Eierbetteln in Leißling

Eierbetteln in Leißling: Auf der Suche nach dem Strohbär

Leißling - Gibt es ihn wirklich? An diesem Wochenende wollte es die MZ genau wissen und setzte alles daran, ein Exklusiv-Interview mit dem Strohbären vom Leißlinger Eierbetteln zu führen. „Komm ja nicht ohne das Interview wieder“, gab mir der Chef noch freundlich mit auf den Weg nach Leißling.

Von Jan Iven 22.05.2016, 20:32

Gibt es ihn wirklich? An diesem Wochenende wollte es die MZ genau wissen und setzte alles daran, ein Exklusiv-Interview mit dem Strohbären vom Leißlinger Eierbetteln zu führen. „Komm ja nicht ohne das Interview wieder“, gab mir der Chef noch freundlich mit auf den Weg nach Leißling.

Tatsächlich schaffte es der Fotograf, ein Bild von der fiktiven Figur zu schießen. Natürlich nur mitsamt dem Strohbärführer. Denn nie, nie, nie darf der Strohbär ohne seinen Strohbärführer fotografiert werden, wie mir ein aufgebrachter Hottentotte mit Knochen um den Hals erklärte. Das hätte in der Vergangenheit bereits wiederholt zu bösem Blut geführt. Das Foto war im Kasten, jetzt musste ich nur noch den Strohbären zur Rede stellen. Kann ja nicht so schwer sein.

Die Suche beginnt

Vier Stunden später. „Haben sie den Strohbären gesehen“, fragte ich völlig verzweifelt eine Krankenschwester mit offenem Ausschnitt, die auf einem Tisch tanzte und Trompete spielte. Sie setzte die Trompete ab. „Ja, doch. Irgendwo. Vorhin“, sagte sie und lachte. „Ach so. Dann werde ich mal irgendwo suchen“, antwortete ich und lachte nicht.

Überhaupt Trompeten. In Leißling scheint es mehr Blasorchester als Einwohner zu geben. Und was soll überhaupt dieses Eierbetteln? Da, wo ich herkomme, gibt es kein Eierbetteln. Nicht mal Karneval. Wir feiern Hafengeburtstag. Ohne Eier. Aber mit viel mehr Schiffen. Wegen des Hafens. Egal.

Tragik bleibt aus

Ich befragte also einen freilaufenden Panda nach diesem Eierbetteln. „Mit den Verkleidungen sollen die bösen Geister ausgetrieben werden. Und früher hatten die Leute nichts, deswegen gab es dafür Eier. Und der Strohbär wurde früher angezündet oder so“, erklärte mir der Panda sehr ausführlich. Ich erschrak.

Aber heute wird der Strohbär doch nicht mehr angezündet? „Nein, nein“, versicherte mir der Panda sichtlich amüsiert. Glück gehabt. Es wäre wirklich tragisch gewesen, wenn der Strohbär angezündet wird, bevor ich ihn doch noch interviewen kann.

Interviewpartner gefunden?

„Haben sie den Strohbären gesehen?“, fragte ich einen überdrehten Clown, der mir eine leere Tierblase an meinen Rücken knallte. „Willst du mal riechen? Die Blase stinkt total“, antwortete der Clown. „Nein, danke, ich suche nur den Strohbären.“ Der Clown bedeutete mir zu folgen, er führte mich in eine dunkle Seitengasse. Wollte er mich etwa ausrauben?

Doch da lag auf einer Treppe ein menschlicher Haufen Stroh. Daneben ein Gnom, der das Stroh mit Wasser aus einer Flasche übergoss. „Wir müssen das Stroh feucht halten, damit er sich bewegen kann“, sagte der Strohbärführer.

Endlich hatte ich ihn gefunden. Das Interview war gerettet. Doch das Wasser erinnerte mich daran, dass ich in der Hitze einen furchtbaren Durst litt und wahrscheinlich einen Sonnenstich hatte. Und so eilte ich zurück auf die Straße, um mir ein Glas Wasser an einem Stand zu kaufen.

"Komm nächstes Jahr wieder"

Eine halbe Stunde später war ich endlich an der Reihe und bekam mein Wasser. Als ich zurück in die Gasse kehrte, war der Strohbär verschwunden. Der Clown grinste mich hämisch an und fuchtelte mit einer Tierblase herum. Das Spiel begann von vorn. „Habt ihr den Strohbären gesehen?“ fragte ich eine Horde besoffener Russen. „Schau mal, wir haben die Zwiebeltürme da oben auf dem Hügel errichtet.“ Tatsächlich zierten bunte Türme den Aussichtspunkt über Leißling. „Und der Strohbär ist in diesem Garten.“ Vielen Dank.

Ich ging um das Haus in den Garten und da waren sie alle wieder: Die Hottentotten, die Krankenschwestern, die Pandas, der durchgeknallte Clown und die besoffenen Russen. Und da lag auch ein Haufen Stroh. Aber nirgends war ein Bär zu sehen. „Was hast du denn gedacht?“, fragte mich der Strohbärführer, der seine Maske abgenommen hatte. „Ohne Strohbärführer gibt es keinen Strohbären. Und ohne Leißlinger kein Eierbetteln. Komm nächstes Jahr wieder“, sagte die junge Frau. (mz)