Sport für krebskranke Frauen

Frauensportgruppe nach Krebs in Quedlinburg: Gerlinde Boldt ist seit 25 Jahren Übungsleiterin

Quedlinburg - Sie bietet mit Elementen aus Yoga und Pilates Übungen mit Tüchern, Bällen und Bändern, die bestimmte Körperpartien stärken. Alle Frauen, sagt sie, sind durch die gleiche Erkrankung verbunden. Über die gesundheitlichen Einschränkungen haben sie den Wert des Sports für ihr Wohlbefinden erkannt.

Von Uwe Kraus 01.09.2019, 08:55

„Ich bin nur die Wegbereiterin, will die Frauen stärken“, wehrt Gerlinde Boldt ab. „Auch wenn ich die Frauensportgruppe nach Krebserkrankung jetzt 25 Jahre als Übungsleiterin begleite.“

Den Anstoß für die Gründung dieser ganz speziellen Abteilung kam 1993. „Mein Mann fragte mich, ob ich das übernehmen könnte. Ich gebe zu, ich habe erst etwas überlegt.“ Doch Otto Boldt, damals Chefarzt am Quedlinburger Klinikum und Leiter der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, war sich nicht nur als Mediziner und Gatte sicher, dass Gerlinde die Richtige für diese damals noch recht ungewöhnliche Aufgabe ist, sondern auch als Sportsmann der SV Medizin.

„Mein Mann Otto Boldt fragte mich damals, ob ich das übernehmen könnte“ 

Zu jener Zeit verordneten Ärzte Krebserkrankten Schonung und Ruhe, von Sport war da keine Rede. 1994 hob man die Frauensportgruppe mit zehn Mitgliedern aus der Taufe und beschritt ziemliches Neuland. Augenscheinlich auch die SV Medizin, unter deren Dach nach zwei Gymnastikgruppen, Volleyballern und Behindertensportlern seither die Frauensportgruppe nach Krebserkrankung gleichberechtigt agiert.

„Nach der ersten Begegnung mit den Frauen, die Chemo, OP und Bestrahlung hinter sich hatten, lösten sich alle Zweifel im Nichts auf. Seither haben wir mehrfach die Turnhallen gewechselt, Frauen sind von uns gegangen, aber eins bleibt ein festes Datum: Dienstag, 17 Uhr.“ Wenn die Übungsleiterin mal fehlt, hat sie vorher für Ersatz gesorgt.

Die Sportgruppe wechselte mehrfach die Turnhalle, geblieben ist die Anfangszeit: Dienstag, 17 Uhr

33 Jahre stand Gerlinde Boldt als Sport- und Geografielehrerin vor den Klassen der Bosse-Schule. Mit trainingsmethodischen Hintergründen kennt sie sich aus und frischt ihre Übungsleiter-Lizenz immer wieder auf. „Ich sauge wie ein Schwamm alles Neue auf.“

Jedoch wusste sie vor einem Vierteljahrhundert sofort, die Arbeit mit Schülern unterscheidet sich von denen mit Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. „Ich habe Hochachtung vor meinen Frauen, die sich dieser Erkrankung stellen und denen nach der jährlichen Mammografie ein Felsbrocken von der Seele fällt, wenn alles in Ordnung ist.“

Sie erlebt auch Frauen, die in die Gruppe zurückkehren, nachdem sie zum zweiten oder dritten Mal erkrankt waren. „Für diese Frauen spielt jedes neue Lebensjahr eine besondere Rolle. Darum feiern wir jedes gewonnene Lebensjahr in unserer Gemeinschaft.“

Heute zählt die Gruppe 24 Frauen zwischen Mitte 50 und der „Alterspräsidentin“ mit 85 Jahren. Kaum vorstellbar sei die Odyssee, die sie hinter sich haben. Das „Gespenst Karzinom“ stehe immer wieder hinter ihnen.

So hält es Übungsleiterin Boldt, die immer noch jeden Sonntag ihre Runde auf der Altenburg dreht, für wichtig, „über alle Befindlichkeiten hinweg ein neues Selbstwertgefühl zu vermitteln“. Sie bietet mit Elementen aus Yoga und Pilates Übungen mit Tüchern, Bällen und Bändern, die bestimmte Körperpartien stärken. Alle Frauen, sagt sie, sind durch die gleiche Erkrankung verbunden. Über die gesundheitlichen Einschränkungen haben sie den Wert des Sports für ihr Wohlbefinden erkannt.

Es freut die gebürtige Quedlinburgerin, dass ihre Gruppe das Silberjubiläum mit einer Brockenbesteigung begeht. „Das steht so sinnbildlich für das, was sie alle erlebt haben.“

Anlaufpunkt für Betroffene: Dienstags ab 17 Uhr, Turnhalle Erlenstraße am Kleers (mz)