90. Geburtstag

Ehemaliger Merseburger Superintendent erinnert sich zurück

Günter Weyhe erlebte die „sozialistische Rekonstruktion“ hautnah mit.

Von Diana Dünschel 07.01.2022, 16:00
Er erlebte Merseburg in den 70er und 80er Jahren  und kehrte 2010 in die Stadt zurück: Günter Weyhe.
Er erlebte Merseburg in den 70er und 80er Jahren und kehrte 2010 in die Stadt zurück: Günter Weyhe. Foto: Diana Dünschel

Merseburg/MZ - Seinen Beruf Pfarrer hat Günter Weyhe immer als Berufung gesehen. Wenn er an einen Ort gerufen wurde, wo dringend Hilfe nötig war, tat er das. So kam der gebürtige Thüringer 1967 mit Frau und drei Kindern nach Merseburg.

In der Chemiestadt warteten große Aufgaben auf ihn, hier wurde er Superintendent, bis man ihn als Probst und Bischofsstellvertreter 1984 nach Magdeburg beorderte. Die heutige Landeshauptstadt blieb nicht der letzte Wohnsitz für ihn und seine Frau. Beide kehrten 2010 nach Merseburg zurück. Am 6. Januar feierte Günter Weyhe seinen 90. Geburtstag.

Seine ersten Jahre in Merseburg kann der Jubilar mit einem Satz zusammenfassen: „Es war ein Drama“. Kaum ins Pfarrhaus der Stadtkirche St. Maximi in der damaligen Mälzerstraße gezogen, begann am 1. Januar 1968 die sogenannte „sozialistische Rekonstruktion“ des Zentrums.

Die Altstadt mit ihren Häusern, Gassen und Winkeln wurde abgerissen, um Plattenbauten zu errichten. „Die gesamte Kirchgemeinde war betroffen. Bagger standen vor der Tür, Wasser und Gas wurden abgestellt, und die Leute wussten noch nicht, wohin sie demnächst ihr Haupt betten“, schildert der damalige Pfarrer.

Als die Menschen in die Stadt verstreut wurden, bemühte er sich, die neuen Adressen herauszufinden, Kontakt zu halten. Seelsorgebezirke galt es neu aufzuteilen. Diejenigen, die zum Beispiel nach Merseburg-West zogen, hatten es plötzlich sehr weit zur nächsten Kirche, weshalb er Christenlehre teils in einem Bauwagen abhielt.

Um die Hinzugezogenen in den Neubaublöcken kennenzulernen, organisierte er Besuchsdienste. Alles unter den strengen Augen des Rates der Stadt, der vieles verbot. Anfang der 70er Jahre dann begann unter Aufsicht von Günter Weyhe die großteils mit Spenden finanzierte Innenrenovierung der Stadtkirche. Weil auch das Pfarrhaus abgerissen war und es keinen Versammlungsraum mehr in der Innenstadt gab, entstand die beheizbare und mit Sanitäranlagen ausgestattete Winterkirche.

Aus der Zeit in Merseburg blieben freundschaftliche Kontakte. Als Günter Weyhe 1994 in den Ruhestand verabschiedet wurde, gestalteten dies Merseburger. Da auch zwei der drei Söhne in der Domstadt geblieben waren, fiel vor elf Jahren die Entscheidung für den Ruhesitz vor Ort. „Es war fast wie eine Heimkehr“, sagt der Senior. Natürlich habe sich die Stadt enorm verändert. „Mein Herz freut sich darüber“, betont der 90-Jährige, der auch Mitglied im Altstadtverein ist.