„Abgeordnete sein, heißt nicht in der Gegend herumfahren“

Sozialdemokratin blickt auf 15 Jahre Landtag zurück

Verena Späthe verlässt nach 15 Jahren den Landtag. Die Sozialdemokratin blickt zurück auf inspirierende Menschen, harte Verhandlungen und einsame Nächte.

Von Robert Briest
Drei Legislaturperioden lang saß und sprach Verena Späthe im Landtag.
Drei Legislaturperioden lang saß und sprach Verena Späthe im Landtag. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/DPA

Merseburg - Sie könne den Wahlausgang entspannter verfolgen, hatte Verena Späthe im Vorfeld der Landtagswahl erklärt. Schließlich ging es für die Merseburgerin nicht mehr um das Mandat, die politische Zukunft im Landtag. Die hat die 63-Jährige aus Alters- und Gesundheitsgründen freiwillig beendet, ihren Wahlkreis an SPD-Landeschef Andreas Schmidt abgetreten. Und doch schmerzt Späthe das historisch schlechte Ergebnis ihrer Partei: „Ich war schon sehr enttäuscht, damit hatte ich nicht gerechnet.“ Das Resultat spiegele nicht die gute Arbeit wider, die ihre Fraktion in den vergangenen fünf Jahren geleistet habe.

„Ich habe ein Klappbett im Büro, auf dem ich geschlafen habe, wenn die Sitzungen lange dauerten“

Für die Sozialdemokratin waren es drei Legislaturperioden im Landtag. „15 Jahre, das ist für das heutige Berufsleben viel“, resümiert sie. Damals, 2006, wechselte Späthe vom Posten der Geschäftsführerin eines Sozialbetriebes nach Magdeburg. Ihr Schwerpunkt war zunächst die politische Arbeit für Menschen mit Behinderung. Sie saß im Landesbehindertenrat und im Landespsychiatrieausschuss. „Es sind mir dabei immer wieder engagierte Leute über den Weg gelaufen, vor denen man nur den Hut ziehen kann. Die waren Vorbilder.“

2016 erlebte Späthe den Absturz der SPD mit. Aus 26 Abgeordneten wurden elf. Die Aufgaben blieben gleich, mussten nun auf viel weniger Schultern verteilt werden. Die Merseburgerin übernahm den kompletten Sozialbereich, ging in den Petitionsausschuss. „Es war ein gigantisches Maß an Arbeit“, berichtet die 63-Jährige. So viel, dass sie teilweise das heimische Bett in Merseburg gar nicht mehr erreichte, auch weil sie nach ihren Herzproblemen vor zwei Jahren mit dem Zug pendelt. „Ich habe ein Klappbett im Büro, auf dem ich geschlafen habe, wenn die Sitzungen lange dauerten.“ Teilweise sei sie nachts allein im Landtag gewesen – nur der Sicherheitsdienst wachte noch.

„Abgeordnete sein, heißt nicht in der Gegend herumfahren“

Zur Arbeitsbelastung trug auch das Kenia-Bündnis bei. Die Koalition aus CDU, Grünen und SPD, der 2016 eine kurze Haltbarkeit prophezeit wurde, die aber, allen Unkenrufen und Fliehkräften zum Trotz, fünf Jahre hielt. Das sei eine Leistung der Fraktionschefs gewesen, aber auch der Arbeitsebene, berichtet Späthe. Der gute direkte Draht zwischen den Fachpolitikern sei wichtig. „Wir haben oft noch abends per SMS versucht, Dinge in einen für alle akzeptablen Einklang zu bringen, der auch in den Fraktionen mehrheitsfähig ist.“

Das sei unglaublich viel Friemelarbeit, berichtet die erfahrene Politikerin: „Abgeordnete sein, heißt nicht in der Gegend herumfahren und Weinstöcke pflanzen, sondern es ist das Streiten um jeden Absatz, viel Überzeugungs- und Detailarbeit. Das war mein Hauptpart.“ Aus Späthes Sicht hat die SPD im Sozialbereich dabei viel erreicht, auch weil sie dort die Ministerin stellt. So sei etwa das Behindertengleichstellungsgesetz novelliert worden. Man habe das Ansinnen der CDU, den Betreuungsanspruch in Kitas zu reduzieren, abgewehrt, das Azubiticket eingeführt: „Es sind Ergebnisse, die nicht jeder Bürger spürt, aber die vielen helfen.“

Sozialdemokratin schließt nach 15 Jahren offiziell das Kapitel Berufspolitikerin, nicht aber ihre politische Arbeit ab

Allein im Wahlergebnis schlug sich das nicht nieder. Die CDU gewann massiv, die SPD verlor weiter. Späthe sieht einen Grund dafür in einem Wahrnehmungsproblem – auch der Medien: „Wir sind nicht diejenigen, denen etwas zugerechnet wird.“ Sie könnte daher verstehen, wenn die Basis zu einer neuerlichen Koalition mit der Union Nein sagen würde. Aber das entscheide die Mehrheit, und zunächst liege der Ball ohnehin bei der CDU. Die hat bereits angekündigt, Sondierungsgespräche mit Grünen, FDP und SPD führen zu wollen.

Späthe verfolgte am Dienstag die konstituierende Sitzung der nunmehr auf neun Abgeordnete geschrumpften Fraktion. Für sie heißt es nun, ihr Magdeburger Büro ausräumen – das in Merseburg übernimmt Andreas Schmidt – und das Klappbett abbauen. Wenn Anfang Juli der neue Landtag zu seiner ersten Sitzung zusammentritt, endet für die 63-Jährige nach 15 Jahren offiziell das Kapitel Berufspolitikerin, nicht aber ihre politische Arbeit. Späthe ist Vorsitzende der Awo Merseburg und des Fördervereins der Hochschule. Zudem sitzt sie im Kreistag: „Es bleibt also genug zu tun.“ (mz)