Dritter Männergesundheitsbericht

Studie aus Merseburg: Wann ist ein Mann ein Mann?

Merseburg - Die Frage trieb schon Grönemeyer um. Eine neue Studie der Hochschule Merseburg und der Stiftung Männergesundheit geht dem unbekannten Wesen Mann auf den Grund.

Von Robert Briest 05.05.2017, 14:39

Wann ist ein Mann ein Mann? Die Frage trieb Herbert Grönemeyer schon in den 1980er Jahren um. Der am Donnerstag an der Hochschule Merseburg vorgestellte Männergesundheitsbericht mit dem Schwerpunkt Sexualität zeigt, dass die Antwort auf diese Frage schwerer denn je ist. Und das ist nur eine Erkenntnis aus dem 450-seitigen Report, den die Hochschule und die Stiftung Männergesundheit erstellt haben. Einige wichtige Punkte daraus im Überblick:

Erektionsstörungen können Symptome für ernste Krankheiten sein

Erektionsstörungen und vorzeitiger Samenerguss sind die häufigsten Sexualstörungen bei Männern. Sie betreffen bei den 30- bis 70-Jährigen etwa jeden Fünften. Erektionsstörungen können dabei ein Indikator für andere Erkrankungen sein. So habe bei einem Viertel der Betroffenen eine bisher nicht entdeckte Diabetes nachgewiesen werden können.

Ähnliche Befunde gibt es auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Beide Krankheiten würden zu Gefäßveränderungen führen, erklärt Doris Bardehle von der Stiftung Männergesundheit. Diese Veränderungen würden zuerst im Penis eintreten. Wenn ein Mann etwa über zwei Monate anhaltende Erektionsstörungen hat, sollte es ein Warnsignal sein, zum Arzt zu gehen und Tests durchzuführen, damit sich die Krankheiten frühzeitig behandeln lassen.

Vielfalt von Männlichkeit: Männer müssen nicht immer die Starken sein

David Beckham ist schuld. Zumindest trägt er eine Mitverantwortung. Lange Zeit galten die Männer als das starke, Frauen als das schöne Geschlecht. Für die Männer bedeutete dies Gesundheitsbelastungen durch Leistungsdruck. Schönheitsidealen mussten sie dafür weniger nachjagen. Auch durch Vorbilder wie Ex-Fußballstar David Beckham ändere sich das, erklärt Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß. Es gebe eine Pluralisierung von Männlichkeit.

Der Männergesundheitsbericht ist der dritte seiner Art. Den ersten brachte die Stiftung Männergesundheit vor acht Jahren heraus. Es war ein breiter Überblick. Bei der zweiten Version vier Jahre später lag der Fokus dann auf psychischen Erkrankungen.

Sexualität ist der Schwerpunkt des aktuellen Berichts, den die Stiftung in Kooperation mit der Hochschule Merseburg erstellte. In den 31 Beiträgen geht es um ein breites Spektrum von Beschneidungen bis hin zur männlichen Sexualität im Gefängnis. 

Männer müssen nicht mehr die Starken sein, dafür achten immer mehr auf ihr Aussehen, was auch Nachteile mit sich bringt. „Typische Frauenkrankheiten, wie Bulimie, sehen wir zunehmend beim Mann“, so Hochschul-Professor Voß.

Ungeschütztes Problem: Geschlechtskrankheiten sind wieder auf dem Vormarsch

Beim Geschlechtsverkehr übertragbare Infektionskrankheiten, wie HIV, Gonorrhoe oder Hepatitis C sind in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Betroffen sind davon vor allem Männer und hier insbesondere Homosexuelle, sagt Bardehle. Grund sei, dass die Männer angesichts verbesserter Therapiemöglichkeiten für viele der Krankheiten wieder leicht- sinniger würden und öfter auf das Kondom verzichten. Hier sei mehr Aufklärung notwendig.

Das Handy ist für Jugendliche wie ein Körperteil

Die Forscher beschäftigte auch die Frage, was Jugendliche als Grenzverletzung empfinden. Die in der Gesellschaft vielfach vermutete sexuelle Verrohung der Jugend durch die – soweit nicht durch Internetengpässe abgeschnitten – ständige Verfügbarkeit von Pornos auch härterer Gangart gibt es nicht. Die große Mehrheit der Jugendlichen habe eine entsprechende Medienkompetenz im Umgang mit den Sexfilmchen, erklärt Voß.

Als problematische Grenzverletzung empfinden die Teenager hingegen Dinge, die nicht abgesprochen sind, wie etwa heimliches Filmen unter der Dusche. Und dies umso mehr, je weniger sie sich selbst als typisch für ihr Geschlecht sehen. Als massive Grenzverletzung empfinden es Jugendliche zudem, wenn ihnen jemand ihr Handy wegnimmt. „Das ist für sie wie ein Körperteil“, erörtert Voß. Es enthält Bilder, Kontakte, teils intime Konversationen. Die Wirkung sei schlimmer als eine Ohrfeige, so als ob jemand früher in ein Tagebuch hineingelesen hätte. Deswegen rät der Sexualforscher vom Handyentzug als Sanktion durch Eltern oder Lehrer ab. In Schulen sollte man eher über Störsender nachdenken.

Der Mann, das unbekannte Wesen

Männergesundheit und -sexualität sind in vielen Feldern noch wenig erforscht. Das liegt nach Ansicht der Autoren daran, dass Sexualforschung in Deutschland kaum eine Rolle spiele. Der einzige konsekutive Studiengang befinde sich in Merseburg. Eine wiederkehrende Forderung der beteiligten Autoren lautet daher: mehr Forschung. (mz)