Westflügel erhält Korsett

An einem Gebäudeteil des Quedlinburger Fleischhofes sorgen riesige Holzstützen für mehr Halt

Warum die Stadt die Arbeiten beauftragt hat.

Von Petra Korn 22.09.2021, 14:00
Mitarbeiter der Zimmerei Schneider bauen ein Holzgerüst, um die Westfassade des Westflügels abzustützen.
Mitarbeiter der Zimmerei Schneider bauen ein Holzgerüst, um die Westfassade des Westflügels abzustützen. Foto: Korn

Quedlinburg/MZ - Rund 7,50 Meter hoch und 20 Zentimeter stark sind die größten Fichtenholzbalken, die die Zimmerleute der Halberstädter Zimmerei Schneider am Westflügel des Fleischhofes verbaut haben.

Auf rund 30 Metern Länge haben sie der westlichen Fassade ein Korsett verpasst - aus sogenannten Böcken, auf die zudem Verstrebungen aufgebracht wurden. Die Holzkonstruktion sichert diesen Bereich des Gebäudes, das sich inzwischen im Eigentum der Stadt Quedlinburg befindet. „Der Westflügel ist sehr desolat, und es gab dort schon eine frühere Sicherungsmaßnahme“, erklärt Anett Gennrich, Hochbauingenieurin beim Hoch- und Tiefbauamt der Stadtverwaltung. Bei den damaligen Arbeiten sei der Giebel des Gebäudes zur Carl-Ritter-Straße hin mit Zugankern versehen worden, damit dieser nicht abstürzt.

Teile der Westfassade drohten abzustürzen

Abzustürzen drohten nun auch Teile der Westfassade. „Es gibt hier ein Durchgangsrecht“, erläutert Anett Gennrich. So lässt sich durch das Haus hindurch vom angrenzenden auf den Innenhof Fleischhofes gelangen - ein Durchgang, der auch von Quedlinburgern und Gästen gern genutzt wird. Aus Sicherheitsgründen habe die Stadt als Eigentümerin das aber nun nicht mehr verantworten können - und den Durchgang vorübergehend gesperrt, bis die Bauarbeiten für die Sicherung beendet seien, erklärt die Hochbauingenieurin.

Diese umfassen nicht nur den Bau der großen Holzkonstruktion, die die gesamte Westseite des Hofflügels so sichern, dass nichts herunterstürzen kann. Auch der Durchgang soll durch das Stellen von Trockenbauwänden so gestaltet werden, dass von diesem aus kein Zugang mehr zum Gebäude möglich ist. Außer für den Eigentümer selbst - was der Einbau zweier Bauzeittüren ermöglichen soll.

Zusammenarbeit mit dem Sanierungsträger Baubecon und dem Deutschen Fachwerkzentrum

Mit den Sicherungsarbeiten wurde die Zimmerei Schneider beauftragt; Statiker Volker Lind aus Halberstadt begleitet diese. Veranschlagt sind Gesamtkosten von 26.000 Euro; diese werden zu 100 Prozent aus Städtebaufördermitteln finanziert. Ein Eigenanteil der Stadt Quedlinburg ist nicht erforderlich, weil es sich um Sicherungsarbeiten handelt. Wie Anett Gennrich weiter sagt, beabsichtigt die Stadt, den Westflügel zu sanieren. „Das wird in Zusammenarbeit mit dem Sanierungsträger Baubecon und dem Deutschen Fachwerkzentrum geschehen.“ Im Wirtschaftsplan für das Programm „Stadtumbau“, den der Bauausschuss des Stadtrates bestätigt hat, ist dafür bereits Geld eingestellt worden.

Dem weiteren Verfall zuvorkommen

Der im 16. Jahrhundert gebaute Westflügel - im Sandsteinportal findet sich die Datierung 1567 - gilt als ältester noch erhaltener Teil des denkmalgeschützten Fleischhofs in der Quedlinburger Wordgasse. Weil der Eigentümer sich nicht in der Lage gesehen hatte, das Gebäude langfristig zu erhalten, hatte die Stadt sich entschieden, es zu kaufen.

„Wir wollen einem Verfall zuvorkommen, weil das Gebäude, das Ensemble insgesamt stadtbildprägend ist“, hatte Oberbürgermeister Frank Ruch (CDU) begründet. Im Gespräch war damals auch, dass ein sanierter Westflügel ein Standort für ein Welterbeinformationszentrum in Quedlinburg sein könnte. Hier ist inzwischen mit dem Palais Salfeldt auch ein anderer möglicher Standort in den Fokus gerückt (die MZ berichtete).

Ehemaliger Adelshof

Der unweit vom Marktplatz gelegene Fleischhof ist ein ehemaliger Adelshof. Das vierflügelige Gebäudeensemble gilt als eine der größten historischen Hofanlagen n der Altstadt von Quedlinburg. Ihren Namen hat sie laut Deutscher Stiftung Denkmalschutz vermutlich erhalten, weil die Fleischergilde - deren Haus befand sich in der Nähe - die kühlen Gewölbe der Hofanlage schon im Mittelalter zu Lagerzwecken nutzte. So ist die Bezeichnung als „Fleischhof“ ist bereits Anfang des 14. Jahrhunderts überliefert. Im Denkmalverzeichnis für die Stadt Quedlinburg ist der Hof als Kaufmannshof eingetragen. Er wird an seiner Südseite durch die Stadtmauer begrenzt.