Stadtwald in Quedlinburg

Stadtwald in Quedlinburg: Die Kiefern sterben

Quedlinburg - Die braunen Baumkronen stechen in dem satten Grün des Stadtwaldes hervor. Sie sind Vorbote einer Krankheit, die sich derzeit im Forstbezirk Steinholz zu einer ernsten Bedrohung für den Baumbestand ...

Von Sabine Herforth
Revierförster Kai Wiebensohn sah Ende August den sich schnell ausbreitenden Pilz in dieser Menge zum ersten Mal. Der Kiefernzweig in seiner rechten Hand ist noch gesund, die anderen Zweige der Krone einer gefällten Kiefer sind komplett tot.
Revierförster Kai Wiebensohn sah Ende August den sich schnell ausbreitenden Pilz in dieser Menge zum ersten Mal. Der Kiefernzweig in seiner rechten Hand ist noch gesund, die anderen Zweige der Krone einer gefällten Kiefer sind komplett tot. Urheber: Chris Wohlfeld

Die braunen Baumkronen stechen in dem satten Grün des Stadtwaldes hervor. Sie sind Vorbote einer Krankheit, die sich derzeit im Forstbezirk Steinholz zu einer ernsten Bedrohung für den Baumbestand entwickelt.

Denn seit einigen Monaten hat hier ein beunruhigendes Kiefernsterben eingesetzt. Auslöser ist das sogenannte Diplodia-Triebsterben. Es wird durch den Erreger Sphaeropsis sapinea verursacht, einen Pilz, der lange bekannt ist und auch in vielen anderen Regionen Kiefern befällt.

Dass eine Kiefer befallen ist, lässt sich leicht erkennen. Zunächst verblassen die Nadeln und werden dann braun. „In der Folge wird die ganze Krone braun“, erklärt Kai Wiebensohn vom Quedlinburger Bauhof. Der Baum kann keine Knospen mehr austreiben und stirbt schließlich. „Es ist eine Gefahr für die Kiefernwälder in Quedlinburg und der Region“, so Wiebensohn. Im Steinholz ist bereits jetzt etwa ein Drittel der Bäume betroffen.

Mehr als 100 Bäume sind befallen

Die Sporen würden sich unsichtbar verteilen, stellten bisher aber keine Bedrohung für den Stadtwald dar. Bis Mitte vergangenen Jahres seien die Bäume ohne erkennbare Schäden geblieben. Doch im August änderte sich die Situation, als erste Nadelkronen der Kiefern im Steinholz braun wurden. Der Pilz entwickelte zunehmend pathogene - also krankheitserregende - Eigenschaften, erklärt Wiebensohn. Denn Ende September waren bereits mehrere hundert Bäume betroffen. Zu dieser Zeit standen die Mitarbeiter des Bauhofes noch vor einem Rätsel.

Dass es sich um das Diplodia-Triebsterben handelte, bekamen sie jedoch schnell heraus. So gab es beispielsweise in Dessau-Roßlau zeitgleich ein massives Problem mit dem Pilz. Die wirkliche Ernüchterung kam mit der Frage „Was tun?“. „Man kann diesen Pilz nicht bekämpfen“, bringt es Kai Wiebensohn auf den Punkt. Es könne nur dort reagiert werden, wo sich der Befall zeigt.

Stress macht Bäume anfälliger

Vermutet werde, so Wiebensohn, dass die Bäume anfällig werden, wenn sie in eine Stresssituation kommen. Bei früheren Ausbrüchen konnten diese auf vorherigen Schädlingsbefall, Schäden durch Hagelschlag oder ähnliches zurückgeführt werden. Nichts dergleichen belastete die Kiefern im vergangenen Jahr. Wiebensohn vermutet, dass Hitze und Trockenheit der beiden Monate ausreichten, um die Kiefern stark zu schwächen. „Die Bäume sind diesem Stress ausgesetzt, und dann bricht der Pilz aus.“

Vor allem im Steinholz sei der Befall massiv und die Sorge um die wertvollen Kieferbestände groß. Nicht nur ökologisch sondern auch wirtschaftlich seien die Bäume kostbar. Die Krankheit verursacht, wenn mit dem Fällen zu lange gewartet wird, eine Bläue im Holz, die dessen Wert erheblich senkt. Deshalb sollten die betroffenen Kiefern schnellstmöglich geschlagen werden - auch weil sich sonst andere Schädlinge über die toten Bäume hermachen könnten.

