eines bis heute wirkenden gesellschaftlichen Problems, das sich bei der Wahl widergespiegelt habe.

Auf Aufstellern finden sich unterschiedliche Meinungen verschiedenster Menschen zur DDR. Die kleine Ausstellung ist bis zum 27. April im Kloster zu sehen und kann von Schulkassen besucht werden. (mz)

Anmeldung bei Olaf Brückner unter Telefon 0172/9551553.