Mifa in Sangerhausen

Mifa in Sangerhausen: So reagiert die Region auf die Insolvenz

Sangerhausen - Fahrradbauer stellt erneut Insolvenzantrag. Wie geht es jetzt weiter?

Von Frank Schedwill 05.01.2017, 07:00

Viele kommen mit gesenkten Köpfen durch die Drehtür am Haupteingang. Zum Ende der Schicht Mittwochnachmittag im alten Mifa-Werk an der Kyselhäuser Straße in Sangerhausen kann man die Zukunftsangst der Mitarbeiter fast mit den Händen greifen. Kaum einer will etwas sagen. Im neuen Werk an der Südharz-Autobahn A 38, in das der Fahrradbauer gerade umzieht, sollen die Beschäftigten bereits gut eineinhalb Stunden zuvor nach Hause geschickt worden sein.

So reagieren die Mitarbeiter des Fahrradbauers Mifa auf die Insolvenznachricht

Um 12 Uhr hatte sich die Online-Meldung der MZ über den erneuten Insolvenzantrag des Traditionsherstellers wie ein Lauffeuer unter den rund 520 Beschäftigten des Fahrradbauers verbreitet. „Informationen von der Geschäftsführung gab es nicht“, sagt ein Mifa-Mitarbeiter verbittert, bevor er auf dem Parkplatz des alten Werks in sein Auto steigt. Niemand wisse, wie es weitergehe.

Andere berichten davon, dass sie so etwas wie eine Insolvenz bereits befürchtet hätten. Im vergangenen Monat habe die Mifa erstmals die Löhne nur mit tagelanger Verspätung gezahlt. Auch Lieferanten hätten auf ihr Geld warten müssen oder wohl gar nicht bekommen. Einige sollen deshalb bereits am Dienstag Material aus der Mifa zurückgeholt haben.

„Mich betrifft die Insolvenz zum Glück kaum noch“, sagt ein älterer Mitarbeiter. „Ich habe schon 45 Arbeitsjahre auf dem Buckel. Aber die jüngeren Kollegen tun mir leid.“ Das Schlimmste sei die Ungewissheit für ihre Familien.

Auch Landrätin Angelika Klein (Linke) äußert sich besorgt: „Der Insolvenzantrag der Mifa Bike GmbH ist ein schwerer Schlag für die Region. Vor allem mit Blick auf die Männer und Frauen, die das Unternehmen beschäftigt und die nun vor einer ungewissen Zukunft stehen, ist das eine schlimme Nachricht gleich zu Jahresbeginn.“

Der Insolvenzantrag komme sehr überraschend, da die Geschäftsführung der Mifa dem Landkreis gegenüber stets kommuniziert habe, dass das Unternehmen trotz aller Schwierigkeiten auf sicheren Füßen stehe. Klein sagt weiter: „Es bleibt zu hoffen, dass es durch die angekündigte Restrukturierung des Unternehmens gelingt, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten.“ Der Landkreis habe in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um den Traditionsstandort zu erhalten. Umso schwerer wiege die Nachricht von der erneuten Insolvenz.

Nachricht über Insolvenz der Mifa überrascht alle

Oberbürgermeister Ralf Poschmann (CDU) hat versucht, Kontakt mit der Mifa-Geschäftsführung aufzunehmen. Das sei nicht gelungen. „Ich bin schon irritiert, dass wir nach den vielen Verhandlungen mit der Mifa in den vergangenen Monaten keine direkten Informationen aus dem Unternehmen bekommen haben.“ Schlimm sei es für die Beschäftigten des Werks. „Sie sind nach der zweiten Insolvenz in etwas mehr als zwei Jahren naturgemäß sehr verunsichert. “

Die IG Metall hat nach dem Insolvenzantrag bereits mit dem Betriebsrat der Mifa gesprochen. „Wir stehen aber ohnehin in ständigem Kontakt“, sagt Michael Perner, Gewerkschaftssekretär bei der IG-Metall Halle-Dessau. „Uns hat der Insolvenzantrag auch überrascht, zumal es mit dem Bau des neuen Mifa-Werks so aussah, als wären die Weichen für eine positive Zukunft gestellt.“ Die Gewerkschaft werde sich auf jeden Fall für die Beschäftigten einsetzen, kündigt Perner an. Konkret wollen sich die Gewerkschaft und der Betriebsrat der Mifa am Donnerstag äußern.

Die Sangerhäuser Agentur für Arbeit erfuhr durch die MZ von der Insolvenz. Sprecherin Uta Mayer sicherte umgehend „allen Beteiligten jegliche Unterstützung zu“. Eine Insolvenz sei für alle Beteiligten ein einschneidendes Ereignis. In einem solchen Fall setze sich das Unternehmen mit der zuständigen Arbeitsagentur in Verbindung. Damit die Mitarbeiter der Mifa Bike GmbH nicht in ein finanzielles Loch fielen, sehe der Gesetzgeber die Zahlung von Insolvenzgeld zum Ausgleich des ausgefallenen Arbeitsentgeltes vor. „Wir sind für solche Fälle gut gerüstet und lassen die Mitarbeiter in dieser schwierigen Phase nicht allein.“ Praktisch gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder beantrage der Insolvenzverwalter das Insolvenzgeld zentral. Oder jeder Arbeitnehmer müsse den Antrag individuell bei der Agentur stellen. Mayer: „Das wird der Insolvenzverwalter entscheiden.“

Großbäckerei Aryzta bietet Mitarbeitern der Mifa Bewerbungsmöglichkeiten an

Keineswegs überrascht äußert sich Harald Oster, Chef der FDP-Fraktion im Sangerhäuser Stadtrat. „Es ist abzusehen gewesen. Ich habe in einer internen Runde der Fraktionsvorsitzenden Herrn von Nathusius als Raubtierkapitalisten bezeichnet und war der einzige, der diese Meinung vertreten hat.“ Es gebe Menschen, mit denen man keine Geschäfte macht, und von Nathusius gehöre dazu. „Die Stadt hat Lasten auf sich genommen und sich vorführen lassen. Es sind Millionen ausgegeben worden für ein wieder pleitegegangenes Unternehmen.“ Ob es sich nur um einen „Befreiungsschlag“ handele, sei fraglich - doch selbst wenn: „Wer vertraut dann noch der Mifa?“

Die Großbäckerei Aryzta mit Standorten in Eisleben und Mansfeld hat am Nachmittag angeboten, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mifa dort bewerben könnten. Personalchefin Cathleen Schlüter: „Wir suchen Mitarbeiter für die Bereiche Produktion, Technik und Logistik.“ Insgesamt seien hundert Stellen frei. Bezahlt werde nach Haustarifvertrag. Bereits im Herbst hatten 40 Mitarbeiter der insolventen Firma Frenzel aus Ringleben (Kyffhäuserkreis) einen neuen Job bei dem Hersteller für Tiefkühl-Backwaren gefunden. (mz)