Frauenmangel im Stadtrat

Frauenmangel im Stadtrat: Ist die Männer-Mehrheit ein Problem?

Weißenfels - Im Weißenfelser Stadtrat sind die Männer deutlich in der Mehrheit. Zum Bedauern des Oberbürgermeisters. Wie die Politikerinnen das sehen.

Von Alexander Kempf und Robert Briest 26.01.2019, 07:00

Wenn die Weißenfelser am 26. Mai einen neuen Stadtrat wählen, dann hofft Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos), dass dem Kommunalparlament künftig deutlich mehr Frauen angehören. Denn von den 40 Gewählten ist gegenwärtig gerade mal ein Viertel weiblich. „Da ist noch gut Luft nach oben“, so der Oberbürgermeister während seiner Rede beim diesjährigen Neujahrsempfang.

Er begründet seinen Standpunkt mit dem tatsächlichen Verhältnis von Männern und Frauen in Weißenfels. Da kämen auf 21094 Männer nämlich 20391 Frauen. Letztere stellen somit gut die Hälfte der Einwohner, sind aber zumindest im Weißenfelser Stadtparlament unterdurchschnittlich vertreten. Aus Sicht von Robby Risch sollte sich dies ändern. „Den Parteien und Wählervereinigungen muss es gelingen, das ganze Wählerspektrum abzubilden“, fordert er.

Nicht nur Robby Risch vermisst mehr Frauen in den Kommunalparlamenten

Nicht nur Robby Risch vermisst mehr Frauen in den Kommunalparlamenten. Auch die langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Ute Fischer aus Leuna bedauert, dass Frauen oft nicht ihre Chancen nutzen, Politik vor Ort mitzugestalten. Für sie gibt es dafür teils ganz banale Gründe. „Die Sitzungszeiten von Stadtrat oder Kreistag liegen familienpolitisch ungünstig am Abend. Da müssen andere Regelungen gefunden werden“, regt sie beispielsweise an.

Die klassische Rollenverteilung in Familien erachtet sie noch immer als ein Hindernis. „Wir sind zwar ein Stück weiter gekommen“, so Ute Fischer, „aber wenn es darum geht: Ich gehe jetzt zur Sitzung, Du machst Abendbrot und bringst die Kinder ins Bett. Das gibt es - aber selten.“ Sie spricht sich deshalb für Frauenquoten bei Parteien aus.

Möglichkeiten, den Frauenanteil im Weißenfelser Stadtrat zu erhöhen?

Wäre dies auch eine Möglichkeit, den Frauenanteil im Weißenfelser Stadtrat zu erhöhen? Gudrun Schulze von der Fraktion CDU-FDP kann solchen Vorschlägen nichts abgewinnen. „Alles, was auf eine Quote hinausläuft ist aus meiner Sicht völliger Quatsch“, sagt sie. Hürden für Frauen kann sie nicht erkennen. Die Seniorin ist auch nicht der Auffassung, dass der Stadtrat andere Entscheidungen treffen würde, wenn er weiblicher wäre. Schließlich würden die Themen in den Fraktionen gemeinsam besprochen.

Neben mehr Frauen vermisst der Weißenfelser Oberbürgermeister Robby Risch mehr EU-Bürger im Stadtrat. Seine Argumentation ist dabei ganz ähnlich wie bei der Debatte um den Frauenanteil unter den Gewählten. Rund 4.000 Bürger aus anderen EU-Ländern wie Polen oder Rumänien sind in der Saalestadt gemeldet. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu der Gesamtbevölkerung von 41.485 Personen, dann könnten die Zugezogenen leicht vier bis fünf Stadträte stellen. Robby Risch würde es freuen, wenn sich die EU-Ausländer auch politisch stärker einbringen. So wirbt er beim Neujahrsempfang für einen Stadtrat, der deutlich jünger, weiblicher und multikultureller ist.
Doch dürfen polnische oder rumänische Bürger überhaupt für den Weißenfelser Stadtrat kandidieren? Ja, versichert die Stadtverwaltung. „Staatsangehörige aus anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sind nach den für Deutsche geltenden Voraussetzungen zur Wahl des Stadtrates der Stadt Weißenfels wahlberechtigt und wählbar“, so Stadtsprecherin Katharina Vokoun. Sie müssen demnach 18 Jahre alt sein und seit mindestens drei Monaten ihren Hauptwohnsitz in Weißenfels haben.

„Ich fühle mich als Frau nicht benachteiligt“, sagt Gudrun Schulze. In ihrer Fraktion gebe es genügend Frauen, die auch im Geschäftsleben ihren Mann stehen und stets deutlich ihre Meinung vertreten. Da kusche keine, versichert sie. Doch wie erklärt sich die Stadträtin dann, dass die Männer im Stadtrat so deutlich in der Mehrheit sind? Eine schwierige Frage. „Viele Frauen möchten sich so einer Sache vielleicht auch nicht aussetzen“, mutmaßt Gudrun Schulze.

Wengelsdorfer Ortsvorsteherin: „Machen wir uns nichts vor“

Stadträtin Sybille Reider von der Fraktion Bürger für Weißenfels/Landgemeinden kann sich vorstellen, dass manche Frauen tatsächlich aufgrund von Zeitmangel auf eine Kandidatur verzichten. „Machen wir uns nichts vor“, sagt die Wengelsdorfer Ortsvorsteherin: Oft liege der Haushalt zu Hause eben doch noch in den Händen der Frauen. Genau wie Gudrun Schulze kann sie sich aber nicht vorstellen, dass ein anderes Geschlechterverhältnis im Weißenfelser Stadtrat zu anderen Entscheidungen führen würde. „Es ist völlig Wurscht, ob Mann oder Frau - es geht um die Sache“, sagt sie.

Vielleicht sind die Frauen im Weißenfelser Stadtrat unterrepräsentiert, mutmaßt Sybille Reider, weil sie sich oft schon andernorts aktiv einbringen. Etwa bei Festen in den Weißenfelser Ortsteilen. Das sei zumindest ihre Erfahrung in Wengelsdorf. Aber auch zum Engagement im Stadtrat würde sie jeder Frau raten. „Es lohnt sich immer, sich zur Wahl zu stellen“, sagt sie. (mz)