Scherben bringen Glück

Sensationeller archäologischer Fund: Kacheln geben Aufschluss auf die Geschichte Querfurts

Bei den Ausgrabungen auf der Burg Querfurt fanden Archäologen viele Bruchstücke. Sie konnten sie zu Ofenkacheln aus dem 16. Jahrhundert rekonstruieren.

Von Robert Briest
Vier von 30 Motiven, die die Archäologen als Kacheln gefunden haben: Kaiser Ferdinand I. (l),  die alttestamentarische Judith mit dem Haupt des Holofernes (o. M.), Maria bei der Ankündigung von Jesus’ Geburt (o. r.) und die typische Signatur der „Berman“-Kachel.
Vier von 30 Motiven, die die Archäologen als Kacheln gefunden haben: Kaiser Ferdinand I. (l), die alttestamentarische Judith mit dem Haupt des Holofernes (o. M.), Maria bei der Ankündigung von Jesus’ Geburt (o. r.) und die typische Signatur der „Berman“-Kachel. (Foto: Robert Briest)

Querfurt/MZ - „In diesem Fall konnten die Kollegen sogar dem Vandalismus etwas abgewinnen“, erklärte Matthias Becker. Er war Leiter der Ausgrabungen von 2018 bis 2020 auf der Burg Querfurt und am Dienstag zugegen, als die Landeshistoriker einen Teil der damaligen Funde der Öffentlichkeit präsentierten. Es handelte sich dabei um Ofenkacheln aus dem 16. Jahrhundert.

Archäologen fanden viele Scherben konzentriert auf kleinem Raum

Die Archäologen hatten sie in einer bis zu 1,30 Meter dicken Schuttschicht zwischen der unteren Mantelmauer des Dicken Heinrich und der Westtoranlage entdeckt. Becker vermutet, dass die dazugehörigen Öfen im Zuge des Dreißigjährigen Krieges, als die Querfurter Burg mehrfach Besitzer und Besetzer wechselte, zerstört worden sind. Welche der Kriegsparteien allerdings für die Zerstörung verantwortlich ist, vermochte der Archäologe nicht zu sagen.

Das damalige Unglück des Krieges für die Bevölkerung hat für die Forscher der Gegenwart einen Vorteil. Da die Reste der zerstörten Öfen zentral entsorgt wurden, fanden die Archäologen nun viele Scherben konzentriert auf kleinem Raum. Am Arbeitsplatz von Vera Keil kamen die in 20 Kisten an. Über 1.000 Einzelteile, wie die Restauratorin berichtete: „Rausgekommen sind am Ende 80 Kacheln mit 30 verschiedenen Motiven. Es war wie 80 Puzzle, die jemand zusammengeworfen hatte.“ Dennoch war die Restauration der teils wieder zusammengeklebten Kacheln für Keil eher eine der leichteren Aufgaben: „Es hat Spaß gemacht, weil dabei Motive entstanden sind.“

Kacheln geben tiefe Einblicke über die Geschichte Querfurts

Die interessierten Ralf Kluttig-Altmann vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie besonders, der die Kacheln auf 1520 bis 1570 datierte: Viele der Funde seien Seltenheiten, „Sie erlauben uns einen Blick ins 16. Jahrhundert. Sie zeigen, welche Motive und Ideen damals wichtig waren, erlauben auch einen Einblick in die Ausstattungskultur der Burg.“ Die Kachelöfen seien wie keramische Bilderbücher gewesen, die auch für diejenigen, die nicht lesen konnten, zeigten, was wichtig war.

Zu den Schwerpunkten des 16. Jahrhunderts zählte dabei wenig überraschend die Religion. So gibt es einige Motive aus der Passionsgeschichte, etwa eine Szene, in der Maria die Geburt Jesus verkündet wird. Eine andere der großteils grün glasierten Kacheln stellte eine alttestamentarische Szene dar: Judith mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes. „Im 16. Jahrhundert war das ein zwiespältiges Motiv, das sowohl negativ als auch positiv interpretiert wurde“, erklärte Kluttig-Altmann. Der Legende nach wollte Feldherr Holofernes die Heimatstadt der Witwe Judith einnehmen. Während der Belagerung bot sie sich ihm an, um ihn im Zuge eines nächtlichen Gelages zu enthaupten.

Gros der Kacheln in Querfurt sind lokal produziert

Eine Reihe von Kacheln zeigen dagegen weltliche Motive. So fanden die Forscher einige Darstellungen von Kurfürsten und Kaiser Ferdinand I. und Eulenspiegel. Eine ganze Reihe von Scherben ließ sich zu einem Wappen des Kardinals Albrecht, eines der wichtigsten Gegenspieler Martin Luthers, zusammensetzen, der Anfang des 16. Jahrhunderts zu den Burgherren zählte. Zu den wichtigen Funden gehörten auch zwei Serien von Berman-Kacheln. Die tauchen im gesamten Gebiet zwischen Skandinavien und der Schweiz auf, berichtete Kluttig-Altmann.

Das Gros der nun in Querfurt gefundenen Kacheln ist nach Ansicht des Historikers dennoch lokal produziert. Damals sei vielmehr mit den entsprechenden Formen für die Herstellung gehandelt worden. In der Forschung sei noch unklar, ob Berman selbst Händler oder doch ein Schnitzer der Formen war. Die Kacheln selbst sind nur ein Teil der Entdeckungen, welche die Archäologen in Querfurt gemacht haben. Wenn die Ausgrabungen komplett ausgewertet sind, will das Landesamt eine Publikation zur Burg herausgeben. Auch über eine Sonderausstellung wird in Halle nachgedacht.