Gymnasium JessenGymnasium Jessen: Emotionale Stunde zum Ersten Weltkrieg

Jessen - Neuntklässler bieten Lesung und Ausstellung zum Ersten Weltkrieg.

Von Detlef Mayer 10.04.2018, 09:41

„Irgendwo krepiert in der Nähe eine Granate mit hohlem Knall. ,Gas!’, schreit einer aus dem Nachbargraben ... Eine Feuerwelle trommelt in den Wald. Maskengläser werden trüb. Fieberhaft versuche ich, die undichten Stellen abzuschließen. Es gelingt, doch ich habe auch schon geschluckt. Die Augen brennen. Neben mir schreit einer immer lauter. ,Hilfe! Hilfe!’

Jeder kämpft um sein Leben. Wie lange noch. Das Geschrei neben mir geht in Krächzen über. Meine Augen! Nach drei Stunden lässt das Feuer nach. Ich bin allein. Neben mir nur aufgedunsene Leichen.“ (Schriftsteller Hans Marchwitza - 1890 bis 1965 - über einen Gasangriff an der Front)

Das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren nehmen die Neuntklässler des Jessener Gymnasiums zum Anlass, zu einer szenischen Lesung einzuladen. Im voll besetzten Foyer der Bildungseinrichtung sorgen sie mit „Stell dir vor, es war Krieg ...“ eine Stunde lang und mit beachtlichem Nachhall für eine sehr nachdenkliche Stimmung.

In ihrem Programm folgen die Mädchen und Jungen, insgesamt etwa 30 meist dunkel gekleidete Akteure, der Chronologie des Schreckens, spüren dem Grauen anhand von Zeitzeugenberichten (darunter Briefe von der und an die Front), Gedichten, Sequenzen aus Büchern, Tondokumenten und Liedern nach.

Aufwühlendes Programm

Von der Kriegserklärung durch den deutschen Kaiser Wilhelm über die Euphorie bei Kriegseintritt, die Meldung von patriotischen Freiwilligen (darunter ganze Schulklassen), das folgende nicht enden wollende grausame Sterben und Verstümmeltwerden an der Front sowie die Leiden der Bevölkerung bis hin zur bitteren Kriegsbilanz spannt sich der emotional sehr aufwühlende Bogen.

Thematisiert wird auch, dass das Töten auf den Schlachtfeldern dieser Welt und der Terror im zivilen Umfeld mit dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg noch längst kein Ende gefunden haben.

Eine kleine von den Neuntklässlern gestaltete Ausstellung vertieft die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg. Sie steht nicht nur den vielleicht 180 Gästen der Lesung vor und nach dem Programm zur Verfügung, sondern soll darüber hinaus noch einige Zeit im Schulgebäude verbleiben. Aufsteller mit Soldaten des Ersten Weltkriegs und sogar einem Kind in Uniform geleiten den Betrachter der Exposition zu den Schautafeln.

Diese befassen sich mit der Kriegsmaschinerie (einschließlich Modell von einem Schützengraben), mit Familien im Krieg, Feldpost und Tagebuchaufzeichnungen, persönlichen Schicksalen sowie dem Leben von Kriegsgefangenen. Alles in allem jede Menge Stoff zum Schauen und Lesen.

„Wir kamen in Belgien an und hatten rund 30 Kilometer in Richtung Front zu gehen. Nachts. Wir kamen durch einen Wald. In dem Wald schossen mehrere Geschütze einer Batterie ihre Geschosse ab. Einer von uns fiel vor Schreck um, ich machte in die Hose und der dritte erbrach sich ... Ich dachte: ,Das ist ja grauenhaft.‘ Ich hatte Angst, umgebracht oder zum Krüppel zu werden ... Ein Entkommen gab es nicht.“ (H. B., im Kapitel „Der erste Tag im Krieg“)

An dem fächerübergreifenden Projekt zum Ersten Weltkrieg beteiligten sich alle vier neunten Klassen des hiesigen Gymnasiums, weiß Claudia Buchmann der MZ zu berichten. Laut der Lehrerin für Geschichte und Sozialkunde (seit 2015 in Jessen) haben die insgesamt 80 Schüler, in Gruppen aufgeteilt, seit Februar 2018 neben der szenischen Lesung an der Ausstellung sowie den Kulissen (Dreh-Stelen) gearbeitet.

Für die Pädagogen begannen die Vorbereitungen schon im September 2017. Als Verantwortliche fungierten außer Claudia Buchmann noch Cosima Schmidt (Deutsch, Geschichte), Elisa Opitz-Schöße (Geschichte, Latein) und Georg Schneidmadel (Deutsch, Kunst, Geschichte). Eingebunden waren zudem die Musiklehrer Katrin und Udo Sommer (sie leiteten die beiden Chorauftritte der Neuntklässler) sowie Kunstlehrerin Birgit Pahlow (Betreuung der Ausstellungsmacher und der Kulissenbauer).

Intensiv Quellen studiert

„Die neunten Klassen haben sich intensiv mit Quellen zum Ersten Weltkrieg befasst und so tiefgründigere Einblicke gewonnen als nur aus unseren Standardlehrbüchern“, sagt Claudia Buchmann. „Uns Lehrern war auch die fächerübergreifende Arbeit wichtig, mal wegzukommen vom Schubladendenken.

Es ist ja eigentlich ein Geschichtsprojekt, aber es waren auch Fertigkeiten in Deutsch, zum Beispiel für die Rezitationen, und künstlerische Fähigkeiten gefragt.“

„Mein vielgeliebter Mann und herzensguter Vater! In Rheinsdorf in der alten Pulverfabrik hat es wieder eine große Explosion gegeben, größer als vor zwei Jahren. Gegen halb elf ist es gewesen. In den nahen Dörfern ist kein Fenster ganz geblieben. In Wittenberg sind alle Schaufenster entzwei und ein paar hundert Tote gab es auch, und viele Verwundete, meist Frauen und Mädchen ...“ (Minna Falkenhain an ihren Ehemann, Groß-Naundorf, 20. November 1917)

Für Gänsehaut-Feeling im Gymnasium-Foyer sorgt Milena Letz mit ihrem Sologesang. Sie interpretiert „Mad World“ von Gary Jules und erntet dafür spontanen Beifall.

(mz)