Amtsgericht Köthen

Auf illegaler Spritztour mit den „geliehenen“ Kennzeichen der Freundin

Ein Angeklagter wird vor dem Amtsgericht zur Zahlung von 1.500 Euro verurteilt. Er fährt einen BMW ohne ordnungsgemäße Kennzeichen, Tüv und Versicherungen.

Von Susann Salzmann
Einem Auto fehlt das Kennzeichen (Symbolbild)
Einem Auto fehlt das Kennzeichen (Symbolbild) (Foto: dpa)

Köthen - Der Vorwurf gegen Matthias A. (Name geändert) lautete auf Urkundenfälschung. Kein allzu seltener Anklagevorwurf. Trotzdem stieß der Vorsitzenden Richterin Susanne Vogelsang das Verfahren gegen den 33-jährigen Angeklagten vor dem Köthener Amtsgericht bitter auf. Immerhin hatte sie erst rund eine Woche zuvor den Vater des Mannes zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil dieser im Sommer 2020 eine 50-Jährige bei Zehringen anfuhr.

Die Frau verstarb damals an ihren mehrfach lebensbedrohlichen Verletzungen. Nun musste sich der Spross vor Gericht verantworten. Auch er kann auf eine kriminelle Vergangenheit blicken. Noch unter Bewährung stehend und sprichwörtlich mit dem einen Fuß fast im Knast, hielten ihn weder Verantwortungsgefühl noch die Liebe zu seiner Familie davon ab, eine weitere Dummheit zu begehen.

Um bei der „Probefahrt“, wie er es selbst nannte, nicht aufzufallen, bediente er sich eines Tricks

Am 1. Oktober 2020 machte er mit einem BMW aus den 90ern eine Spritztour, weil ihm der Sinn danach stand. Auf der Kreisstraße zwischen Aken und Kleinzerbst wollte der junge Mann nach eigenen Aussagen testen, wie sich der BMW, an dem er zuvor über Monate herumgeschraubt hatte, fahren ließe. Das Fahrzeug war aber weder versichert, noch hatte es ordnungsgemäße Kennzeichen.

Um bei der „Probefahrt“, wie er es selbst nannte, nicht aufzufallen, bediente er sich eines Tricks. Während seine Freundin arbeitete, schraubte Matthias A. die Kennzeichen ihres Wagens ab, um sie an den BMW anzuschrauben. „Dass ich das vorhatte, wusste sie aber nicht“, nahm der Beschuldigte seine Freundin vor Gericht in Schutz.

Sein Geständnis schien die Richterin noch mehr zu verärgern

„Ich wollte mit dem Auto eine Probefahrt machen, weil es länger stand“, erklärte er der Richterin. Sein Geständnis aber schien die Richterin noch mehr zu verärgern. Als Matthias A. sein Verhalten schließlich als „Kurzschlussreaktion“ bezeichnete, bot er Richterin Vogelsang eine Steilvorlage für eine Standpauke mit mahnenden Worten, bohrenden Fragen und Zurechtweisungen.

Anstatt den geraden Weg der Tugend zu beschreiten, begehe er weiter Straftaten und gefährde Menschenleben, appellierte die Richterin an die Einsichtsfähigkeit und das Verantwortungsbewusstsein von Matthias A. Immerhin hatte der 33-Jährige nur vier Monate vorher bei seinem Vater erlebt, wie schnell ein Mensch Opfer im Straßenverkehr werden kann.

Das Fahrzeug hatte seit November 2019 weder Tüv und schon gar keine Haftpflichtversicherung

Noch dazu mit tödlichem Ausgang. Der für die Straftat benutzte BMW hatte darüber hinaus seit November 2019 weder Tüv und schon gar keine Haftpflichtversicherung. Im Fall von Unfällen mit Folgeschäden hätte der Angeklagte finanziell dafür gerade stehen müssen - das aber kann er aufgrund seiner Einkommenssituation nicht.

Mehrfach machte die Richterin deutlich, dass sie kein Verständnis für die Tat des Angeklagten hat. Insbesondere nicht, da es ihm offenbar nur wenig interessierte, dass er bei der Fahrt mit dem unversicherten Wagen unter laufender Bewährung stand und 300 gemeinnützige Arbeitsstunden, die er ableisten sollte, kaum absolviert habe. Pandemiebedingt sei das schwierig gewesen, monierte Matthias A.

Allein für die Probefahrt muss er nun insgesamt 1.500 Euro „berappen“

Für Richterin Vogelsang klang das wie eine Ausrede. Insbesondere, als der Angeklagte ohne stabilen finanziellen Background die auferlegten 300 Arbeitsstunden in eine Geldstrafe umwandeln wollte. Also noch weniger Geld, das der gemeinsamen Familie zur Verfügung steht? Bei der Richterin erntete das energisches Kopfschütteln und forsche Ansagen. „Stellen Sie sich dem Leben, das aus Arbeiten besteht“, meinte Vogelsang zu dem Mann aus dem Osternienburger Land. Allein für die Probefahrt muss er nun insgesamt 1.500 Euro „berappen“. Die Strafe erachteten Richterin und Staatsanwältin für notwendig, weil die illegale Spritztour nur einen Monat nach seiner letzten Tat erfolgte.

Als der Angeklagte das letzte Wort erhielt, nutzte er das für eine Entschuldigung. Der Vorfall tue ihm leid, bekannte er. Inwieweit er diese Entschuldigung angesichts seiner acht Voreintragungen im Bundeszentralregister wirklich ernst meinte, wird die Zeit zeigen. Das Gericht machte jedenfalls keinen Hehl aus seiner Empörung über die wiederkehrenden Straftaten. Irgendwann müsse schließlich der sprichwörtliche Groschen fallen. Zumal Matthias A. mit seinen 33 Jahren vor Gericht auch kein Unbekannter ist. Er wurde in der Vergangenheit unter anderem wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln, Betrug, vorsätzlichem Fahren ohne Führerschein und - ebenfalls wie sein Vater - wegen Unfallflucht verurteilt. (mz)