Arbeiten an der Belastungsgrenze

Warum Halles Kliniken jedoch „erste Hoffnungsstreifen am Horizont“ sehen

Die Lage in den halleschen Kliniken ist weiter angespannt, aber nicht mehr dramatisch. Warum es positiv ist, dass jetzt vor allem Jüngere behandelt werden.

Von Franz Ruch
Im Elisabeth-Krankenhaus in Halle herrscht immer noch ein Besuchsverbot aufgrund der Corona-Pandemie. Foto: Silvio Kison

Halle (Saale) - Vor knapp einem Monat, am 12. April, haben die halleschen Krankenhäuser Alarm geschlagen: Die Betten sind voll, es können keine weiteren Covid-Intensivpatienten mehr aufgenommen werden. Zwei Tage später wechselt auch die „Klinik-Ampel“ auf Rot: „Planbare und mitunter dringende Eingriffe müssen notwendigerweise ausgesetzt werden“, hat diese höchste Warnstufe zu bedeuten.

Hoffnung in Halles Kliniken: Intensiv-Belastung ist nicht mehr am Anschlag

Seit kurzem steht die Ampel wieder auf Gelb. Die Stadtverwaltung spricht vorsichtig von Entspannung und auch die Klinikleitungen äußern erste Hoffnungen, dass die Pandemie zumindest nach aktuellem Stand wieder beherrschbarer wird. Und dennoch: Noch immer müssen Operationen verschoben werden. Das Klinikpersonal arbeitet weiter an der Belastungsgrenze, und vom Normalzustand kann keine Rede sein.

„Im Moment sehen wir erste Hoffnungsstreifen am Horizont. Die Intensiv-Belastung ist nicht mehr am Anschlag und wenn es einen Notfall gibt, gibt es im Regelfall auch ein Intensivbett“, sagt Thomas Moesta, Direktor des Uniklinikums in Halle. Es werde vermutlich noch ein bis zwei Wochen dauern, dann könne man in den halleschen Kliniken den „aufgeschobenen Berg“ an Operationen abarbeiten, die in der zweiten Pandemiewelle wegen Corona vertagt werden mussten. Auch wenn sich Deutschland inzwischen in der „dritten Welle“ befindet, habe man erst jetzt die Kapazitäten dafür. „Wir hatten nach der zweiten Welle gar nicht die Zeit, die ganzen verschobenen dringlichen Versorgungen abzuarbeiten“, sagt Moesta.

Zu wenig Personal: Niveau wie vor der Pandemie könne nie erreicht werden

Je dramatischer sich die Infektionslage entwickelt, desto mehr Ressourcen wie Krankenhausbetten oder Personal werden exklusiv für die Corona-Patienten benötigt – und fehlen so an anderer Stelle. „Wir schieben zwischen Covid- und Nicht-Covid-Fällen hin und her“, sagt Moesta. „Für jedes belegte Covid-Bett müssen zwei normale Betten außer Betrieb genommen werden.“

Im Moment würden die Kliniken in Halle so etwa mit 70 Prozent der Vor-Corona-Kapazitäten arbeiten. Wenn sich die Lage weiter bessert, könne man davon ausgehen, dass der Wert noch auf 80 bis 85 Prozent ansteigt. Das gleiche Niveau wie vor der Pandemie könne aber nie erreicht werden. Dafür bräuchte es insgesamt mehr Personal, sagt Moesta.

Blick in die neue Corona-Klinik in der Magdeburger Straße in Halle.
Foto: Silvio Kison

Weniger Intensivpatienten in Halles Kliniken machen Lage entspannter

Welche Operationen wie weit verschoben werden, hängt von der Dringlichkeit ab. Je länger Eingriffe warten können, desto länger müssen auch Patienten aktuell warten. „Eine Hüftgelenksarthrose wird beispielsweise deutlich später versorgt werden“, sagt Moesta. Das gilt auch jetzt, wenn die Ampel „nur“ auf Warnstufe Gelb steht. Wer beispielsweise mit einer Krebsdiagnose konfrontiert wird, habe von der Indikation bis zur Operation früher ein bis höchstens drei Wochen warten müssen, sagt Moesta. „Jetzt können es drei bis vier und manchmal sogar fünf Wochen sein.“

Dass sich die Lage jetzt gebessert hat, hat mehrere Gründe. Zum einen liegen die Belegungszahlen auf den Covid-Stationen nur noch bei einem Drittel im Vergleich zu den Spitzenzeiten. Mit Stand Montag werden in den halleschen Kliniken 48 Covid-Patienten auf Normal- und 34 auf Intensivstationen behandelt. „Vor drei bis vier Wochen hatten wir noch 140 Patienten auf den Normalstationen und 45 auf Intensivstationen“, sagt Hendrik Liedtke, Direktor des Elisabeth-Krankenhauses in Halle.

Chefarzt Hendrik Liedtke hält das Vorhalten von Intensivbetten für nötig
Foto: Silvio Kison

Impfungen als Rettung: Keine Pesonalausfälle durch Corona-Erkrankung der Klinik-Mitarbeiter

Das hänge mit dem abnehmenden Infektionsgeschehen zusammen, was sich erst mit einem zeitlichen Verzug von mehreren Wochen in der Belegung der Intensivbetten widerspiegele. Zum anderen habe das Impfen eine wesentliche Besserung gebracht, sowohl für Patienten als auch für Mitarbeiter. Dadurch, dass das Klinikpersonal mit Patientenkontakt inzwischen weitestgehend durchgeimpft sei, gebe es kaum noch Corona-bedingte Personalausfälle. „Die hatten uns in der zweiten Welle die Beine weggezogen“, sagt Liedtke.

Der andere Impfeffekt betrifft die Patienten: „In der zweiten Welle war die Mehrheit der Patienten alt, hoch betagt und pflegebedürftig“, sagt Liedtke. Da diese vulnerablen Gruppen inzwischen aber geimpft sind, gebe es nun vermehrt jüngere Patienten, die potenziell bessere Chancen im Umgang mit dem Virus hätten.

Insgesamt gibt es also deutliche Zeichen der Entspannung. „Irgendwie sehen wir das Licht am Ende des Tunnels“, sagt Liedtke. „Aber wir zögern, den Optimismus nach außen zu tragen. Wenn wir kurz vor dem Ziel stolpern, verzeiht uns das das Virus nicht.“ Ferner betreffe die „Entspannung“ auch kaum das Pensum des Klinikpersonals, welches immer noch am Limit arbeite: „Nach 14 Monaten Pandemie sind die Mitarbeiter zermürbt. Wenn irgendwann die Bierzelte wieder öffnen, ist das medizinische Personal vorne mit dabei.“ (mz)