Tendenz steigend

Warum sich beim Minirock-Messen in Bethau alle für den Bürgermeister freuen

Einwohner aus Bethau erkunden per Drahtesel ihre Nachbarschaft. Wer das Minirock-Messen gewonnen hat und warum sich alle für den Bürgermeister freuen.

Von Evelyn Jochade
Voller Vorfreude auf das Radelvergnügen stellten sich die Bethauer vor ihrem Wandbild zum Schnappschuss auf.
Voller Vorfreude auf das Radelvergnügen stellten sich die Bethauer vor ihrem Wandbild zum Schnappschuss auf. Foto: Evelyn Jochade

Bethau/MZ - Ganz ohne Probleme haben die Pedalritter aus Bethau die steile Stiege zum Dorfmuseum in Plossig erklommen. Zuvor waren die 33 Erwachsenen und zahlreiche Kinder, angeführt vom Heimatverein „Schwarzhacken Bethau“, bei strahlendem Sonnenschein zu einer Radeltour ins nahe Umland gestartet. Erster Haltepunkt: Das gar nicht so winzige Museum im Nachbarort, wo Heidi Knöffel und Ute Simon ihre Gäste erwarteten. Beide Frauen sind so etwas wie die guten Seelen des Dorfmuseums.

Nach dem Eintrag ins „Corona-Gästebuch“ hatten beide viel zu erzählen - und reichlich Fragen zu beantworten. Wer von den Gästen früher noch nicht hier gewesen war, staunte über die Vielfalt der ausgestellten Stücke. Wer das Museum schon kannte, fand immer wieder Neues. Bis zu seiner Eröffnung im Mai 2002, hatte der große ehemalige Heuboden eine regelrechte Verwandlung durchgemacht. Viele freiwillige Helfer befreiten diesen von Müll und Schutt, bevor überhaupt die Exponate, Spenden und Leihgaben ausgestellt werden konnten.

Heidi Knöffel demonstriert am Originalgerät, wie die Minirockmessung damals vor sich ging. Damit hat sie  es sogar ins Fernsehen geschafft.
Heidi Knöffel demonstriert am Originalgerät, wie die Minirockmessung damals vor sich ging. Damit hat sie es sogar ins Fernsehen geschafft.
Foto: Jochade

Ab 1909 gab es Strom

2004 wurde das Museum zudem um einen Dokumentationsraum vergrößert, wo zum Teil anhand originaler Schriften wichtige Ereignisse der Dorfgeschichte nachzulesen sind. So beispielsweise, dass in Plossig 1909 elektrischer Strom floss und in Wittenberg erst zwei Jahre später. 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, kostete hier ein Ei 80 Milliarden und ein Ein-Kilo-Brot sogar 280 Milliarden Mark. Einst hatte Plossig auch einen schönen kleinen Bahnhof an der 13 Kilometer langen Strecke zwischen Annaburg und Prettin, der Prettiner „Laura“. Im Jahr 1902 ist die Einweihung erfolgt. Nach der Wende kam das Aus. Und 2002 mit dem Jahrhunderthochwasser wurden auch „die zarten Pflänzchen der Hoffnung“ auf Wiederbelebung hinweggespült. Inzwischen sind die Schienen längst verkauft und abgebaut.

Nicht abgebaut werden konnten in der Zeit der pandemiebedingten Schließung, also rund eineinhalb Jahre, die ganzen Ausstellungsstücke. So hatten die Freunde des Museums jetzt gut zu tun, Staub und Schmutz hinauszubefördern. Unter allem Sehenswerten zeigte Heidi Knöffel auf etwas, das aussah, wie ein umgebautes Kinderdreirad. Tatsächlich war es das einmal. Doch vor 14 Jahren erlangte es republikweite Aufmerksamkeit. Als die Plossiger das Minirock-Vermessen erfanden und einen solchen Wettbewerb ausriefen, eilte flugs das Fernsehen in Gestalt von Christine Errath, Moderatorin der noch aus DDR-Zeiten beliebten Sendung „Außenseiter-Spitzenreiter“ herbei.

Heidi Knöffel wurde damals als Siegerin gekürt und ließ mit 64 Jahren die jungen Mitbewerberinnen alt aussehen. Noch voller Eindrücke steuerten die Bethauer Radler anschließend die rekonstruierte Plossiger Mühle an, wo „Tauben-Meißner“ zwei mitgebrachte Brieftauben auf die Reise schickte. Möglich, dass wenigstens eine in Labrun Rast machte und in der Gaststätte „Zur Erholung“ Bescheid gab, dass die munteren Bethauer Radler bald kommen werden.

 Die junge Generation bewies an  Plossigs Mühle  handwerkliches Geschick.
Die junge Generation bewies an Plossigs Mühle handwerkliches Geschick.
Evelyn Jochade

Riesenspaß für Kinder

Die Bethauer hatten aber auch an alles gedacht. Sogar an einen Traktor mit Anhänger auf dem müde Radsportler hätten die Tour angenehm zu Ende bringen können. Doch niemand gab sich die Blöße. Lediglich für die Kinder war es ein Riesenspaß mitzufahren. So viel Sport macht bekanntlich hungrig und durstig. Aber auch dafür hatten die Bethauer Organisatoren gesorgt.

Im gemütlichen Biergarten der Labruner Restauration konnten die Radler an einer extra hergerichteten langen Tafel Platz nehmen. Hier tankten sie Kraft für die letzte Wegstrecke, aber auch für das Volleyballspiel, welches nach der Heimkehr noch unabdingbar auf dem Plan stand.

Bei einem „kühlen Blonden“ oder Cola entspannen sich lustige Diskussionen. So sannen Bernhard Burghardt und Horst Meißner über auf der Wiese weidende Graskarpfen nach. Horst Meißner, den alle ob seiner Brieftauben nur „Tauben-Meißner“ nennen, war im Übrigen der mit 80 Jahren älteste Teilnehmer der Tour.

Nächstes Ziel der nimmermüden Pedalritter  war die aufwändig rekonstruierte  Bockwindmühle in Plossig.
Nächstes Ziel der nimmermüden Pedalritter war die aufwändig rekonstruierte Bockwindmühle in Plossig.
Fotos: Evelyn Jochade

Vorsorge getroffen

Da blieb es nicht aus, über den Nachwuchs im Dorf zu sinnieren. Der jüngste Einwohner Bethaus hieß bis vor acht Monaten Lilith Nowack (jetzt elf Monate). Es ist das Kind des Ortsbürgermeisters Andreas Nowack und seiner Frau Nancy. Dann kam Emil Jähnichen auf die Welt. „Natürlich musste der Bürgermeister da nachziehen und als gutes Beispiel vorangehen“, meinten nicht nur die älteren Herren verschmitzt. „Schließlich soll Bethau nicht aussterben.“ Tatsächlich freuen sich die Nowacks und mit ihnen das gesamte Dorf nun auf einen Buben. Nach Aussage des Ortsbürgermeisters hat Bethau fast 150 Einwohner. „Tendenz steigend!“

Solch eine  Maske ist  den meisten Menschen im Leben erspart  geblieben.
Solch eine Maske ist den meisten Menschen im Leben erspart geblieben.
Evelyn Jochade