Abschied auf Raten?

Abschied auf Raten?: Wie die Kirche in Meilendorf immer mehr verfällt

Meilendorf - Im Dorfteich vor der verfallenen Kirche schwimmen Enten. Tauben gleiten durch Fenster, die längst ihr Glas verloren haben. Das Tageslicht fällt durchs marode Dach. Eingänge sind zugemauert, die Kirchturmuhr ist nur noch ein großer Flecken Rost. „Einsturzgefahr! Herabfallende Teile. Betreten verboten! steht auf einem Schild. Zäune und Fangnetze sollen Schlimmeres verhindern. Die Meilendorfer Kirche verschwindet seit Jahrzehnten Jahr für Jahr ein Stückchen ...

Von Henrik Klemm 26.03.2017, 10:00

Im Dorfteich vor der verfallenen Kirche schwimmen Enten. Tauben gleiten durch Fenster, die längst ihr Glas verloren haben. Das Tageslicht fällt durchs marode Dach. Eingänge sind zugemauert, die Kirchturmuhr ist nur noch ein großer Flecken Rost. „Einsturzgefahr! Herabfallende Teile. Betreten verboten! steht auf einem Schild. Zäune und Fangnetze sollen Schlimmeres verhindern. Die Meilendorfer Kirche verschwindet seit Jahrzehnten Jahr für Jahr ein Stückchen mehr.

Das Schicksal der Kirche bewegt die Einwohner

Das Schicksal des Baus inmitten des kleinen, wenig mehr als 200 Einwohner zählenden Dorfes mit seinen Ortsteilen Körnitz und Zehmigkau bewegt und frustriert die Menschen. Immer wieder haben sie hoffend überlegt, was mit der Kirche, deren Turmspitze amerikanische Truppen 1945 herabgeschossen haben, geschehen soll.

Was machen mit einem Gotteshaus, das, von der Kirche nicht mehr genutzt, schon in den 1970er Jahren gesperrt wurde und nach der Wende ins Eigentum der Gemeinde überging? Was machen, wenn die Kassen zu leer sind, um etwas zu bewegen? Eine Antwort darauf gab es auch am Mittwochabend im Dorfgemeinschaftshaus Meilendorf nicht. Aber, das Interesse an der Kirche ist groß, der kleine Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 60 Interessierte wollten wissen, was der Historiker Jan Brademann, er arbeitet im Archiv der Evangelischen Landeskirche Anhalts, über die Kirchen und über das Leben im Ort zu erzählen weiß.

Bei einer Fahrradtour entstand die Idee zum Treffen

Pfarrerin Christine Reizig, die den Kontakt zu Brademann geknüpft hatte, erinnerte an das Zustandekommen des Treffens. Im vergangenen Jahr war es demnach, als die Evangelische Landgemeinde Quellendorf am Tag des offenen Denkmals ihre Fahrradtour mit einer Andacht an der Kirche in Meilendorf begann und Fragen zu dieser Kirche unbeantwortet blieben. Brademann ließ sich nicht lange bitten, stöberte in den Kirchenarchiven und brachte Interessantes und auch Amüsantes aus den Akten ans Tageslicht. Dabei sei es eigentlich sein Gedanke gewesen, „gerade nicht den Zerfall zu thematisieren, sondern auf eine Epoche zu blicken, in der die Kirche als Gebäude weitgehend intakt war und als Organisation mit der Gesellschaft in enger Verbindung stand“.

Doch er ließ es sich nicht nehmen, am Ende seiner Betrachtungen den Bogen vom Bau der jetzigen Kirche im Jahr 1880 ins Heute zu schlagen. Er habe den Eindruck, dass sowohl die weltliche als auch die kirchliche Gemeinde schon 1880 mit diesem Bau überfordert gewesen sei, sagte der Historiker.

Kleines und armes Dorf

Zuvor hatte er unter anderem belegt, dass Meilendorf im Amte Dessau ein kleines und armes Dorf war. Wann und wie indes die erste Kirche dort entstanden sei, das wisse man nicht. „Wir werden ihrer erst Mitte des 16. Jahrhunderts gewahr“, so Brademann. Da heißt es nämlich im Amtsregister von 1547: „Es ist ein kirch zu Milndorf“.

Eindeutiger wird es im 18. Jahrhundert. Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau lässt 1717 bis 1723 eine neue Kirche bauen. Der Bau kostete knapp 1.300 Reichstaler (ein Knecht verdiente damals zwölf Reichstaler im Jahr). Die Gemeinde zahlte die Hälfte.

Als 1876 größere Reparaturen nötig schienen und die Bevölkerungszahl gestiegen war, kam die herzogliche Bauverwaltung zu dem Schluss, dass erneut ein Neubau nötig ist. Er wurde 1880 am Dorfteich, dessen Bett man extra tiefer legte, in Angriff genommen. Die alte Kirche lässt man noch ein paar Jahre bis zum Abriss stehen. Heute ist für die „Neue“ ein ähnliches Schicksal zu befürchten. (mz)

Seit Oktober 2015 ist Jan Brademann (Foto) Amtsrat im Archiv der Evangelischen Landeskirche Anhalts in Dessau. Der promovierte Historiker hat von 1998 bis 2004 ein Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Landesgeschichte sowie Galloromanistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erfolgreich absolviert. Nach seiner Arbeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster war Brademann unter anderem Assistent am Lehrstuhl von Prof. Andreas Suter (Frühe Neuzeit) an der Universität Bielefeld. Seit April 2016 ist er Mitglied der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt, einer Vereinigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Landes Sachsen-Anhalt beschäftigen.

Jan Brademann wurde 1977 in Wolfen geboren und wuchs in Raguhn auf. Er ist 40 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Töchter. Er lebt in Dessau.

Weitere Informationen finden sich im Internet unter der Adresse www.janbrademann.de.