Öffentlicher Nahverkehr

Öffentlicher Nahverkehr: In Wolfsberg fahren in den Ferien gerade mal drei Busse am Tag

Wolfsberg - Obwohl Wolfsberg zu Sangerhausen gehört, fahren nur selten Busse in die Kreisstadt.

Von Lucas Wölbing

Ein langer Tag liegt hinter Jassi: Acht Stunden Schule plus zwei Stunden Fahrt hin und zurück. Die Uhr hat längst 16.30 Uhr geschlagen, als die Zehnjährige endlich aus dem Bus steigt. Nur noch ein paar Wochen, dann brennen jetzt schon wieder die Dorflampen, wenn sie das letzte Stück nach Hause geht. Es wird wieder zeitig dunkel, doch Jassi ist froh, überhaupt gut in Wolfsberg angekommen zu sein. Denn ihr Bus war der letzte, der aus Sangerhausen eintrifft, und noch dazu ein Rufbus. Vergisst ihre Mutter, rechtzeitig bei der Verkehrsgesellschaft anzurufen, sitzt Jassi in Sangerhausen fest.

Es ist nicht leicht, so abgelegen zu wohnen - das merkt die Schülerin schon jetzt. Einfach spontan Freunde in der Stadt treffen, das geht nur, wenn „Taxi Mama“ Zeit hat, denn gerade in der Ferienzeit steht es schlecht um die Busverbindungen zwischen Wolfsberg und der Kreisstadt. Ja, wenn Jassis Mutter Ellen Kaschner und andere Eltern sich unterhalten, stoßen sie oft auf eine ernüchternde Feststellung. „Wir sind womöglich der Sangerhäuser Ortsteil mit der schlechtesten Busverbindung“, sagt Kaschner.

Am Samstag ist Wolfsberg komplett vom Busverkehr abgeschnitten

Es fährt kaum eine öffentliche Linie - kein Bus ins Nirgendwo. Während anderswo die Fahrpläne an der Haltestelle eine ganze A4-Seite füllen, begnügt man sich in Wolfsberg mit kaum einem Drittel dieses Platzes. Und dennoch ist es auf den ersten Blick gar nicht so schlecht bestellt um das kleine Harzdorf: Immerhin sieben Fahrgelegenheiten gibt es an Schultagen in die Stadt, in den Ferien sind es nur noch drei. Aber die meisten Busse fahren am frühen Morgen. Am Nachmittag mit den Kindern nach Sangerhausen und zurück zu düsen, sei schwierig, findet Tina Hellwig, Mutter zweier Töchter.

„Wir Eltern gehen alle lange arbeiten“, sagt sie. „Eine Familie muss oft zwei Autos unterhalten. Aber wenn wir nicht da sind, bräuchten unsere Kinder den Bus.“ Sie erzählt von einem jungen Mädchen, das gern an seiner Schule Theater gespielt hätte. Doch die Proben finden am Samstag statt - ausgerechnet dann, wenn Wolfsberg komplett vom Busverkehr abgeschnitten ist. „Zum Glück haben wir ein Schwimmbad im Dorf“, sagt Hellwig. „Dafür müssen unsere Kinder nicht über Land fahren.“

Probleme in anderen Harzdörfern

In Wolfsberg gibt es viele Familien mit schulpflichtigen Kindern. Ein Blick in die Statistiken des Sangerhäuser Einwohnermeldeamtes verrät: Durch regen Zuzug entwickelt sich der Ort entgegen dem demografischen Trend. Wolfsberg ist ein recht junges Dorf.

Doch die Sache mit dem Sich-Abgeschieden-Fühlen ist kein Wolfsberger Problem: Dietersdorf, Hayn und Hainrode - in den Harzdörfern könnten wohl viele ein Lied davon singen. Bustechnisch sind sie nicht besser aufgestellt. Und doch zeigt der Vergleich in den Fahrplänen der Verkehrsgesellschaft Südharz (VGS): Die sieben Fahrten pro Tag sind in den meisten Dörfern üblich. Mehr gibt es in kleinen Orten fast nirgendwo. In Wolfsberg will sich darum auch niemand aufregen, denn die Leute hier haben Wege gefunden, das Leben „am Ende der Welt“ zu meistern.

Wolfsberg liegt genau zwischen Harzgerode und Sangerhausen; mitten im Wald. Die Winter hier oben seien härter, erzählt Ellen Kaschner. „Manchmal waren wir schon eingeschneit und dann kam auch kein Bus durch.“ Das winzige Dorf mit seinen 140 Einwohnern gehört einfach in den Harz - und doch haben sich die Wolfsberger zur großen Gebietsreform 2010 für Sangerhausen entschieden; für die Stadt, die mehr als eine halbe Stunde von ihrem Ort entfernt liegt.

Viele Wolferberger fühlen sich eher Harzgerode zugehörig

„Manchmal findet unser Leben doch öfter in Harzgerode statt“, erzählt Tina Hellwig, deren Töchter dort zur Schule gehen. Egal ob einkaufen, Arztbesuch oder tanken - zumindest zeitlich gestaltet sich eine Fahrt in den Harzkreis oft günstiger. Denn in Wolfsberg selbst gibt es - bis auf ein Sägewerk - kaum noch Gewerbe. Der „Tante-Heidi-Laden“ hat seit Jahren geschlossen, die Gaststätte auch. Nur einmal pro Woche kommen ein Fleischer- oder Bäckerwagen - beide am Mittag. „Für uns Berufstätige ist das natürlich ungünstig. Wir müssen wegen jedem Gramm Zucker in die Stadt“, so Kaschner.

Für sie gibt es in Sachen Bus einen Lichtblick: Immer Dienstag und Donnerstag setzt die VGS Kraftomnibusse nach Roßla ein, für die sich Bürger vorher anmelden können. „Ich sehe viele Wolfsberger, die das auch nutzen“, freut sich Sybille Lucas, deren Schwiegermutter selbst oft mitfährt. „Sie gehen dann in die Rosspassage, kaufen ein und kommen mal raus.“

Für Jassi und ihre Freundinnen Charlene und Joline ist das manchmal nicht so einfach. Gern würden sie am Nachmittag auch mal länger in Sangerhausen bleiben, einen Ferientag bei ihren Freundinnen verbringen oder auch mal zum Sport gehen, sagen sie. Doch nach Hause zu kommen, gestaltet sich schwierig. „Wir bilden oft Fahrgemeinschaften“, berichtet Jolines und Charlenes Mutter, Tina Hellwig. (mz)