Nach dem Tod von Markus B.

Tod von Markus B. in Köthen: Wie ist die Stimmung aktuell in Köthen

Köthen - Nach dem Tod von Markus B. aus Köthen ist die Stimmung aktuell unterschiedlich

Von Alexander Schierholz 26.09.2018, 10:07

Drei Jahre ist es her, da startete die Hochschule Anhalt eine Aktion zum 900-jährigen Bestehen Köthens: Internationale Studierende sollten 900 Wünsche für die Stadt aufschreiben. Ein Auszug hängt klein auf einem Plakat im Vorzimmer des Oberbürgermeisters im Rathaus, groß an einer Hausfassade in der Stadt. Zhiyuan Han aus China wünschte sich „ein Bierfestival für Köthen“, Hrithik Patel aus Indien „viele bunte Häuser“, Nadiya Prilishch aus der Ukraine, „dass es jung und sexy bleibt“.

Was könnte man Köthen heute wünschen? „Ich wünsche mir, dass die Normalität, die wieder zurückgekehrt ist, bleibt“, sagt Bernd Hauschild, der Oberbürgermeister von der SPD. Professor Jörg Bagdahn, der Hochschulpräsident, wünscht sich, „dass alle miteinander, Bürger und Politiker, wieder ins Gespräch kommen“.

Tod von Markus B. aus Köthen: Mehr als zwei Wochen sind vergangen

Mehr als zwei Wochen liegt der Tod von Markus B. in Köthen zurück. Er starb an einem Herzinfarkt. Zuvor soll er versucht haben, einen Streit auf einem Spielplatz zu schlichten. Was genau dort passiert ist, ist nach wie vor nicht bekannt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Männer aus Afghanistan wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Am Tatort erinnert noch immer ein Meer von Grablichtern, Kuscheltieren und Blumen an das Opfer. Viele Sträuße und Gebinde sind verwelkt, doch immer noch werden neue hingestellt.

Nach dem Tod von Markus B. erlebt Köthen mehrere Demonstrationen

Der Tod von Markus B. hat Köthen aufgewühlt. Die Stadt erlebte seitdem mehrere Demonstrationen, von Bürgern, gewaltbereiten Neonazis, linken Gegendemonstranten. Viele kamen von außerhalb, mit ihnen kam massenhaft Polizei. Köthen im Belagerungszustand, so kam es vielen vor. Irgendwann zwischen all den Demos reichte es Hauschild, er sagte dem MDR, er fühle sich „fremdbestimmt“.

Der Oberbürgermeister steht zu dieser Äußerung. Er sitzt in seinem Amtszimmer an einem Besprechungstisch, schwere Holzmöbel, und sagt fast trotzig: „Das war doch so!“

Nach dem Tod von Markus B.: In Köthen ist ein Rechtsrock-Konzert geplant

Die Frage ist nun, ob es auch am kommenden Wochenende wieder so sein wird. Wer Herr sein wird über die Stadt. Welche Bilder produziert werden. Nach einem Wochenende ohne Demos ist für den Sonnabend ein Rechtsrock-Konzert angemeldet.

Die Hooligan-Band „Kategorie C“ ist angekündigt. Der Verfassungsschutz rechnet mit der Anreise gewaltbereiter Hooligans. „Die hier bisher bekannt gewordenen Mobilisierungsaufrufe sprechen dafür, dass mit einer Beteiligung aus dem gesamten rechtsextremistischen Spektrum gerechnet werden muss“, sagt Verfassungsschutz-Chef Jochen Hollmann.

Tod von Markus B.: Stadt Köthen und Hochschule Anhalt planen Aktionstag

Die Hochschule Anhalt und die Stadt wollen dem ein gemeinsames Fest entgegensetzen. Zum „Aktionstag Weltoffene Hochschulen“ haben sich alle Hochschulen des Landes angesagt. Hauschild hat Vereine der Stadt eingeladen sich zu präsentieren.

Es gibt bloß noch ein Problem: Sowohl die Neonazis als auch die Bürger wollen auf den Marktplatz. Die zuständige Versammlungsbehörde, die Kreisverwaltung Anhalt-Bitterfeld, hat eine Entscheidung am Dienstag vertagt.

Demos nach dem Tod von Markus B.: Viele Bürger aus Köthen wollen ihre Ruhe

Es geht also wieder los in Köthen. Dabei, sagt der Oberbürgermeister, wollten viele Bürger mittlerweile nur noch eines: ihre Ruhe. Das höre er in vielen Gesprächen.

