Kleineichstädt

Kleineichstädt: Wie das alte Schloss auf Vordermann gebracht wird

Kleineichstädt - Die Wasserleitung funktionierte nicht, Toiletten waren draußen, für die Familie gab es anfangs nur ein Zimmer, später zwei. „Hier unter der Turmuhr haben wir gewohnt“, erzählt Hilde Rühlmann heute in geselliger Runde im Kleineichstädter Schloss. Die Familie der 80-Jährigen kam als Vertriebene nach Kleineichstädt - und wurde wie andere zunächst im Herrenhaus untergebracht, im Dorf nur Schloss ...

Von Katrin Löwe

Die Wasserleitung funktionierte nicht, Toiletten waren draußen, für die Familie gab es anfangs nur ein Zimmer, später zwei. „Hier unter der Turmuhr haben wir gewohnt“, erzählt Hilde Rühlmann heute in geselliger Runde im Kleineichstädter Schloss. Die Familie der 80-Jährigen kam als Vertriebene nach Kleineichstädt - und wurde wie andere zunächst im Herrenhaus untergebracht, im Dorf nur Schloss genannt.

70 Jahre ist das her. Für Nicole Föhlisch sind Menschen wie Rühlmann wichtige Zeitzeugen. Sie hat sie in den vergangenen Monaten selbst befragt. Entstanden ist aus den Berichten, aus alten Chroniken des heutigen Querfurter Ortsteils, historischen und neuen Fotos eine 28-seitige Broschüre zu einem Jubiläum: dem 150. des Schlosses, das am Samstag gefeiert wird.

Vater hat Schloss ersteigert

Föhlisch ist Vorsitzende des „Vereins zum Erhalt des Schlosses Kleineichstädt“. Dass es nicht verfallen ist, hat auch mit ihrer Familie, besonders mit ihrem Vater zu tun: Der Unternehmer, dessen Frau aus dem Ort stammt, hat das Schloss 2003 ersteigert. Er kennt das Haus seit den 70ern, nennt es ein „Liebhaberstück“.

In der Familie hat der Kauf einst durchaus Kopfschütteln ausgelöst, erinnert sich die Tochter. „Aber da war es schon zu spät.“ Nach eigenen Angaben hat Föhlisch in den Folgejahren rund 400.000 Euro investiert, um das 1866 für den Gründer der Vitzenburger Zuckerfabrik gebaute Gebäude so weit wie möglich in den Ursprungszustand zu versetzen.

Wohnhaus derer von Münchhausen ist es zwischenzeitlich gewesen, Kindererholungsheim für Waisen, Umsiedler-Wohnraum, Schule. Zuletzt war es 44 Jahre lang als Pflegeheim genutzt worden, ab 2002 hatte es leer gestanden. „Wir waren froh, dass sich jemand gefunden hat“, sagen Kleineichstädter wie Ursula Götsch (78). Groß sei die Angst vor Vandalismus gewesen, wie man ihn oft in leer stehenden Gebäuden erlebt.

Verein kümmert sich um Erhalt

Für Föhlisch und seine Mitstreiter gab es indes viel zu tun: Die Pflegeheim-Ölfarbe musste runter, der alte Linoleumboden ebenso. Balkenköpfe waren weggefault, Stuck wurde freigelegt, Räume im alten Zuschnitt hergerichtet und saniert. 2012 wurde der Verein gegründet, der sich heute um den Erhalt kümmert. Anfangs noch weitgehend in Familienhand, hat er inzwischen 16 Mitglieder.

Das Schloss bleibt ein Mammutprojekt: Erst ein Teil des Daches ist erneuert, die Fassade muss gemacht werden. „Wir reparieren viel“, sagt Nicole Föhlisch. Auf Fördermittel könne der Verein nicht zurückgreifen - der Anteil an Eigenmitteln für komplette Projekte wäre nicht aufzubringen. So geht es immer Stück für Stück voran - viel Arbeit auch für die Angestellte des halleschen Jobcenters, die schon in ihrer Kindheit quasi jedes Wochenende in Kleineichstädt verbracht hat, sich heute dort um Organisatorisches kümmert. Ein Jahr nicht zu investieren, geht nicht, sagt sie. „Das holt man nicht mehr ein.“ Zuletzt entstand für rund 10000 Euro ein Terrassengeländer.

Einnahmen aus Gastbetrieb fließen in Gebäude

„Wir können nur mit dem Geld arbeiten, das wir erwirtschaften“, sagt Föhlisch. Seit 2004 existiert im Haus ein Gastbetrieb, dessen Einnahmen ins Gebäude fließen. Private Feiern können ausgerichtet werden, in den oberen Etagen finden sich dann Übernachtungsmöglichkeiten. An Wochenenden finden Stammtische und Vereinstreffen statt, Früh- und Abendshoppen, Kaffeenachmittage. Kleineichstädt hat heute rund 170 Einwohner - und wieder einen Treffpunkt. „So leisten wir einen Beitrag, die ländliche Kultur zu erhalten, dort, wo es keine Einkaufsläden, Ärzte und kaum Verkehrsanbindungen gibt“, so Föhlisch. Das, sagt sie, seien schöne Erfahrungen.

Es wird auch bei der Jubiläumsfeier viel zu erzählen geben. Über neue Zeiten und über alte. Wo heute die Gastraum-Theke ist, erinnert sich zum Beispiel Ursula Götsch, hat sie einst noch mit dem Vater von Eiskunstlauf-Star Katarina Witt die Schulbank gedrückt.

Jubiläumsfeier am 18. Juni ab 14 Uhr, Livemusik und Tanz am Abend (mz)