„Es ist ein Paradigmenwechsel weg von einer Defizitbetrachtung“

Was wünschen sich Mitarbeiter von Behindertenwerkstätten? Studie der Hochschule Merseburg

Studenten der Hochschule Merseburg fragten Mitarbeiter von Behindertenwerkstätten nach ihren Wünschen.

Von Robert Briest
Frederik Poppe
Frederik Poppe (Foto: Hochschule Merseburg)

Merseburg/MZ - Bei Forschungsprojekten bestehe oft für die Teilnehmer die Unklarheit, ob es für sie einen Nutzen hat. Bei dem Praxisprojekt, das sie im vergangenen Semester durchgeführt hätten, sei der jedoch klar erkennbar gewesen, sagt Frederik Poppe. Er ist Professor für für Rehabilitation und Teilhabe an der Hochschule Merseburg und war mit 17 Studenten der Sozialen Arbeit in Werkstätten für Menschen mit Behinderung im Saalekreis unterwegs. Es ging um „Persönliche Zukunftsplanung.“

Das sei ein Konzept, dass es in den USA und Kanada bereits sei den 1980er/90er Jahren gäbe: „Es ist ein Paradigmenwechsel weg von einer Defizitbetrachtung“, erklärt der Wissenschaftler. Viel mehr geht es darum, dass die Mitarbeiter der Werkstätten kommunizieren, was sie wollen. „Die Leute dabei zu unterstützen sich zu artikulieren.“

„Für die Beschäftigten war es schon eine Herausforderung.“

Dafür war eigentlich geplant, dass die Studenten mit den Werkstattmitarbeitern Gespräche vor Ort führen. Doch Corona zwang zum Umplanen. „Wir haben dann auf Digitalisierung umgeschaltet. Für viele von uns ist das normal“, sagt Poppe, „aber für die Beschäftigten war es schon eine Herausforderung.“ Teils hätten auch mangelnde Bandbreiten Probleme gemacht.

Vor allem aber gestaltete sich der digitale Austausch für das Projekt deshalb schwierig, weil zwischen den Gesprächspartnern ein Vertrauensverhältnis entstehen muss. Normalerweise werde bei dem Konzept mit Green Cards gearbeitet, erklärt der Professor. Das sind in diesem Fall keine Berechtigungen für die Arbeitsmigration in die USA, sondern Karten auf die Piktogramme gedruckt sind. Einfache Darstellungen, die für Aussagen wie „Ich möchte ins Kino“ oder „Ich möchte eine Freundin besuchen“ stehen. Teilweise hätten seine Studenten die digitalisiert, andere hätten dagegen versucht sich auf spielerische Art oder durch Fragen in möglichst einfacher Sprache Zugang zu den Menschen mit Behinderung zu verschaffen, erzählt Poppe. Im zweiten Gespräch sei es dann konkreter geworden. Da ging es dann etwa um Unzufriedenheit mit der Wohnsituation oder der vielleicht als zu monoton empfundenen Arbeit. Dann sei geguckt worden, wie man die Wünsche erfüllen konnte.

„Es war für viele Mitarbeiter eine ungewohnte Erfahrung“

„Es war für viele Mitarbeiter eine ungewohnte Erfahrung. Sie sind es nicht gewohnt, gefragt zu werden, was ihre Wünsche sind. Sie haben auch nicht gelernt, sie von selbst zu äußern“, sagt der Forscher. Bei einem teilhabeorientierten Verständnis gehe es darum, die Wahlmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung zu erhöhen und die Mitbestimmungsrechte: „In der Theorie gibt es in den Werkstätten Interessenvertretungen. In der Praxis ist immer die Frage, wie das umgesetzt wird.“ Poppes Eindruck ist, dass auch die Werkstätten, solche Projekte, wie nun von seinen Studenten durchgeführt, gern machen würden, aber ihnen dafür oft das Personal fehle.

Mit den mittlerweile abgeschlossenen Gesprächen habe man es zumindest geschafft, dass die Mitarbeiter kleinere Wünsche artikulieren konnten und teils erfüllt bekamen, erzählt der Professor: „Ich habe zum Beispiel die Rückmeldung erhalten, dass nun vorbereitet wird, dass ein Mitarbeiter verreisen kann, bei einem anderen wird die Wohnsituation verändert. Es sind nicht die ganz großen Bretter gebohrt worden, aber das soll nicht heißen, dass das in Zukunft nicht noch geschehen soll.“

Poppe will sich im kommenden Semester aber auch wieder stärker auf die Forschung konzentrieren. Schwerpunkt ist dabei die Inklusion im Erwerbsleben, vor allem die Frage, warum die Integration der Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt so selten gelingt. So gäbe es etwa die gesetzliche Möglichkeit, dass auch kleinere Betriebe Angebote schaffen können, doch die werde kaum genutzt. Poppe will nicht nur klären warum, sondern kann sich auch vorstellen, dass die Hochschule Firmen im Saalekreis, die es versuchen wollen, auf dem Weg begleitet.