Bildung in Annaburg

Bildung in Annaburg: Überraschendes Ende

Annaburg - Die Ankündigung kam überraschend. Die bis zum Jahresende befristeten Verträge für Sprachlehrer, die sich an den Regelschulen vornehmlich um Migranten kümmern, werden durch das Land Sachsen-Anhalt nicht verlängert.

Von Sven Gückel und Frank Grommisch
Sissi Noack vor der Schule in Annaburg
Sissi Noack vor der Schule in Annaburg Gert Mothes

Die Ankündigung kam überraschend. Die bis zum Jahresende befristeten Verträge für Sprachlehrer, die sich an den Regelschulen vornehmlich um Migranten kümmern, werden durch das Land Sachsen-Anhalt nicht verlängert. Statt dessen sollen die betroffenen Kinder und Jugendlichen ab Jahresbeginn 2017 in Regelklassen integriert werden.

Stadt will protestieren

In Annaburg, in der dortigen Sekundarschule besteht eine so genannte DaZ-Klasse (DaZ steht für Deutsch als Zweitsprache) stößt das auf energischen Widerspruch. „Wir können das nicht ohne Kommentar hinnehmen“, sagte Anja Liebig, stellvertretende Bürgermeisterin, im Hauptausschuss des Stadtrats.

Das Gremium war einhellig der Meinung, dass ein Offener Brief geschrieben wird. Darin soll gefordert werden, so die Aussagen in dem Gremium, dass die Annaburger Klasse weiter besteht, da sie erst am 1. April dieses Jahres ins Leben gerufen wurde. 18 Mädchen und Jungen lernen in ihr. Eine Förderung von zwei Stunden in der Woche, wie ab Januar in Aussicht gestellt, sei zu wenig. Es solle auf die Besonderheit in Annaburg hingewiesen werden, ebenso auf mögliche Gefahren für die Bildungsqualität. DaZ-Klassen bestehen auch an den Sekundarschulen „Ferropolis“ in Gräfenhainichen, „Rosa Luxemburg“ in Wittenberg und der Gemeinschaftsschule Friedrichstadt in der Kreisstadt.

Von den 230 Sprachlehrern im Land, seien 180 befristet bis Ende 2016 eingestellt worden. Ein Fakt, von dem die neue Landesregierung nichts gewusst haben will. „Sowohl Bildungsminister Marco Tullner (CDU) als auch wir Abgeordneten wussten nicht, dass die Verträge nur befristet waren. Dieses Erbe haben wir unwissentlich übernommen“, betont der CDU-Fraktionschef im Landtag, Siegfried Borgwardt. Dass es wenig Sinnhaftigkeit aufweist, im Schuldienst Verträge bis Jahresende statt bis zum Ablauf des jeweiligen Schuljahres aufzusetzen, räumt Borgwardt ein. Doch daran, sagt er, könne die gegenwärtige Landesregierung nichts mehr ändern. Vielmehr wolle man nun versuchen, die Situation zu retten.

Helfen soll dabei einmal mehr eine neue Bedarfsermittlung. Die zeigt zwar laut Minister Tullner einen deutlichen Rückgang der Asylbewerberzahlen auf, stellt aber auch fest, dass die 50 unbefristet tätigen Sprachlehrer nicht ausreichend sind. „Aus diesem Grund werden bis Mitte 2017 an den allgemeinbildenden Schulen weitere 65 und an den Berufsschulen zehn zusätzliche Sprachlehrer beschäftigt“, sagt Borgwardt. Die dafür notwendigen 2,1 Millionen Euro seien im Haushaltsplan 2017 aber nicht eingeplant und somit unerwartete Mehrausgaben.

Zudem, fügt er an, müsse man die Qualifikation der Betreffenden stärker beachten. Die angesichts gravierenden Lehrermangels im Land von der Landtagsopposition geforderte Übernahme aller 230 Sprachlehrer in den regulären Schuldienst könne aus Sicht der CDU so nicht umgesetzt werden. „Es gibt im Schuldienst Normen und Regeln wie das Vorweisen des zweiten Staatsexamens. Was wir bislang hatten, war eine Notsituation, da können Regeln kurzzeitig außer Kraft gesetzt werden, aber nicht dauerhaft“, unterstreicht Borgwardt.

Höhere Belastungen

Der reguläre Unterricht dürfe trotz aller Probleme nicht aus dem Blickfeld verloren gehen, mahnt er an. Doch genau der scheint zu leiden, wenn die DaZ-Klassen nun aufgelöst und die ausländischen Schüler dauerhaft in den Regelklassen lernen. Zumal Sekundarschulen im Land mit den Schwierigkeiten ringen, die ihnen die Umsetzung der Inklusion beschert. Die EU hatte Deutschland dafür gerügt, dass Kinder mit diagnostizierten Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten an Förderschulen und nicht an regulären Schulen unterrichtet werden. Seither dürfen betroffene Eltern selbst entscheiden, wo ihr Kind unterrichtet wird. Der damit verbundene Mehraufwand für die Pädagogen ist immens. Zumal diese Kinder einer besonderen Betreuung und Förderung bedürfen.

Von einem Leistungsabfall in den Klassen ist die Rede. Der Mangel an Pädagogen und die extreme Zusatzbelastung, klagt die Gewerkschaft der Lehrer, gehe darüber hinaus zulasten der Lehrergesundheit. Zumal der Teiler einer Klasse an Förderschulen bei 15 Schülern liegt, an Sekundarschulen beträgt er 29. Die Integration der jungen Ausländerkinder in den Regelschulbetrieb verschärfe deshalb die aktuelle Situation. Ob das durch die Schließung der Förderschulen freigewordene Geld jetzt den Sekundarschulen zugute kommt, ist ebenso fraglich.

Gegenwärtig, so Borgwardt, sind im Land 16.940 registrierte Asylbewerber erfasst, davon 731 im Landkreis Wittenberg. Bis Ende Oktober wurden landesweit 735 abgeschoben, 1.469 gingen freiwillig in ihr Herkunftsland zurück. „Die Tendenz der Neuankömmlinge ist momentan stark rückläufig. Wir werden auch weiterhin regelmäßig den Bedarf an Sprachlehrern ermitteln und darauf reagieren“, so Borgwardt. (mz)