„Sie akzeptieren mich nicht“

„Sie akzeptieren mich nicht“: Nach 21 Jahren Duldung - Ist der Saalekreis ein Zuhause?

Merseburg - „Dass du nicht arbeiten darfst, nichts zu tun hast, das macht etwas mit deinem Kopf. Manche fangen deshalb an zu trinken, um zu vergessen.“ Jeffrey Marcar weiß, wovon er redet. Seit 21 Jahren lebt er im Saalekreis. Fast genau so lange ist der Asylantrag des 46-Jährigen abgelehnt. Seither lebt er mit einer Duldung in Merseburg. Anfangs sei die immer für drei Monaten verlängert worden, mittlerweile sei es nur noch monatlich. Arbeiten darf er bis heute ...

Von Robert Briest

„Dass du nicht arbeiten darfst, nichts zu tun hast, das macht etwas mit deinem Kopf. Manche fangen deshalb an zu trinken, um zu vergessen.“ Jeffrey Marcar weiß, wovon er redet. Seit 21 Jahren lebt er im Saalekreis. Fast genau so lange ist der Asylantrag des 46-Jährigen abgelehnt. Seither lebt er mit einer Duldung in Merseburg. Anfangs sei die immer für drei Monaten verlängert worden, mittlerweile sei es nur noch monatlich. Arbeiten darf er bis heute nicht.

24 Menschen leben im Saalkreis mit einer Duldung

Auch der deutlich kleiner gewachsene und 14 Jahre jüngere Osumanu Alhassan lebt seit neun Jahren mit einer Duldung im Saalekreis. Er sei nach Deutschland geflüchtet, weil er sich wegen ethnischer Konflikte in seinem Heimatdorf in Gefahr sah. Auch sein Asylantrag wurde abgelehnt. Aus seiner Sicht ohne Grund. Jetzt lebt er in der Perspektivlosigkeit: „Ich weiß derzeit weder links noch rechts. Ich bin doch kein Krimineller. Ich rauche nicht.“

Alhassan und Osumanu sind keine Einzelfälle. 24 Menschen leben laut Kreis hier seit mehr als zehn Jahren mit einer Duldung, die Hälfte von ihnen in Sammelunterkünften. Sie kommen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. „Die Gründe für die lange Duldung liegen im Regelfall in der Identitätstäuschung der Betroffenen, wodurch eine Abschiebung nicht möglich ist“, heißt es vom Saalekreis.

Kreis sieht keine Notwendigkeit für Sprach- oder Integrationskurse

Dessen Vorstellungen zur Zukunft der Betroffenen lässt sich in einem Wort zusammenfassen: raus. Offiziell klingt das so: „Sobald die Identität aufgeklärt wird oder ein Pass/Passersatzpapier ausgestellt wird, kann die Abschiebung innerhalb weniger Tage erfolgen.“ Auf Nachfrage, wie realistisch das nach teils Jahrzehnten ohne Fortschritt ist, wiederholt der Kreis seine Antwort nur.

Sprach- oder Integrationskurse bekommen die Langzeitgeduldeten nicht. Darauf bestehe nach dem Willen des Gesetzgebers kein Anspruch: „Der Kreis hat die Aufgabe, diese Personen abzuschieben, sobald die praktische Möglichkeit dazu besteht.“

Duldung im Saalekreis wegen schwierigen Nachweises zur Identität

Alhassan hat seinen Deutschkurs selbst bezahlt. Das war damals, als er noch Geld hatte. Seit zwei Jahren bekommen Marcar* und er nur noch Gutscheine. 135 Euro pro Monat, statt zuvor 390 Euro Bargeld. Eine Sanktion des Kreises, der ihnen vorwirft nicht ausreichend an ihrer eigenen Abschiebung mitzuwirken und keinen Pass zu beschaffen. Der 33-Jährige kann das nicht nachvollziehen. „Sie haben mich drei oder vier Mal zur nigrischen Botschaft geschickt.“

Er zeigt einen Brief der Botschaft. Darin steht, dass sie keine Pässe ausstellen. Das kann nur die Polizei im Land. Der Kreis sagt, er solle sich über Angehörigen im Niger bemühen, ein Dokument zu besorgen, das nachweist, dass er von dort kommt. Auch Marcar sagt, er habe mehrere Botschaftsbesuche absolviert. Selbst zu anderen Botschaften habe ihn der Kreis gefahren, um prüfen zu lassen, ob er nicht doch aus Mali oder Ghana kommt. Die verneinten.

Betroffene leben lieber illegalisiert in der Großstadt

Ohnehin sei das Problem, dass viele Länder scheinbar ihre Bürger gar nicht zurückhaben wollten, sagt Max Pankonin vom Café International in Merseburg, das Flüchtlinge unterstützt. Er kennt viele Langzeitgeduldete: „Sie suchen sich teilweise außerhalb des Kreises Unterstützung, weil sie im Saalekreis sonst emotional untergehen.“

Auch Alhassan und Marcar kennen Betroffene, die lieber illegalisiert in der Großstadt leben, als ohne Perspektive hierzubleiben. Der 33-Jährige lebt selbst nicht dort, wo es der Kreis möchte. Die vergangenen vier Jahre habe er in einer Wohnung in Merseburg gewohnt. Doch weil die Miete um 13 Euro gestiegen sei, habe er ausziehen müssen und soll nun wieder im Heim leben.

Perspektivlosigkeit: „Wenn die Sonne scheint, fahre ich Rad.“

Seine Betriebskosten hätten den sozialrechtlich zulässigen Rahmen überschritten, begründet der Kreis. Nach sechs Monaten Zeit die Kosten zu senken, habe man abgelehnt die Unterbringungskosten weiter zu zahlen.

Alhassan will aber nicht zurück ins Heim: „Das Heim ist eine Katastrophe.“ Zu zweit teile man sich ein Zimmer mit jemanden, dessen Sprache man meist nicht spreche. Selbst im Bad habe man keine Privatsphäre. Er ist deshalb ohne feste Bleibe, schläft bei Freunden. Seine Tage verbringe er mit Schlafen und Fernsehen: „Wenn die Sonne scheint, fahre ich Rad.“

21 Jahre Duldung im Saalekreis: Keine Akzeptanz und Rassismus

Doch auf der Straße unterwegs zu sein, ist für ihn nicht immer einfach: „Wenn ich durch Merseburg gehe, fangen die Leute an, mich zu beleidigen: Neger“, berichtet Alhassan. Er kann das nicht nachvollziehen: „Alle haben dasselbe Blut, nur die Hautfarbe ist anders.“ Auch Marcar weiß Geschichten zu erzählen, von Patienten, die lieber stehen, als sich im Wartezimmer neben ihn zu setzen und von der Nachbarin, die jedes Mal, wenn sie ihn sehe, zu ihm sage: „Geh nach Hause.“

Aber wo ist zu Hause für einen, der keine Familie mehr in seinem Herkunftsland hat, der hier seit zwei Jahrzehnten lebt und seit 16 Jahren mit einer Deutschen zusammen ist? „Hier“, lautet seine Antwort. „Aber es ist schwierig hier, weil sie mich nicht akzeptieren.“ Auch Alhassan will hierbleiben. Er fürchtet, bei einer Rückkehr in den Niger noch immer um seine Sicherheit. Hier im Saalekreis sei es aber wie in einem Gefängnis für ihn: „Wir sind hierher gekommen, um Freiheit zu haben, aber wir haben immer noch keine Freiheit.“

*Wegen eines Rechtsstreits antwortete der Kreis nicht auf Fragen zu Marcar. (mz)