„So viel Zivilcourage legt nicht jeder an den Tag“

So erlebten die beiden Lebensretter den Brand im Betreuten Wohnen in Hettstedt

Von Beate Thomashausen 24.09.2021, 09:07 • Aktualisiert: 24.09.2021, 09:18
Michael Böhme (56, li.) und Steffen Kühn (50) retteten Leben bei einem Brand im Betreuten Wohnen in Hettstedt.
Michael Böhme (56, li.) und Steffen Kühn (50) retteten Leben bei einem Brand im Betreuten Wohnen in Hettstedt. Foto: Thomashausen

Hettstedt/MZ - Der Held der Stunde ist noch ein bisschen lädiert und kommt gerade erst aus dem Krankenstand zurück. Dabei sieht es im Fernsehen doch immer ganz einfach aus: Wenn sich jemand gegen eine Tür wirft, geht die meist auch auf. Die Wohnungstür, die Michael Böhme mit der Schulter einrammen wollte, erwies sich jedoch als widerspenstiger.

„Wie Bud Spencer habe ich mit der Schulter versucht, die Tür einzurammen“, erzählt der 56-Jährige jetzt mit einem Augenzwinkern. Nun kann er über den Abend und seinen Einsatz Witze machen, denn alles ist gut überstanden. Auch und vor allem dank seiner Hilfe und der von Steffen Kühn (50).

Die beiden und ein weiterer Kollege hatten an jenem Freitagabend vor vier Wochen Dienst im Betreuten Wohnen in der Franz-Mehring-Straße in Hettstedt. Plötzlich löste dort am Abend der Feueralarm aus. Im fünften Stock war es in einer der Wohnungen zu einem Brand gekommen. Qualm drang unter der Tür hervor, die abgeschlossen war.

„Unglücklicherweise fand die Bewohnerin, mit der ich durch die Tür sprechen konnte, den Schlüssel nicht.“ Ob aus Panik oder weil sie ihn verlegt hatte, weiß Böhme nicht. Was ihm aber sofort klar ist: Er muss handeln. Mit Werkzeug gelingt es schließlich, die Tür aufzuhebeln. Böhme erinnert sich, dass alles voller Rauch war und die Hängen in der Küche schon Feuer gefangen hatten.

Mit Textilien und einem großen Kissen versucht er die Flammen auszuschlagen. Was zunächst auch gelingt. „Ich habe draufgekloppt wie ein Wilder“, berichtet der Retter ehrenhalber und schätzt realistisch ein: „Wenn es noch mehr gebrannt hätte, dann hätte ich das wohl nicht allein geschafft.“ Gelöscht ist der Brand aber erst, als Böhme den Feuerlöscher verwendet, den Steffen Kühn herbeibringt. Während Böhme löscht, evakuiert Kühn die betagte Bewohnerin. Auch schließt er Zwischentüren und öffnet den Rauchabzug. Dann trifft die Feuerwehr ein und übernimmt. Den beiden Helfern fällt ein Riesenstein vom Herzen, dass sie nicht mehr allein sind in der Situation.

Ein aufregender Augustabend und eine aufregende Nacht wird das im Neubaugebiet in Hettstedt. Die Bewohner werden aus den Wohnungen evakuiert. Der Notarzt befürchtet, dass viele Menschen durch die Rauchentwicklung Schaden genommen haben und löst das Protokoll für einen Massenanfall von Verletzten aus.

So waren an jenem Abend einige Rettungswagen vor Ort und auch die Feuerwehren aus Hettstedt, Burgörner, Walbeck, Sylda, Quenstedt, Arnstedt und Klostermansfeld. Ausgelöst wurde der Brand ganz offenbar durch eine defekte Kaffeemaschine. Und dank des beherzten Einsatzes der beiden Mitarbeiter der Sozialstation ist dieser Abend allen als eine riesige Aufregung, aber nicht als große Tragödie in Erinnerung. Stellvertretend fürs ganze 35-köpfige Team nehmen Böhme und Kühn das Dankeschön der Wohnungsgesellschaft entgegen.

„Das hat mich schon an jenem Abend sehr berührt, dass zum Schluss 27 Kollegen im Einsatz waren, um die Bewohner aus den 85 Wohnungen zu evakuieren und zu beruhigen“ sagt Böhme, der auch wieder in Bud-Spencer-Manier eine Tür einrammen würde, wenn es denn nötig wäre.

„So viel Zivilcourage legt nicht jeder an den Tag“, sagt Carolin Ermisch, die Geschäftsführerin der Wohnungsgesellschaft, die wie auch Hettstedts Bürgermeister Dirk Fuhlert (parteilos) heilfroh darüber ist, dass diese Brandnacht so glimpflich abgelaufen ist. Fuhlert: „Ich kann nur allen Rettern dafür danken, dass sie so schnell reagiert haben.“ Ob nachher die gesamte Technik benötigt wurde oder nicht, wichtig sei, dass die Kameraden der Feuerwehren einsatzbereit und schnell vor Ort sind.