Harzklinikum

Quedlinburger OB vor Kreistag: „Werden an unserer DNA beschnitten“

Frank Ruch richtet nach Schließung der Geburtenstation eine Protestnote an den Harzer Kreistag. Auch die Stadtratspräsidentin übt Kritik. Der Klinik-Chef bezieht Stellung.

Von Rita Kunze 13.05.2022, 12:30

Halberstadt/MZ - Der Oberbürgermeister von Quedlinburg Frank Ruch (CDU) hat sich in der Einwohnerfragestunde des Harzer Kreistags am Mittwoch zu Wort gemeldet: Mit Auszügen aus einer vierseitigen Protestnote gegen die Schließung der Klinik für Geburtshilfe am Quedlinburger Standort des Harzklinikums (die MZ berichtete zuletzt am 10. Mai) machte er deutlich, wie gravierend diese Strukturveränderung innerhalb des kommunalen Krankenhauses in der Stadt wahrgenommen wird.

Die „Kernkompetenzen“ der Stadt würden neben dem Welterbe „eindeutig im Bereich Gesundheit und Pflege“ liegen, dort seien die größten Arbeitgeber und Investoren in der Stadt zu finden. Umso sensibler reagiere man nun, „dass wir an unserer DNA beschnitten werden“, sagte Ruch und stellte die Frage, wie sich konkret die Abwanderung des Klinikpersonals darstelle. „An der Antwort wird deutlich werden, warum wir so nervös sind in Quedlinburg.“

Beantwortet wurde diese Frage im öffentlichen Teil der Kreistagssitzung nicht. Klinikum-Geschäftsführer Dr. Peter Redemann und dessen Ärztlicher Direktor Dr. Matthias Voth argumentierten mit einer Stellungnahme des Harzklinikums zur Protestnote, die der Oberbürgermeister an den Kreistagsvorsitzenden gerichtet hatte.

Vorgaben im Krankenhausplan des Landes sollen erfüllt werden

Redemann erinnerte daran, dass die letzten Strukturveränderungen für das Klinikum im Dezember 2020 beschlossen wurden - durch den Aufsichtsrat, „der im Übrigen auch mit Vertretern aus Quedlinburg und zu einem Drittel mit Beschäftigten des Klinikums besetzt ist“. Im vergangenen Sommer seien die Kliniken für Kinderheilkunde und Traumatologie zusammengeführt worden, nun auch die Geburtshilfe: „Damit werden auch bestehende Vorgaben im Krankenhausplan des Landes erfüllt.“

Die Konzentration der Geburtshilfe am Standort Wernigerode sei „Bestandteil einer Gesamtentwicklung an allen Standorten über mehrere Jahre“, so Redemann. Und weiter: „Die Förderung der Neubauten war ein klares Signal von Landesplanungsbehörde und Kassenverbänden zur Unterstützung der Strukturmaßnahmen des Harzklinikums.

Die Umsetzung der Entscheidung zur Geburtshilfe erfolgte erst im April 2022; hinsichtlich des zugrundeliegenden Beschlusses also recht spät.“ Der Geschäftsführer gestand ein, dass diese Umsetzung kurzfristig erfolgte und verwies darauf, dass die Auslöser „erhebliche personelle Probleme und die fehlende Absicherung von Diensten“ gewesen seien.

Redemann verwies auch darauf, dass Strukturmaßnahmen „in unseren Krankenhäusern in den vergangenen Jahren regelmäßig stattgefunden“ haben: „Beispielsweise wurden über einen Zeitraum von 20 Jahren Standorte von 8 Kliniken verlagert.“

Später meldete sich die Quedlinburger Stadtratspräsidentin Sylvia Marschner (CDU) zu Wort. Sie erklärte, die Schließung der Geburtshilfe in Quedlinburg sei eine „Männerentscheidung“ - und versuchte, dem Kreistag die Sorgen und Ängste von Frauen zu verdeutlichen, die vor der Geburt stehen. „Man muss einen kurzen Weg haben“, erklärte sie schließlich und fragte, ob es nicht eine Geburtsstation in Quedlinburg geben könne, die für Frauen schnell zu erreichen wäre.

Schwangere: „Befürworten Sie eine erneute Debatte zum Standort Quedlinburg“

„Befürworten Sie eine erneute Debatte zum Standort Quedlinburg“, bat eine hochschwangere Frau, die sich im Anschluss zu Wort meldete, den Kreistag. Sie wohne in Quedlinburg, die Klinik in Wernigerode sei wegen der Entfernung nicht ihre erste Wahl für eine Entbindung. Sie habe sich daher im Halberstädter Ameos-Klinikum angemeldet. Das Vertrauen der Bürger in die Geschäftsführung des Klinikums sei erschüttert, sagte sie.

Auf die Frage von OB Ruch, warum anstelle der Geburtshilfe nicht die Traumatologie nach Wernigerode verlagert werde, erklärte Voth, das liege an der wichtigen Zusammenarbeit mit der Geriatrie - die sich in Quedlinburg befinde. „Moderne Medizin ist ein Teamspiel“, erklärte der Ärztliche Direktor des Harzklinikums. Eine Fachabteilung allein sei nie ausreichend.

Er selbst sei „ein großer Verfechter eines Zentralkrankenhauses“, so Voth. Denn medizinische Qualität sei häufig ein Aspekt von Menge, Größe und Interdisziplinarität. Die derzeitigen Herausforderungen seien Kieselsteine im Vergleich zu denen, die noch bevorstünden.

Ziel ist es, das Harzklinikum als kommunales Krankenhaus zu erhalten, betonte Landrat Thomas Balcerowski (CDU). Wenn bestimmte Entscheidungen nicht getroffen würden, könne man das nicht, sagte er und nannte als Beispiele andere Klinikstandorte, unter anderem Halberstadt, wo das Klinikum zur Ameos-Gruppe - die hat ihren Sitz in Zürich - gehört. Der Landrat kritisierte die „öffentliche Nabelschau und Diskreditierung“ des eigenen Krankenhauses: „Ich warne davor, unser Klinikum kaputtzureden.“