Nach Hochwasser im Juni 2013

Nach Hochwasser im Juni 2013: Ein Dorado für die Vogelwelt

aken - Juni 2013. Die Flüsse hatten sich allmählich beruhigt. Die höchsten Wasserstände waren überstanden. Das evakuierte Aken kehrte zurück. Aber Ingolf Todte zog es immer wieder raus aus der Stadt, rein in die Natur. „Das war einfach eine spannende Zeit.“ In der es Erstaunliches zu sehen, aber auch zu hören gab. Wie den rufenden Wachtelkönig, den der Ornithologe am 19. Juni von seinem Schlafstubenfenster aus vernahm. Er notierte es. Die erste Aufzeichnung der ...

Von sylke hermann 24.07.2015, 19:24

Juni 2013. Die Flüsse hatten sich allmählich beruhigt. Die höchsten Wasserstände waren überstanden. Das evakuierte Aken kehrte zurück. Aber Ingolf Todte zog es immer wieder raus aus der Stadt, rein in die Natur. „Das war einfach eine spannende Zeit.“ In der es Erstaunliches zu sehen, aber auch zu hören gab. Wie den rufenden Wachtelkönig, den der Ornithologe am 19. Juni von seinem Schlafstubenfenster aus vernahm. Er notierte es. Die erste Aufzeichnung der Nach-Hochwasser-Zeit.

Todte stellte sich die Frage: Was passiert in Situationen wie diesen - immerhin war der Elbe-Saale-Winkel das letzte Mal vor 150 Jahren in diesem Ausmaß überflutet - eigentlich mit der Vogelwelt? Wie gehen die Tiere mit den veränderten Bedingungen um? Wie schnell passen sie sich an? Können sie das überhaupt? Fragen über Fragen.

Deiche brechen im Juni 2013

14 Quadratkilometer Fläche östlich und südlich von Aken standen im Juni 2013 unter Wasser. Die Folge eines gebrochenen Deiches zwischen Aken und Dessau. Einen Tag später, am 9. Juni 2013, das nächste Unglück: Der Deich zwischen Breitenhagen und Klein-Rosenburg gab den Wassermassen nach. In Anhalt-Bitterfeld und im Salzlandkreis war eine Fläche von schätzungsweise 86 Quadratkilometern überflutet; Aken vom Wasser eingeschlossen. Und nach den Zahlen von Professor Johannes Kardos, auf die sich Todte in seinem Beitrag für die Fachzeitschrift des Ornithologenverbandes Sachsen-Anhalt bezieht, bekam es die Region mit rund 200 Millionen Kubikmetern Elbe- und Saalewasser zu tun. „Die neu entstandenen Wasserflächen“, schreibt Todte, „wurden sofort als Brut- und Rastgebiet von verschiedenen Vogelarten genutzt. Die Ereignisse zeigen sehr deutlich, welches ökologische Potenzial in natürlichen Flusslandschaften steckt, wenn sie sich den ihnen entzogenen Raum wieder nehmen.“

Nach dem Hochwasser hatten sich in der Umgebung von Aken und besonders im Wulfener Bruch attraktive Rastflächen für Wat- und Wasservögel entwickelt. So bildeten Kraniche erstmals einen Sommerschlafplatz im Köthener Altkreis. Beim Odinshühnchen gelang der erste Juni-Nachweis. Tüpfelsumpfhühner und Wachtelkönige erreichten Zahlen wie seit 40 Jahren nicht mehr.

Schlangenadler wurden hier zum letzten vor 44 Jahren beobachtet. Es gelang im Sommer 2013 auch der Erstnachweis für flugfähige Saatgänse. Es wurde die bisher größte Sommeransammlung von Graugänsen registriert. Und es konnten noch nie zuvor so viele Vertreter von Krickente, Silber-, Seiden- und Graureiher, Weißstorch, Schwarzstorch, Schwarzmilan, Dunkler Wasserläufer, Kampfläufer und Mehlschwalbe in der Region beobachtet werden.

Todte und ein paar Mitstreiter von den Ornithologischen Vereinen Aken und Köthen zogen mindestens alle zwei, drei Tage los, um die Vogelwelt zu beobachten. Vor allem im Wulfener Bruch, in Susigke und in Obselau. Hier, begründet Todte, habe das Wasser am längsten gestanden. Die Effekte seien zum Teil noch ein Jahr später zu spüren gewesen. „Aber jetzt stehen sie auf trockenen Feldern und warten auf Wasser.“ Das Kontrastprogramm zum Sommer 2013. So oft es seine Zeit erlaubte, ging er damals mit dem Fernglas auf Tour. Er wollte „da draußen einfach nichts verpassen“, gibt er zu.

Was sich bei Todtes Streifzügen und denen seiner vielen Mitbeobachter recht schnell herauskristallisiert hatte: „Innerhalb weniger Tage ließen sich hier so viele Tiere nieder; ich weiß gar nicht, wo die plötzlich alle her kamen.“ Sowohl die Menge einzelner Vogelarten verblüffte als auch die Ansiedlungen von Arten, die man hier unter normalen, eher trockenen Verhältnissen nicht zu sehen bekäme. „Die Vogelwelt“, weiß Todte spätestens seit dem Sommer 2013, „nutzt günstige Bedingungen sofort.“ Es sei interessant gewesen zu beobachten, wie schnell die Tiere neue Nahrungsquellen erschlossen hätten. Bei Mennewitz zum Beispiel tummelten sich bis zu 100 Milane, die sich von den toten, auf den Wasserflächen schwimmenden Fischen ernährten. „Für die Vogelwelt“, versichert Todte, „war dieses Hochwasser ein Dorado.“

Ornithologe überrascht

Erstaunlich auch die Graugansansammlungen. Wenn man sonst um die 300 antreffe, so bildeten sich im Sommer 2013 erstmals größere Trupps, wie der Ornithologe zusammenfasst. Im östlichen Teil des Wulfener Bruchs wurden am 14. August 2013 nicht weniger als 900 Tiere registriert. Im westlichen Teil fielen den Beobachtern am 3. August 32 Schwarzstörche auf. Üblicherweise sind das entschieden weniger. Zum Vergleich: Am 23. Juli waren es drei Vögel, am 13. August fünf. Kiebitze konnten die Männer um Todte ebenfalls im westlichen Wulfener Bruch unmittelbar nach dem Hochwasser in Scharen beobachten: In der Statistik steht der 6. Juli zum Beispiel mit 2.300, der 16. August sogar mit 3.500 Tieren. Zahlen, die selbst den erfahrenen Ornithologen zuweilen überraschten. Wie gesagt: eine spannende Zeit. (mz)