Kurze Stichprobe in der Fußgängerzone, auf dem Weg zum Markt: Ein älterer Mann, der gerade dabei ist sein Fahrrad aufzuschließen, erklärt sich bereit Fragen zu beantworten. Als er „Demonstrationen“ und „Neonazis“ hört, verfinstert sich seine Miene, er schiebt sein Fahrrad davon. Eine Frau, mit Rollator vor einem Gemüsegeschäft, winkt auch ab.

Nach dem Tod von Markus B.: "Köthen braucht Ruhe"

„Köthen braucht Ruhe“, so sieht es auch Michael Engelmann. Bisher war er in der Stadt bekannt als Leiter des Tierparks, nun ist er es auch als Initiator einer Aktion für friedvolles Zusammenleben, verbreitet in sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #wirwollendasselbe.

Ruhe hin oder her, am Sonnabend will Engelmann mit von der Partie sein, wenn Hochschule und Stadt einladen. Mit dem Tierparkförderverein will er einen Stand aufbauen, so wie viele andere Vereine auch.

Tod von Markus B.: Köthen steht für Vielfalt

„Wir wollen zeigen, dass Köthen eine friedliche Stadt ist“, sagt er. Und nicht nur das: Köthen sei mehr als der tragische Tod des Markus B., mehr als die Proteste. Engelmann erinnert an die Bachfesttage, die alle zwei Jahre stattfinden, an den Spiegelsaal im Köthener Schloss, der vor kurzem nach siebenjähriger Sanierung glanzvoll wieder eröffnet worden ist.

Markus B. stirbt nach einem Streit, dessen genauer Verlauf unklar ist.

An einem Trauermarsch nehmen 2.500 Menschen teil, darunter mehrere hundert Rechtsextremisten.

Oberbürgermeister Hauschild ruft zur Besonnenheit auf. Am Abend demonstriert das rechtsextreme Thügida-Bündnis. Die AfD hält eine Gedenkveranstaltung ab.

Aus Protest gegen rechte Demos malen Bürger den Marktplatz bunt an. Wieder ziehen mehr als 1.000 rechtsgerichtete Demonstranten durch die Stadt. Mehrere hundert Menschen protestieren dagegen.

Und dann ist da noch die internationale Studentenschaft. Köthen, das sind 26.000 Einwohner, 10.000 Studierende, davon 1.000 aus dem Ausland, genauer aus 106 Nationen. Schon das Polytechnische Zentrum, vor 125 Jahren als Vorläufer der heutigen Hochschule gegründet, habe einen Anteil von 30 Prozent ausländischer Studenten gehabt, berichtet Hochschulpräsident Bagdahn. „Das zieht sich durch die Geschichte.“ Vielfalt ist in Köthen normal.

Chinese Sen Wang lebt und arbeitet in Köthen

Einer von denen, die diese Vielfalt ausmachen, zeigt seinen Arbeitsplatz an der Hochschule Anhalt. Unzählige Monitore, ein Mischpult, modernste Kameratechnik - ein Video-, Ton- und Schnittstudio.

Sen Wang, 35, hat in Köthen Elektro- und Informationstechnik studiert und im Frühjahr seinen Masterabschluss gemacht. Im Oktober tritt er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Mediensysteme an.

Trotz Nazi-Demos nach Tod von Markus B: Sen Wang fühlt sich sicher in Köthen

Wang stammt aus einer Provinz im Südwesten Chinas, aber längst ist er Köthener. Seit 2009 in der Stadt, mittlerweile mit einer Deutschen verheiratet, Vater einer kleinen Tochter. In Köthen, sagt er, habe er sich immer sicher gefühlt, auch die jüngsten Neonazis-Demos hätten daran nichts geändert. Auch für ihn ist Vielfalt normal.

Seit Jahren koordiniert er in Köthen deutsch-chinesische Hochschulbeziehungen. Er zieht sein Smartphone aus der Hosentasche, „ich zeige Ihnen eine Mail“. Deutsche Studenten aus Köthen, gerade zum Austausch in China, haben besorgt in die Heimat geschrieben: Bestürzt hätten sie die Vorfälle in Köthen verfolgt, sie wollten sich solidarisch erklärten.

„Das zeigt doch, dass wir trotz unterschiedlicher Kulturen wunderbar zusammenarbeiten.“ Auch Sen Wang hat einen Wunsch: Dass das so bleibt. (mz)