Erinnerungen an die „Linde“

Erinnerungen an die„Linde“: eine frühere Weißenfelserin erzählt von ihrer Kindheit in der Saalestadt

Weissenfels - Manchmal überkommt Rose-Marie Peeck die Sehnsucht nach der alten Heimat. Dabei wohnt die 79-Jährige seit fast 60 Jahren nicht mehr in Weißenfels. In der Stadt, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. „Trotzdem bekomme ich hin und wieder das Gefühl, dass ich nach Hause will“, sagt sie. Die Seniorin wohnt in der Nähe von Frankfurt ...

Von Tobias Schlegel 05.01.2019, 14:00

Manchmal überkommt Rose-Marie Peeck die Sehnsucht nach der alten Heimat. Dabei wohnt die 79-Jährige seit fast 60 Jahren nicht mehr in Weißenfels. In der Stadt, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. „Trotzdem bekomme ich hin und wieder das Gefühl, dass ich nach Hause will“, sagt sie. Die Seniorin wohnt in der Nähe von Frankfurt (Main).

Geboren ist sie im Februar 1939 in Halle. In jenem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg ausbrach. Aus dem zerbombten Halle floh sie mit ihren Eltern in den letzten Kriegsjahren nach Weißenfels. Dort besaßen ihre Großeltern ein Hotel mit Restaurant. Das Lokal „Zur Linde“ befand sich in der Merseburger Straße, Ecke Kubastraße und fiel durch seinen Vorgarten mit Terrasse und Biergarten auf.

Die Großeltern von Rose-Marie Peeck hießen Kurt und Berta Reußmann. Ihr Großvater stammte aus dem Erzgebirge und betrieb zunächst ein Lokal in Leipzig. Dort wurde auch Rose-Marie Peecks Mutter geboren. Peecks Großmutter war dagegen eine gebürtige Weißenfelserin. Kurt Reußmann übernahm das Hotel im Jahr 1931. Zuvor war er Wirt des Gasthofes „Zum Felsenkeller“ in Burgwerben gewesen.

Rose-Marie Peeck hat mit ihren Eltern im Hotel der Großeltern gewohnt, als die Familie im Krieg nach Weißenfels geflüchtet war. „Ich weiß noch, wie ich auf dem Hof immer gespielt habe. Dort waren auch der Hühnerstall und eine Waschküche“, erinnert sich Rose-Marie Peeck, die auch in Weißenfels zur Schule ging. Als schlimm und streng bezeichnet sie ihre Zeit in der Neustadtschule. Einmal kam sogar ihr Großvater in die Schule, nachdem eine Lehrerin sie auf die Finger gehauen hatte. „Er war ein sehr angesehener Mann in Weißenfels. Wir hatten auch oft gutes Essen im Hotel und ich habe mich gefreut, wenn es Malzbier gab“, sagt Rose-Marie Peeck.

Ihr Großvater starb um das Jahr 1948 herum, danach soll ihre Großmutter zusammen mit ihren Töchtern das Lokal noch bis in die 1950er oder 1960er Jahre weitergeführt haben.

Zu dieser Zeit war Rose-Marie-Peeck schon nicht mehr in Weißenfels. Ihr Vater stammte aus der Nähe von Frankfurt und ging Ende der 1950er wieder dorthin zurück. Ihm folgte Rose-Marie Peecks Bruder, ehe auch sie über Berlin nach Frankfurt ging. „Damals gab es die Mauer noch nicht, aber die DDR schon. Es war keine Flucht, dennoch war die Ausreise schwierig und alles musste heimlich ablaufen“, sagt die heute 79-Jährige.

Ihre Mutter dagegen blieb in der DDR und in Weißenfels. Sie wohnte später in der Kubastraße. Erst 15 Jahre später haben sich Mutter und Tochter wiedergesehen. Wie lange hingegen das Lokal „Zur Linde“ noch existiert hat, ist Rose-Marie Peeck nicht bekannt. Etwas Licht ins Dunkel kann aber Jörg Riemer bringen. Der Weißenfelser Stadtführer befasst sich seit vielen Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt und ihm gehört das Haus, in dem früher der Gasthof war, mit. „Das Hotel hieß bis zum Jahr 1945 ,Kronprinz’“, erklärt Riemer. Das Gebäude in der Merseburger Straße trägt die Hausnummer 22 und wurde im Jahr 1871/72 errichtet. Wenig später soll auch das Hotel entstanden sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Hotel „Kronprinz“ die Gaststätte „Zur Linde“. In den früheren Hotelzimmern wurden Flüchtlinge und Umsiedler untergebracht. Ende der 1950er Jahre wurde der markante Vorgarten des Lokals abgerissen. Dies geschah im Zuge der Umbauarbeiten der Merseburger Straße. 1972 wurde das Gebäude enteignet und ging in Staatsbesitz über. Von dieser Zeit an wurde das Haus umgebaut. Aus dem Gastraum wurde eine Wohnung. Anfang der 1990er Jahre ging das Haus zurück in Privatbesitz, heute befinden sich Wohn- und Büroräume darin.

Vor etwa zehn Jahren war Rose-Marie Peeck noch einmal in Weißenfels. Mit Herzklopfen, wie sie selbst sagt. „Da habe ich gesehen, das in dem Gebäude Wohnungen sind“, sagt die 79-Jährige. Gern würde sie noch einmal in ihre frühere Heimat kommen, die Strecke sei ihr mittlerweile aber zu anstrengend. „Meine Tochter will mich aber mal begleiten. Sie will erfahren, wo ihre Mutti zur Schule gegangen ist“, sagt Rose-Marie Peeck und lacht dabei.

(mz)