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Gedenken an Walter Simson in Jessen Gedenken an Walter Simson in Jessen: Stolperstein als Erinnerung im Schlosshof?

Von Frank Grommisch 15.10.2015, 18:15

Jessen - Wer war Walter Simson? Gelebt hat er von 1886 bis 1935. Der Rechtsanwalt und Notar in Jessen nahm sich am 2. Oktober 1935 das Leben. Jessener Gymnasiastinnen haben zu diesem Mann recherchiert und kamen zu dem Schluss, dass er in den Freitod getrieben wurde, weil er den zunehmenden Repressalien durch das nationalsozialistische Regime nicht mehr gewachsen war.

Die Aktion Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen. Erinnert wird an Opfer in der Zeit des Nationalsozialismus, indem vor ihrem Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Fußweg eingelassen werden. Stolpersteine liegen inzwischen in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. Für 120 Euro könne jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen.

Simson war jüdischer Herkunft, konvertierte aber zum Katholizismus. Das Grab des einstigen Rechtsanwalts und Notars befindet sich auf dem Stadtfriedhof von Jessen.

An den Mann, der in Danzig geboren wurde, wird auch im Online-Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland von 1933 bis 1945 erinnert. Zum Hintergrund wird dort erläutert: „Mit dem ,Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933-1945’ stellt sich das Bundesarchiv der aus den ungeheuerlichen Verbrechen des nationalsozialistischen Rassenwahns erwachsenden moralischen Verpflichtung, die Erinnerung an alle jüdischen Opfer der NS-Gewaltherrschaft wach zu halten und an künftige Generationen weiterzugeben.“

Kanzlei und Wohnsitz

Aus ihren Nachforschungen, die vom Geschichtslehrer Hans-Marten Kuhwald begleitet werden, leiteten die Schülerinnen Jessica Krause, Jasmin Gräser und Luise Neupert den Vorschlag ab, einen Stolperstein im Hof des Schlosses zu verlegen. Denn im Jessener Schloss hatte Walter Simson seine Anwaltskanzlei und vorübergehend war der Gebäudekomplex auch Wohnsitz der Familie. Ein entsprechender Antrag wurde im Frühjahr an die Stadtverwaltung gestellt. Vorausgegangen waren neben anderem Recherchen im Stadtarchiv in Jessen, auch bei Peter Raschig erkundigten sich die Schülerinnen über dessen Kenntnisse zu Walter Simson. In der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses des Stadtrats erläuterte die Elftklässlerin Luise Neupert das Ansinnen. Das Abgeordneten-Gremium reagierte aufgeschlossen auf diese Initiative. Er finde diese Idee sehr gut, sagte zum Beispiel Klaus-Dieter Richter (CDU/FDP). Er sieht auch die Möglichkeit, die Erinnerung an weitere Jessener wachzuhalten. Sie könne nur zustimmen, äußerte Elke Naujokat (Linke). Sie sehe kein Argument, warum diesem Ansinnen nicht zugestimmt werden sollte, erklärte Gabriele Wolf (BBP-Bürgerinitiative Jessen). Doch die Stadträte wollen sich noch intensiver mit diesem Thema befassen und weitere Informationen über Walter Simson, so wie Dietmar Klotz (Linke). In Beratungen zuvor waren auch Meinungen geäußert worden, sich vor der Entscheidung in diesem Einzelfall eine Übersicht zu beschaffen, wie viele Jessener es verdient hätten, die Erinnerung an sie wachzuhalten.

Aufforderung an Fraktionen

Jede Fraktion sollte sich zu dem Ansinnen, einen Stolperstein (er ist 96 mal 96 Millimeter groß) in das Pflaster des Schlosshofes einzulassen, eine Meinung bilden, hatte Stadtratsvorsitzender Gunter Danneberg (CDU/FDP) im jüngsten Hauptausschuss gesagt. „Wir sind nicht unter Zeitdruck und wir sollten sensibel mit diesem Thema umgehen.“

Mit einer Entscheidung in diesem Jahr ist nicht zu rechnen. Bürgermeister Michael Jahn (SPD) orientierte auf die erste Stadtratssitzung im kommenden Jahr, aber dann sollte sie fallen, damit die drei Gymnasiastinnen die Möglichkeit haben, das Projekt noch während ihrer Schulzeit abzuschließen. Denn für die Aktion „Stolpersteine“ wird auch einiges an Vorlauf benötigt, mit etwa einem Jahr muss gerechnet werden, und einen Verlegetermin mit dem Künstler zu finden, sei auch nicht einfach. Er persönlich hätte kein Problem, im Schlosshof so einen Stolperstein zu setzen, sagte Jahn, den ersten in Jessen überhaupt. Die Zahl der offiziell anerkannten Jessener Opfer in der Zeit des Nationalsozialismus liege nach seinem Kenntnisstand wahrscheinlich unter zehn. (mz)