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Gedenktag  Gedenktag : Aufklären statt verklären

Von Sven Gückel 29.01.2019, 08:00
Mit ihrer szenischen Lesung ließen die Jugendlichen die Ereignisse von damals wieder lebendig werden.
Mit ihrer szenischen Lesung ließen die Jugendlichen die Ereignisse von damals wieder lebendig werden. Sven Gückel

Prettin - Angehörige ehemaliger Inhaftierter und von Opferverbänden, Schüler der Region, Geschichtsinteressierte und lokale Politiker wie Landrat Jürgen Dannenberg (Linke) gedachten am Sonntag in der Lichtenburg Prettin der Opfer des Nationalsozialismus. Das einstige KZ, in dem zwischen 1933 und 1945 mehr als 10 000 Menschen inhaftiert waren, ist nun ein Ort des Erinnerns.

„Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten“, warnte der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) in einem Gastbeitrag für die „Welt am Sonntag“. Um so gefährlicher, fügte er an, sei das Unwissen gerade der jungen Deutschen, von denen 40 Prozent nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust wüsten. Schüler des Gymnasiums Jessen kann Maas damit nicht gemeint haben. Wie schon in den Vorjahren führten sie am nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in der Lichtenburg Prettin eine szenische Lesung auf.

Erlebnisberichte ausgewertet

Deren Inhalt hatten die Jugendlichen im Unterricht aus einer Vielzahl authentischer Berichte zusammengetragen. Den Schwerpunkt legten Schüler und Prettiner Gedenkstättenleitung in diesem Jahr auf das Leid der homosexuellen Häftlinge. „Sie hatten es besonders schwer. Denn neben der Schikane durch die SS-Mannschaften mussten sie zum Teil auch die Homophobie anderer Häftlinge ertragen“, erläuterte Gedenkstättenleiterin Melanie Engler.

Dass man den Fokus der Lesung ausschließlich auf die Geschichten und Erlebnisberichte Homosexueller legte, hat vor allem den Grund, dass man damit zeigen wollte, wie facettenreich die Menschenverachtung im Dritten Reich war. Schwule gehörten zu den Ersten, die nicht in die rassisch denkende NS-Gesellschaft passten.

Bereits im Februar 1933 forderte das preußische Innenministerium die Schließung von Gaststätten, in denen sich Homosexuelle trafen. Ende 1934 trafen schließlich erste Transporte mit Homosexuellen in Prettin ein. Gegen sie, so zitierten die Gymnasiasten aus zeitgenössischen Quellen, ging die SS besonders hart vor. Der Paragraf 175 und dessen Verschärfung zu 175a bot ihnen dafür die gesetzliche Grundlage.

Das Paradoxe daran ist, dass politische Häftlinge der Lichtenburg dieses Leid zwar sahen, dadurch selbst aber eine „Auszeit von Gewalt und Folter“ erhielten. Anders als bei den Politischen gab es unter den inhaftierten Homosexuellen keine Selbstorganisation der Gruppe. Ohne Hilfe anderer wurden sie auf brutalste Weise geschunden. Wer zudem in den Bunker musste, mitunter schon nach geringfügigen Vergehen, hat diesen nur nach schlimmsten Qualen wieder verlassen.

Auch wenn Schwule und Lesben heute in der Öffentlichkeit ihre Liebe ausleben dürfen, was durch die Gymnasiasten in zwei kurzen Sequenzen eines Schattenkinos gezeigt wurde, so war der Weg dorthin doch lang und steinig. Denn erst 1994 stimmte der Bundestag für die Abschaffung des menschenverachtenden Paragrafen 175, erinnerte Engler die Zuhörer der Gedenkveranstaltung. Und erst seit 2011 dürfen auch Homosexuelle Anträge auf Entschädigung als Verfolgte des Nationalsozialismus stellen. Bis Ende 2017 lagen kaum mehr als 20 Einträge vor, von denen nur acht bewilligt wurden.

Wichtiger Ort des Erinnerns

„Wir können es uns einfach nicht leisten, zu vergessen“, mahnte Landrat Jürgen Dannenberg. Zumal sich die Momente mehren, für die man einfach keine Worte findet, ergänzte er. Ausdrücklich verwies er dabei auf das Anzünden eines in Wittenberg ausgestellten Flüchtlingsbootes. Die Toleranz anderen gegenüber, so der Landrat, schwinde immer mehr. Um so wichtiger seien Orte des Erinnerns, wie eben die Gedenkstätte in der Prettiner Lichtenburg. Allein schon für die Jugend müssten Orte wie dieser erhalten werden. „Aufklärung statt Verklärung“, forderte er eindringlich.

Die von den Jugendlichen vorgetragenen Texte über die Erlebnisse der Homosexuellen fesselten die Gäste der Veranstaltung. Auch 74 Jahre nach Kriegsende wirken sie lebendig. „Liebe ist alles, Hass ist nichts“, riefen die Darsteller zum Schluss im Chor. Ein Fazit, das ebenso ankam wie die überaus gelungenen Interpretationen der Lieder „Imagine“ von John Lennon und die deutsche Version des Dylan Titels „Blowing in the wind“, die Jonas Fieseler, Louise Pigorsch und Lara Schindler vortrugen.

(mz)