Saalekreis

Saalekreis: Der Sumpf des Betruges

MERSEBURG/SCHKOPAU/MZ. - Das Zimmer ist winzig. Höchstens zehn Quadratmeter groß und spartanisch eingerichtet: ein Bett, zwei Sessel, ein kleiner Tisch, eine kleine Anbauwand. Es wirkt schmuddelig, obwohl der Mann, der hier wohnt, sich offensichtlich Mühe gibt, alles in Ordnung zu halten. "Das Zimmer sollte renoviert übergeben werden, aber schauen Sie sich mal die Wände an." Seit 2009 wohnt er hier. Im selben Haus mit ihm noch vermutlich fast ein Dutzend andere Männer, die ebenfalls 300 Euro für ihre winzige Bleibe zahlen - plus 40 Euro Betriebskosten. "Den Mietvertrag habe ich mit dem Verein Soziales Wohnen aus Schkopau. Aber ich sage Ihnen - das sind Verbrecher." Er fühle sich total ...

Von UNDINE FREYBERG

Das Zimmer ist winzig. Höchstens zehn Quadratmeter groß und spartanisch eingerichtet: ein Bett, zwei Sessel, ein kleiner Tisch, eine kleine Anbauwand. Es wirkt schmuddelig, obwohl der Mann, der hier wohnt, sich offensichtlich Mühe gibt, alles in Ordnung zu halten. "Das Zimmer sollte renoviert übergeben werden, aber schauen Sie sich mal die Wände an." Seit 2009 wohnt er hier. Im selben Haus mit ihm noch vermutlich fast ein Dutzend andere Männer, die ebenfalls 300 Euro für ihre winzige Bleibe zahlen - plus 40 Euro Betriebskosten. "Den Mietvertrag habe ich mit dem Verein Soziales Wohnen aus Schkopau. Aber ich sage Ihnen - das sind Verbrecher." Er fühle sich total ausgenutzt.

Der Verein "Soziales Wohnen" aus Schkopau vermietet offenbar seit Jahren Zimmer in Mehrraumwohnungen an drei oder vier einzelne Hartz-IV-Empfänger, die dafür separate Mietverträge erhalten. Eine Goldgrube.

Doch wer steckt hinter dem Verein, der so genannten "Sowo"? Zu den Vereinsmitgliedern gehören laut einem Dokument, das der MZ vorliegt, unter anderem Elke S., ihr Sohn Marcus S. und Marko Z.

Diese Personen scheinen im Vereinsleben des Saalekreises sehr aktiv zu sein, denn ihre Namen tauchen noch bei anderen Vereinen auf, die vorgeben, sich um die Belange Einkommensschwacher, Hartz-IV-Empfänger oder Obdachloser zu kümmern. Zum einen beim Verein Wohnhilfe Merseburg, bei dem Marko Z. 1. Vorsitzender ist und Marcus S. 3. Vorsitzender. Beim Betreuungs- und Integrationshilfeverein (BIH), der zum Beispiel für das Aussiedlerheim in Krumpa zuständig ist, tauchen Marko Z., Elke S. und ihr Sohn Marcus S. als Vorstände auf.

Ein Mann, der als Ein-Euro-Jobber für den Verein "Soziales Wohnen" gearbeitet hat, sagte der MZ, dass die Vorgehensweise der Vereine identisch sei. Nicht nur die Sowo vermiete Dreiraumwohnungen zimmerweise an drei Leute und kassiere vom Eigenbetrieb für Arbeit eine Miete, die fast für drei Wohnungen reichen würde. Bei der Wohnhilfe und beim BIH sei es ebenso.

"Ich wundere mich, dass das dem Eigenbetrieb nicht aufgefallen ist", sagte Barbara Schneider, die Geschäftsführerin der Wohnungsgenossenschaft (WG) Aufbau. "Mir wurde jetzt erst ein Mietvertrag gezeigt, den dieser Verein mit einem Mieter abgeschlossen hatte. Da standen nicht mal die Quadratmeter drin. Das ist doch nicht zulässig und hätte auffallen müssen." Bei der WG Aufbau hatte die Sowo insgesamt zehn Wohnungen angemietet. Schneider: "Deshalb ist mir sehr daran gelegen, dass das Ganze aufgeklärt wird. Wir selbst werden uns dazu mit unserem Anwalt in Verbindung setzen." Auch der Landkreis ist alarmiert. "Diese Vorgänge werden von uns eingehend geprüft", sagte ein empörter Landrat Frank Bannert (CDU) am Donnerstag der MZ. "Und wir werden uns rechtlich Schritte gegen diesen Verein vorbehalten."

Oberstaatsanwalt Andreas Schieweck aus Halle geht noch einen Schritt weiter: "Wir nehmen die Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung zum Anlass, um zu prüfen, ob es in diesem Fall einen Anfangsverdacht gibt, und ob wir wegen Sozialbetruges ermitteln müssen."

Vom Verein "Soziales Wohnen" war am Donnerstag übrigens niemand zu einem Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung bereit.

Hinweise zu diesen und ähnlichen Fällen nimmt die MZ unter Redaktion Merseburg entgegen.