Das Zeitfenster für Fällarbeiten ist kurz. Denn das Steinholz ist ein Naturschutzgebiet, in dem nur zwischen dem 1. Oktober und 28. Februar Holz geschlagen werden darf. „In der anderen Zeit wird im Steinholz gar nichts gemacht“, betont Wiebensohn.

Ein Kahlschlag erfolgte dennoch nicht. Stattdessen setzt der Bauhof auf eine erweiterte Durchforstung. Dabei werden gezielt abgestorbene, schwache oder schlagreife Bäume entfernt. Durch das eingetretene Diplodia-Triebsterben konzentrierte sich die Maßnahme in diesem Fall vor allem auf die Kiefern, die bereits absterben.

Doch wie soll es auf den Flächen weitergehen? „Es kann ja sein, dass dieser Pilz in den nächsten Jahren weiterarbeitet. Wir müssen schnell reagieren“, gibt Wiebensohn zu bedenken. Die langfristige Planung sieht vor, im Steinholz vor allem den Kiefernbestand nach und nach in Laubholz umzuwandeln. Diese Maßnahme sollte in den nächsten 70 bis 80 Jahren umgesetzt werden. „Jetzt kommt das massiv auf uns zu“, erklärt er.

Schnelles Handeln ist gefragt

„Für das Steinholz ist auch die Bodenflora von Bedeutung“, betont Wiebensohn. Wird ein Baum entnommen und zu lange mit dem Aufforsten gewartet, könnten sich dort Büsche und Sträucher ausbreiten. Deshalb soll nun früher als geplant ein naturnaher Laubwald entstehen. In diesem Jahr soll zunächst ein Hektar Fläche aufgearbeitet werden. „Als wir das geplant haben, wussten wir noch nicht, was auf uns zu kommt.“ Das sind neben viel Arbeit auch Kosten. Denn der Verkauf des Holzes deckt diese nicht, deshalb hofft der Bauhofmitarbeiter auf Fördermittel zur Finanzierung.

Sorge bereitet Kai Wiebensohn der größte Forstbezirk Quedlinburgs. Denn 70 Prozent des Bestandes auf der etwa 350 Hektar großen Fläche des Eselstalls bestehe aus Kiefern. „Da haben wir bisher keine großen Schäden“, sagt er. Nur einzelne Bäume seien betroffen gewesen und wurden entnommen. Dass die Sporen sich hier dennoch großflächig verteilt haben, daran hat er aber keinen Zweifel. „Es bleibt abzuwarten, wie es sich entwickelt“, fügt er an. Eine Hoffnung sei aber, dass der Winter lang und kalt genug war und dem wärmeliebenden Pilz womöglich den Garaus gemacht hat. (mz)

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Der Pilz „Sphaeropsis sapinea“ befällt Nadelbäume weltweit. Lange Zeit verursachte er aber vor allem in wärmeren Regionen größere Schäden. Die heißen Sommer der vergangenen Jahre boten perfekte Bedingungen. Allein 2016 war in vielen Regionen das Diplodia-Triebsterben zu beobachten.

In der Oranienburger Heide konnte sich der Pilz fast flächendeckend ausbreiten und bedroht den Bestand. Dort wurden befallene Kiefern mit einem Harvester abgeholzt.

In Wittenberg und Dessau-Roßlau waren 2016 mehrere hundert Hektar von dem Pilz betroffen. Seit 1984 waren dort immer wieder einzelne Bäume befallen, derart große Bestände waren bisher aber nicht gefährdet.

2011 löste ein Hagelschlag den Pilzbefall in einem Waldgebiet in Braunsdorf aus. Die geschwächten Bäume wurden von Borkenkäfern befallen. 55 Hektar Wald mussten gerodet werden.