Ostern und die Pandemie

Ostern und die Pandemie: Was Merseburgs Superintendentin der Bundeskanzlerin empfiehlt

Merseburg - Merseburgs Superintendentin

Von Undine Freyberg

Sie mache sich Sorgen, wie viele Menschen sie verbittert erlebe, sagt Superintendentin Christiane Kellner. „Es gibt gerade viele Gründe sauer oder traurig zu sein. Die Frage ist - wie gehe ich damit um.“ Gerade jetzt zu Ostern müssen wieder viele überlegen, wie sie die Zeit verbringen und mit wem sie sich treffen können.

Superintendentin wünsche sich mehr Kommunikation

Kellner vergleicht die Karwoche gar mit der aktuellen Pandemie. „Die Karwoche ist eine Zeit voller Trauer und Chaos. Der Karsamstag ist für Christen der schlimmste Tag - Jesus ist tot, und keiner weiß, wie es weitergeht. Und da sind wir doch auch gerade mit der Pandemie. Da versuchen Menschen, einen Weg zu finden. Denkend und verzweifelt. Und da nehme ich auch die Politiker alle mit rein. Alle suchen verzweifelt nach einer Lösung, aber niemand weiß, was der richtige Weg ist.“

In 50 Jahren, wenn die junge Generation zurückschaue, würden wahrscheinlich viele sagen: Warum habt ihr denn so und so reagiert? Ihr hättet doch wissen müssen... Sie würde sich aktuell wünschen, dass mehr miteinander geredet wird. Ganz persönlich habe sie den Eindruck, dass ein paar Experten entscheiden dürfen, wo es lang geht. Allerdings brauche es oft auch einfach eine hierarchische Struktur.

Leiter sollten nie verlernt haben, selbst geführt zu werden

Das habe sie als Notfallseelsorgerin gelernt, wenn sie mit der Feuerwehr bei Einsätzen war. „Die hierarchische Struktur der Feuerwehr ist lebensrettend. Da sagt einer, wo es langgeht. Wenn ein Feuerwehrmann einen Fehler bemerkt, darf er das dem Einheitsführer oder dem Einsatzleiter zwar sagen, aber er darf nicht selbst agieren.“ Könnte man die Bundesregierung aktuell mit einer Feuerwehr vergleichen? „Nein, zumindest nicht grundsätzlich“, sagt Kellner, die, wie sie sagt, der Regierung wohlwollend gegenüberstehe. „Zeitlich begrenzt vielleicht.“

Jeder, der führt und leitet - ein Einsatzleiter bei der Feuerwehr, eine Superintendentin oder auch eine Bundeskanzlerin - sollte ein Hobby haben, bei dem er nie verlernt, selbst geführt zu werden. „Sie glauben nicht, wie schwer das ist.“ Sie als Motorradfahrerin habe sich mal bewusst bei jemandem hinten aufs Motorrad gesetzt.

„Das Soziale ist ein bisschen unter die Räder gekommen“

Das würde manchem ganz guttun, denn es habe etwas mit Vertrauen zu tun. „Das machen nicht viele gute Motorradfahrer“, schmunzelt Kellner. Sie habe ähnliches beim Tanzen erlebt. „Wenn ich aufgefordert wurde, war das erstmal ein zehnminütiger Kampf, bis ich bereit war, mich führen zu lassen.“

Was aus ihrer Sicht wichtig sei für Leute mit Führungsverantwortung: von vielen Dingen etwas wissen, aber kein Experte sein. „Denn ein Experte entscheidet oft falsch, weil er nur einen kleinen Ausschnitt des Lebens sieht.“ Das merke man jetzt gerade. „Das Soziale ist ein bisschen unter die Räder gekommen.“ Man tue alles dafür, dass möglichst wenig Menschen sterben. „Dafür gehen aber gerade viele Menschen seelisch zugrunde - Familien, Kinder.“

Superintendentin ist unter der Golden Gate Bridge geschwommen

Allerdings sei auch viel Gutes digital und analog entstanden. „Deshalb spreche ich ganz vorsichtig von Corona-Geschenken.“ Irgendwann würden die Leute sagen: Schaut, was in dieser Zeit entstanden ist - obwohl die Menschen ins kalte Wasser geworfen wurden.

„Ich übe allerdings schon viele Jahre ins kalte Wasser zu springen“, erzählt Kellner. „Ich habe Eisbaden gemacht. Und als ich in Amerika eine Tanztherapieausbildung gemacht habe, bin ich im kalten Wasser unter der Golden Gate Bridge geschwommen.“

Anrufe und Beten sowie verabredete Spaziergänge während des Lockdowns

Die Single-Frau, die seit zwei Wochen 61 ist und gerade beruflich weniger Kontakte hat als früher, versucht, sich regelmäßig mit ein oder zwei Leuten zum Tee oder zum Mittagessen zu treffen. „Weil ich sonst seelisch verhungere.“ Auch Ostern müsse sie verzichten. Das Treffen mit den Familien ihrer Brüder und den Nichten und Neffen - insgesamt 14 Leute - könne man leider auch nur vergessen.

Sie habe als Christenmensch das Gebet, das ihr in dieser Zeit helfe. Und sie rufe in regelmäßigen Abständen Bekannte an und erkundige sich, wie es ihnen geht. „Und das kann jeder tun. Vielleicht gibt es jemanden, von dem man lange nichts gehört hat. Oder man verabredet sich zum Spazierengehen.“ Auch das könne man genießen. (mz)