Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 Berührendes Erinnern an die NS-Opfer in Merseburg
Merseburg gedenkt am Donnerstag der Novemberpogrome von 1938. In der Stadt im Saalekreis werden Stolpersteine geputzt. Welche Botschaft Merseburger Oberbürgermeister Sebastian Müller-Bahr hat.

Merseburg/MZ. Es gibt insgesamt elf Stolpersteine in Merseburg. Es sind zu viele, um sie bei einem einzigen Rundgang alle zu besuchen. Für die Gedenkveranstaltung am Donnerstagabend anlässlich des 85. Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 hatte das Bündnis Merseburg für Vielfalt und Zivilcourage deshalb eine Auswahl getroffen. Die Mitglieder entschieden sich diesmal für Themen wie „Arisierung von Wohnraum“ oder „Widerstand“, um beispielhaft an das Schicksal von Merseburger Juden zu erinnern.
Henriette Pakulla, Jahrgang 1878, war die Witwe eines Geschäftsmannes. Sie wohnte in der Burgstraße und wurde innerhalb von nur vier Jahren zu unzähligen Umzügen gezwungen, weil sie Jüdin war. Erst innerhalb von Merseburg bis an die äußerste Stadtgrenze auf den Neumarkt, wo heute ein Stolperstein an sie erinnert, dann innerhalb von Halle. Jedes Mal wurde ihr mehr Hab und Gut weggenommen, bis sie nichts mehr besaß. Ins KZ Sobibor transportiert, wurde sie dort im Juni 1942 ermordet.

Oder Albert Seemann. Er musste nicht nur Mobbing und soziale Abgrenzung ertragen, sondern auch staatliche Willkür und sogar Folterung bei polizeilichen Vernehmungen. Gedemütigt und entrechte, nahm er sich 1944 das Leben. An ihn erinnert heute ein Stolperstein in der Dammstraße.

Beim Rundgang am Donnerstag mit Bürgern, Vertretern der Stadt, von Parteien, Institutionen und Vereinen wurden diese beiden und weitere Stolpersteine in der Innenstadt sowie die Stele vor der Neumarktkirche geputzt, mit Blumen geschmückt und Gedenkkerzen angezündet. Bei kleinen Lesungen erfuhren die Anwesenden von einzelnen Schicksalen der Opfer der NS-Zeit. Musik erklang. Es gab stilles Gedenken.
In der Stadtkirche fand das seine Fortsetzung bei einer gemeinsamen Andacht von Stadt und evangelischem Kirchenkreis. Pfarrerin Susanne Mahlke fragte, was die Menschen heute verbinden kann. Merseburgs Oberbürgermeister Sebastian Müller-Bahr berichtete vom jüngsten Besuch im Urlaub am Rhein in einer Synagoge, wo Verhaltenstipps im Amokfall an der Wand neben dem Eingang hängen. „Wir müssen selber Brücken bauen, selber für den Frieden kämpfen, das muss uns bewusst sein“, sagte er. „Populismus und einfache Worte auf Plakaten sind nicht die Lösung.“