Überfall auf Familie

Überfall auf Familie: Entsetzen über Gewalt in der Platte

Merseburg - Das Wohnviertel an der Unteraltenburg lässt am Tag danach nicht erahnen, welches Drama sich am Donnerstagabend in der Wohnung eines Plattenbaus ereignet hat. Auf der Spielstraße vor dem rotbraunen und trostlos wirkenden Gebäude herrscht absolute Ruhe. Viele Fenster sind durch zur Hälfte heruntergelassene Rolläden verdeckt, andere wirken kahl, nicht einmal Gardinen sind zu erkennen. Nur alle paar Minuten rollt mal ein Auto vorbei, um zur benachbarten Kita zu gelangen und ein Kind abzuholen. Eine Anwohnerin, die mit ihrem Hund Gassi geht, zeigt sich überrascht, als sie hört, was nur wenige Stunden zuvor in ihrer Nachbarschaft geschehen ...

Von Michael Bertram 07.10.2016, 17:07

Das Wohnviertel an der Unteraltenburg lässt am Tag danach nicht erahnen, welches Drama sich am Donnerstagabend in der Wohnung eines Plattenbaus ereignet hat. Auf der Spielstraße vor dem rotbraunen und trostlos wirkenden Gebäude herrscht absolute Ruhe. Viele Fenster sind durch zur Hälfte heruntergelassene Rolläden verdeckt, andere wirken kahl, nicht einmal Gardinen sind zu erkennen. Nur alle paar Minuten rollt mal ein Auto vorbei, um zur benachbarten Kita zu gelangen und ein Kind abzuholen. Eine Anwohnerin, die mit ihrem Hund Gassi geht, zeigt sich überrascht, als sie hört, was nur wenige Stunden zuvor in ihrer Nachbarschaft geschehen ist.

Bewaffnet mit Teleskopschlagstock und Schlagring

Donnerstagabend, gegen 19.40 Uhr, machen sich zwei Anwohner - bewaffnet mit einem Teleskopschlagstock und Schlagring auf - zu einer anderen Wohnung in der Platte. Angeblich, so schilderte es der ältere von beiden, ein 63-jähriger Merseburger, später der Polizei, wollte er einen Nachbarn zur Rede stellen, weil der wohl des Öfteren die Musik zu laut drehe.

Oder steckte etwa doch purer Rassismus hinter dem Angriff? Das Opfer, ein 47-Jähriger, stammt nämlich aus Liberia. Weil ihn der 63-Jährige nicht nur körperlich zusetzt, sondern auch fremdenfeindlich beschimpfte, hat der polizeiliche Staatsschutz die Ermittlungen übernommen und prüft einen entsprechenden Hintergrund.

Fest steht, dass die beiden Angreifer an der Tür ihres nichtsahnenden Opfers klingeln. Unvermittelt drängen die beiden Angreifer den Mann in seine Wohnung zurück und prügeln mit ihren Waffen auf ihn ein. Seine Lebensgefährtin, eine 47-jährige Deutsche und der ebenfalls in der Wohnung anwesende Enkel der Frau werden durch den Lärm aufgescheucht und kommen dazu. Auch vor ihnen schrecken die Täter nicht zurück, prügeln auf die beiden ein. Dann machen sich die Angreifer aus dem Staub. Die alarmierte Polizei und der Rettungsdienst verzeichnen Platzwunden, Prellungen und Beulen. Die Frau und das fünfjährige Kind kommen ins Krankenhaus, wo sich der Junge auch am Freitag noch befand.

Noch während des Polizeieinsatzes kehrt der 63-Jährige an den Tatort zurück. Im weiteren Verlauf machen die Beamten auch den zweiten Verdächtigen ausfindig - einen 47-jährigen Merseburger. Beide Männer sind betrunken. Tests ergeben 2,5 beziehungsweise zwei Promille. Nach der Vernehmung kommen sie am Freitag wieder auf freien Fuß.

„Ruf der Stadt auf dem Spiel“

Der Oberbürgermeister der Stadt, Jens Bühligen (CDU), zeigte sich am Freitag entsetzt über die Dimension der Gewalt. „Dass man Menschen in ihrer vermeintlich geschützten Wohnung überfällt und sogar auf Kinder einprügelt, das kenne ich so nicht“, sagte er. Nach Rücksprache mit der Polizei wolle er sehen, wie die Stadt angemessen reagieren könne. „Es ist nicht der erste mögliche fremdenfeindliche Übergriff, dadurch steht auch der Ruf der Stadt auf dem Spiel“, meint Bühligen.

Von einer neuen Eskalationsstufe will die Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt hingegen nicht sprechen. „Schon seit dem vergangenen Jahr erleben wir, dass die Hemmschwelle gesunken ist, Übergriffe in Wohnungen stattfinden und auch Kinder und Jugendliche zu Opfern werden“, sagte eine Mitarbeiterin auf MZ-Anfrage. Sie sieht es problematisch, dass Opfer und Täter in derselben Straße leben und fordert Unterstützung für die Familie. „Dass ist unsere Verantwortung als Staat“, sagte sie. „Wenn wir die Opfer schon nicht vor den Angriffen schützen, dann müssen wir wenigstens danach alles unternehmen, um sie zu unterstützen.“ (mz)