Museumsdirektor Jörg Peukert im Gespräch

„Onlinebesuch kann Authentizität des Ortes nie ersetzen“

Fast die gesamte 2020er-Saison konnte das Museum auf Schloss Neuenburg öffnen. Jedoch fiel das montalbâne-Festival aus. Ein Interview.

Freyburg - Im Bemühen, die Verbreitung des Coronavirus auszubremsen, droht das Miteinander auf der Strecke zu bleiben. Lokale, Sportstätten, Musikschulen, Kinos, Theater, Konzertsäle, Galerien, Museen und immer wieder auch Schulen sind seit November vergangenen Jahres erneut geschlossen. Wie erleben die verschiedenen Einrichtungen - kulturelle, sportliche, museale oder kirchliche - diese außergewöhnliche Zeit? Welchen Herausforderungen sehen sie sich gegenüber? Was treibt deren Mitstreiter um? Diesen und weiteren Fragen möchte Naumburger Tageblatt/ MZ in loser Folge nachgehen. Mit Jörg Peukert, Museumsdirektor von Schloss Neuenburg, sprach Redakteurin Jana Kainz.

Herr Peukert, seit November ist das Tor der Neuenburg coronabedingt geschlossen. Was tut sich derzeit hinter den historischen Mauern?

Jörg Peukert: In einem Museum wie Schloss Neuenburg gibt es immer viel zu tun - von Bauarbeiten über die Digitalisierung von Sammlungsbeständen, die Erarbeitung digitaler Sonderangebote auch für die Kinderkemenate bis hin zur wissenschaftlichen Arbeit. Langweilig ist hier noch keinem geworden. Ganz konkret richten wir die Sonderausstellung „Ich glaub’, ich steh’ im Sagenwald!“ im Gewölbekeller als Familienausstellung fertig ein - in der Hoffnung, bald wieder öffnen zu können. Wir hatten in der Kulturstiftung bereits überlegt, Ostern zu öffnen, vorausgesetzt, die Inzidenz liegt nicht über 200. Das hat leider nicht geklappt. Inzwischen wurde die epidemische Lage bis Ende Juni verlängert. Nun hoffen wir auf das zweite Halbjahr.

Wie ist die 2020er-Saison, die für Museen quasi zwischen den Lockdowns lag, gelaufen?

Wir hatten insoweit Glück, dass wir fast die gesamte Saison öffnen konnten. Im vergangenen Jahr, in der Nacht vom 13. auf den 14. März, mussten wir schließen. Himmelfahrt konnten wir aber wieder öffnen - mit eingeschränkten Öffnungszeiten, Schließtagen und unter Einhaltung aller Auflagen von den Hygieneregeln bis hin zur begrenzten Anzahl an Besuchern, die sich zeitgleich in der Neuenburg aufhalten durften. Das war ein hoher logistischer Aufwand. Nun sind wir seit November wieder im Lockdown.

Was haben Sie 2020 während der „Inlandurlaubssaison“ beobachtet?

Dass, logischerweise, die Inlandströme anzogen. Aber trotz der guten Auslastung kamen wir nicht an alte Besucherzahlen heran, weil die Kapazitäten beschränkt waren. Interessant war aber nicht nur, dass viele Besucher das erste Mal hier waren, obwohl sie doch schon oft von uns gehört hätten, sondern dass wir viel auf die klassischen Führungen ausgerichtetes Klientel zu Gast hatten. Interessant war zu beobachten, wie gut sich dieses in die individuelle Museumsbesichtigung eingefügt hat.

Was hat Ihnen als Museumsdirektor angesichts der Lockdowns und Beschränkungen besonders wehgetan?

Dass das Reisegruppengeschäft mit den sehr interessierten Menschen weggefallen ist und die großen Veranstaltungen ausfallen mussten. Emotional und mental besonders wehgetan hat, dass wir die Neuenburg schließen mussten - 30 Jahre, nachdem sie wiedereröffnet worden war. Da reflektierte man die Jahre 1989/90 - die Zeit der Wiedereröffnung und der Gründung des Vereins. Dies sollte auch 2020 entsprechend im Blickpunkt stehen. Das ist aber alles hinten runtergefallen. Die Neuenburg soll immer ein offenes Haus sein. Deshalb begann meine Vorgängerin Kristine Glatzel schon 1991 mit Baustellenführungen. Über Monate nun ein geschlossenes Haus zu verwalten, ist ein Schlag ins Kontor.

Welche Belastung gab und gibt es für Ihr Mitarbeiter-Team?

Dass die enge Kommunikation nicht möglich ist, man sich nicht spontan zur Beratung zusammensetzen kann - das schlaucht. Auch wir mussten uns mit digitaler Konferenztechnik vertraut machen. Diese Kommunikationsmöglichkeit ist interessant, um schnell auch auf größere Distanz Dinge besprechen zu können. Das kann hinsichtlich wegfallender Fahrzeiten auch sehr effizient sein. Das ist schon ein Zugewinn.

Tatsächlich? Ist Verzicht auf persönliche Kontakte ein Zugewinn?

Nein, das wird und soll persönliche Treffen nicht ersetzen. Online-Konferenzen können aber ein „sowohl als auch“ sein.

Gibt es Maßnahmen zur Corona-Eindämmung, mit denen Sie hadern?

