Diskussion

Was ist geblieben von der politischen Wende 1989? Zeitzeugen diskutierten im Jugendzentrum Haltestelle Quedlinburg

Quedlinburg - Das Evangelische Jugendzentrum Haltestelle, Ausgangspunkt für die friedliche Revolution in Quedlinburg, lädt zum Blick zurück und in die Gegenwart ein.

Von Petra Korn 21.10.2019, 09:26

Während zeitgleich in Halle ein Konzert zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags vom 9. Oktober stattfindet, hat am Sonnabendabend in Quedlinburg das Evangelische Jugendzentrum Haltestelle eingeladen. Anlass ist die friedliche Revolution vor 30 Jahren, für die in Quedlinburg die Haltestelle der Ausgangspunkt war.

Unter dem Thema „Demokratie und Täuschung“ geht es am Sonnabendabend um diese friedliche Revolution und die Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung bis heute. „Nach Halle verändert sich dieses Thema noch einmal“, sagt Hans-Christoph Jaekel, vor 30 Jahren Jugenddiakon und einer der Quedlinburger Hauptakteure der friedlichen Revolution.

„Wir haben gewusst, dass es Antisemitismus gibt, dass es Rassismus gibt.“ Dazu habe man sich in kleiner Runde auch positioniert. „Das reicht nicht mehr. Wir brauchen heute wieder den deutlichen Protest dagegen“, sagt Jaekel, der dankbar ist, dass das gerade in Halle geschehe.

Hennig Schluß spannt den Bogen vom Ende der 1980er Jahre bis in die Gegenwart

Der Abend in der Aegidiikirche Quedlinburg solle auch „keine Nostalgie-Veranstaltung“ werden, sagt Andreas Montag. Der Redakteur und Leiter des Ressorts Kultur bei der Mitteldeutschen Zeitung moderiert die Podiumsdiskussion - ein Teil des Abends, der mit Unterstützung des Förderkreises für die St.-Aegidii-Kirche gestaltet und in Zusammenarbeit mit der Partnerschaft für Demokratie Quedlinburg durch das Bundesprogramm „Demokratie leben“ gefördert wird. 

Zunächst aber hält Hennig Schluß eine Festrede. Vor 30 Jahren im Diakonischen Jahr in Neinstedt und in der Haltestelle engagiert, heute Professor in Wien, wirft er „Blitzlichter auf verschiedene Ereignisse“ und spannt so den Bogen von der Vorwendezeit in der Haltestelle - in der „Erziehungsdiktatur“ DDR „ein Ort von Freiheit und Bildung“ - bis ins Heute, wo die AfD angetreten sei, sich als „Vollender der Wende“ darzustellen.

Vollendung - „das funktioniert nicht“, sagt Schluß und verweist auf Kant: „Wir sind in einem Zeitalter, in dem die Aufklärung immer noch weitergehen muss.“

Kathrin Thiele, damals Schülerin, fand im Jugendzentrum Haltestelle den Ort, „wo man Themen besprechen kann” 

Auf dem Podium geht es zunächst natürlich um die Ereignisse vor 30 Jahren, um das, was die Gesprächspartner bewegte, aktiv zu werden, oppositionell, und wie das mit der Angst war. Kathrin Thiele, damals Schülerin, erinnert sich noch gut daran, die Situation in der DDR als „schizophren“ erlebt zu haben und „damals sehr auf der Suche nach einem freien Ort“ gewesen zu sein, „wo man Themen besprechen kann, die eine 16-Jährige interessieren“.

Durch Aushänge in der Bockstraße auf die Haltestelle aufmerksam geworden, habe sie in dem Jugendzentrum diesen Ort gefunden. Für Uwe Barz, zur Wende Tankwart, verbindet sich der erste aktive Widerstand mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann: Gemeinsam mit einer Kollegin habe er eine Liste zum Unterschreiben einer Arbeitsschutzbelehrung kurzerhand in eine Unterschriftenlisten gegen die Ausbürgerung von Biermann umbenannt.

Uwe Barz, damals Tankwart, verteilte Flugblätter der Haltestelle an Autofahrer 

Mit Hans-Christoph Jaekel kam er zunächst in Kontakt, weil dieser Kunde an der Tankstelle war - an der dann später die Flugblätter aus der Haltestelle verteilt wurden. Kristina Fischer-Gerloff, die zu den ersten Aktiven im Neuen Forum in Quedlinburg gehörte, waren damals die „Verpflichtung, etwas anderes zu wollen“, und das „Zusammengehörigkeitsgefühl mit Menschen, die ein Ziel haben“, sehr wichtig.

Natürlich habe man auch Angst gehabt, sagt sie, „Angst, ja, aber da war noch was, was stärker war“. Harald Junge, seit 1986 in der Haltestelle aktiv, erinnert sich an eine Flugblatt-Protestaktion gegen das Atomkraftwerk Stendal. Die vier Akteure damals hätten sich darüber unterhalten, was passiere, wenn sie in den Westen abgeschoben würden. „Da war“, sagt Junge, damals Vater einer zweijährigen Tochter, „dolle Angst.“

Warum sind heute viele Menschen unzufrieden mit der Demokratie?, fragt Moderator Montag

Aber wie kommt es, dass heute, wo man die damals so gewollte Demokratie hat, so viele unzufrieden damit sind, es so viel Wut gibt, die sich auf andere richtet, spannt Andreas Montag den Bogen ins heute.

Kristina Fischer-Gerloff sieht das Hauptproblem in einer fehlenden Kommunikation: „Mir fällt zunehmend auf, dass Menschen, mit denen man reden will, gar nicht mehr zuhören wollen, sie eine manifestierte Meinung haben.“

Aber man dürfe nicht lockerlassen, müsse das Gespräch immer wieder suchen. Hans-Christoph Jaekel denkt, dass dies viel damit zu tun hat „dass sich unser Leben bürokratisiert“; in Verwaltungen werde eine Sprache gesprochen, die keiner mehr verstehe. Gelernt werden müsse, Kompliziertes einfach zu erklären. Und: Als Zivilgesellschaft müsse man sich trauen, in der „kleinen Kommunikation“ die moralischen Prinzipien klar und deutlich zu sagen.

„Wir wollen keine Gewalt“

„Wir standen damals 1989 gegen eine Diktatur auf“; heute sei „die Bedrohung viel größer“, lenkt Henning Schluß den Fokus auf die junge Generation und die „Fridays for Future“-Proteste. 1989 „stand nicht das Überleben der Menschheit auf dem Spiel“; heute sei das anders, und „wenn wir so weitermachen, machen wir es einfach unausweichlich“.

Christine Bick, die zu den Gästen des Abend gehört, hat auch vor 30 Jahren die Situation bedrohlich gefunden, als die Massen „fast wie Lynch-Justiz“ vor die Stasi gezogen seien. Mutige Vertreter der Kirche hätten damals aufgefordert, friedlich zu bleiben.

Sie hält es auch heute, wo Massen aus unterschiedlichem Anlass auf die Straße gehen, für eine wichtige Aufgabe, aufzufordern, friedlich zu bleiben, zu sagen, „wir wollen keine Gewalt“. (mz)