Als Museumsdirektor stehe ich in der Verantwortung für die Besucher und Mitarbeiter. Inzwischen sind alle Hobbyvirologen geworden. Ich frage mich, was ist richtig, was ist falsch. Antworten habe ich darauf noch keine. Richtig finde ich, dass man vergangenes Jahr vorsichtig herangegangen ist und sich nach dem ersten Lockdown auch nur langsam ans Öffnen herangetastet und keine Großveranstaltungen durchgeführt hat. Es ist eine verzweifelte Kunst, allen gerecht zu werden. Doch es sollte in einer Krise um Erkenntnisgewinn gehen.

Der blieb trotz erneuten und erneut verlängerten Lockdowns sowie Ein- und Ausschaltens von Maßnahmen bislang scheinbar aus.

Es ist entscheidend, wie konsequent man mit einer Krise umgeht. Da ist ein sonst begrüßenswerter Föderalismus unter Umständen auch hinderlich. Ein Virus hält sich nicht an territoriale Grenzen. Das ist wie mit einem Hochwasser, da müssen Krisenstäbe über die Grenzen hinaus zusammenarbeiten, einheitlich agieren. Es hätte wohl auch für die Fragen, wann mache ich was und welchen Effekt bringt es, ein früheres, einheitliches, verbindliches Vorgehen gebraucht.

Demnach begrüßen Sie den Bundes-Lockdown?

Ich habe zwar kein Feuerwerk entfacht, da gibt es Pro und Kontra, aber als Variante, einheitlich länderübergreifend zu agieren, finde ich ihn interessant. Man muss es probieren.

Teilen Sie die Befürchtung, die Demokratie sei in Gefahr?

Ich vertraue darauf, dass sie es nicht ist. Krisen können nur mit besonderen Maßnahmen bewältigt werden. Dabei muss jeder einen Schritt zurücktreten, damit man gemeinsam zwei vorankommt. Es geht nur gemeinsam. Es muss aber absehbar sein, dass, wenn die Begründungslage weg ist, die Einschränkungen aufgehoben werden.

Bis es so weit ist, behelfen sich Kunst und Kultur mit kostenlosen Onlineformaten. Birgt das die Gefahr, dass Menschen auch künftig für Kunst und Kultur kein oder nur noch wenig Geld ausgeben möchten?

Ja, das ist eine Sache, die treibt mich um. Dies haben wir auch im Museumsverband schon öfter diskutiert, da alle moderner und digitaler werden wollen. Die Kunst besteht wohl darin, nicht alles zu präsentieren - qualitativ zwar möglichst hochwertig, aber eben nicht alles. Man muss das austarieren. Momentan bleibt man mit Online-Angeboten im Gespräch, vermittelt einen Eindruck, was man hier erleben könnte, und animiert zu einem späteren realen Besuch. Ein Onlinebesuch kann die Authentizität des Ortes aber nie ersetzen.

Mit der Museumspädagogik und Kinderkemenate prägen Sie bei den Jüngsten das Interesse für Kunst, Kultur und Historie. Das fehlt nun. Fürchten Sie um die kulturelle Bildung der Kinder?

In der Tat ist die Neuenburg für Schulen ein interessanter Anlass für Ausflüge. Bisher konnten uns nur einzelne Jahrgänge nicht besuchen, aber ich hoffe, dass die Schule das in einem anderen Kontext nachholen kann. Wir unterbreiten zwar auch den Kindern digitale Angebote, aber durch den Distanzunterricht sind die Schüler derzeit digital überlastet. Ich baue aber darauf, dass die Lust, rauszukommen, Dinge im Original zu sehen, nicht verloren geht. Und ich vertraue auf die Magie der Orte.

Sie sind, was dieser Tage selten anzutreffen ist, voller Optimismus. Wo kommt der her?

Ich möchte mich ganz einfach nicht unterkriegen lassen. Es gibt auch bei mir bedrückende Phasen. Seit über 30 Jahren bin ich mit der Neuenburg verbunden, und Orte wie dieser wirken über die Zeit. Hier geht es um ganz andere Zeiträume. Ein Blick zurück zeigt, dass solche Orte trotz Krisen Bestand haben. Vielleicht ist die Quelle des Optimismus auch in der Betrachtungsweise von Historikern zu finden. Es hat auch früher oft extreme Einschnitte gegeben, aber es hat auch immer ein Weiter und ein Danach gegeben.

Für das Weiter und Danach in der aktuellen Krise wünschen Sie sich was?

Dass wir uns für die Zukunft fragen, was wir aus der Krise gelernt haben und ob es weitergehen soll wie davor. Da wünsche ich mir, dass in dieser Zeit unsere Schätze und Kultur in den Herzen bewahrt werden, wir künftig noch bewusster mit diesen umgehen, sie eben zu schätzen wissen. Vor allem aber hoffe ich, dass Museen bald öffnen können. Gewiss wird das stufenweise vonstattengehen und noch ein Stück dauern, bis wir wieder das komplette Programm bieten können. Und sehr wünsche ich mir auch, dass 2022 endlich das montalbâne-Jubiläumsfestival stattfinden kann. Schön wäre auch, wenn wir nicht nur von krisenbedingtem Inlandstourismus profitierten.