„Ich wurde als Kindermörder beschimpft“

Wächst der Judenhass in Halle?: Das sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde

Halle (Saale) - Antisemitische Vorfälle gibt es immer wieder - auch in Halle (Saale). Im Gespräch mit der MZ äußert sich der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Max Privorozki, über Kippa, Anfeindungen und das Leben in der Stadt.

Antisemitische Vorfälle gibt es immer wieder. In Berlin wurde unlängst ein Mann, der eine Kippa trug, verprügelt. Auf Demonstrationen sind israelkritische und sogar judenfeindliche Äußerungen zu hören - so auch in Halle im Dezember. Die jüdische Gemeinde in Halle hat 570 Mitglieder und kennt die Problematik seit Langem. Für die MZ hat Anja Falgowski mit dem Vorsitzenden der Gemeinde, Max Privorozki, über das Leben der Juden in Halle gesprochen.

Herr Privorozki, tragen Sie in der Öffentlichkeit eine Kippa?

Max Privorozki: Nein. Es gibt keine Verpflichtung für einen jüdischen Mann, eine Kippa zu tragen. Weder aus religiösen noch sonstigen Gründen. Man trägt Kippa oder eine andere Kopfbedeckung in der Synagoge, auf dem jüdischen Friedhof oder während eines Gebets unabhängig von dem Raum. Nur die streng religiösen Juden tragen die Kopfbedeckung ständig, da sie sehr oft beten. Nur dann, wenn ich einen religiösen Menschen begleite, habe ich auch eine Kippa auf.

Wie sind die Reaktionen in der Öffentlichkeit darauf?

Ich habe bis jetzt keine bemerkt.

Und die Mitglieder Ihrer Gemeinde? Tragen sie die Kippa?

Wir haben einige Mitglieder, die zwar ständig eine Kopfbedeckung tragen, allerdings vermeiden sie das Tragen einer Kippa. In Israel haben sie aber eine auf.

Sind Sie oder Ihre Gemeindemitglieder schon persönlich Opfer von antisemitischen Anfeindungen geworden?

Beides, ja. Ich stand einmal draußen neben dem Synagogengrundstück und wurde aus einem vorbeifahrenden Auto heraus als Kindermörder beschimpft. Da trug ich gerade eine Kippa.

2016 gab es in Halle neun antisemitische Straftaten, 2017 sechs. Haben die Anfeindungen tatsächlich abgenommen?

Ich kenne auch nur die offizielle Statistik. Man kann aber sagen, dass die Qualität anders geworden ist: Sich offen als Antisemit zu zeigen, ist nicht mehr peinlich.

Die Kritik des Staates Israel wurde zum Alibi dafür, sich von diesen Vorwürfen reinzuwaschen. Ich sehe hier eine Verbindung zu der Tatsache, dass die Generation der Holocaust-Überlebenden, aber auch der Täter kleiner wird.

Die Nachkommen haben immer weniger einen Bezug zu den schrecklichen Ereignissen vor 75 bis 85 Jahren. Sie wissen, dass sie keine Schuld haben. Dass sie dennoch eine enorme historische Verantwortung tragen, verstehen nur wenige.

Erklären lässt sich der relativ neue Antisemitismus in Halle und in ganz Deutschland wohl mit der Zuwanderung aus Staaten, in denen Antisemitismus ein wesentlicher Teil der Kindererziehung seit Jahrzehnten ist.

Sind Anfeindungen eher gegen Israel oder allgemein gegen Juden gerichtet?

Israel wird, nicht nur in Deutschland, oft dämonisiert, verurteilt und mit doppelten Standards gemessen. Es gibt sehr wenige Staaten, für die es in deutscher Sprache ein spezielles Wort gibt: Hass. Hat man etwas über Frankreichhass, Kolumbienhass oder Namibiahass gehört?

Das Wort Israelhass gibt es sehr wohl. Man kann nicht sagen, dass der gegenwärtige Antisemitismus nur aus dem Israelhass besteht, aber er spielt eine sehr große Rolle. Die andere Richtung ist nie verschwunden und in den letzten Jahren, zumindest wie ich es sehe, wieder zunehmend beliebt bei Verschwörungstheorien. Egal ob im Bezug auf die Terroranschläge vom 11. September oder auf die Sanktionen gegen Russland. Man hört etwa bei Montagsdemos Stimmen, die in diese Richtung gehen.

Glauben Sie, dass in vielen Deutschen immer noch ein latenter Antisemitismus vorhanden ist?

Ja. Das ist allerdings nicht nur ein deutsches Problem.

Worauf führen Sie diese Tendenzen zurück, unabhängig von der Nahost-Problematik? Welche Rolle spielen die christlichen Kirchen?

Das ist eine sehr komplizierte und wichtige Frage. Die christlichen Kirchen lieferten jahrhundertelang die theologische Begründung und manchmal auch logistische Unterstützung für die Judenverfolgung. Ein offenes Bekenntnis in der Gegenwart bleibt jedoch ganz selten. Deswegen ist für uns die Position der christlichen TOS-Gemeinde wirklich so wichtig, die den Marsch des Lebens zur Erinnerung an den Holocaust auch in Halle organisiert.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt Halle?

Wir haben gute Verbindungen zur Polizei und stoßen stets auf offene Ohren. Davon abgesehen, beteiligt sich die Stadt an den jüdischen Kulturtagen. Und es gibt eine gute Kooperation mit Bildungsträgern, die es uns erlaubt, jährlich bis zu 70 Führungen in der halleschen Synagoge und in unserem Museum anzubieten.

Bedarf es bei Veranstaltungen Ihrer Gemeinde oder bei Veranstaltungen zu jüdischen Themen besonderer Sicherheitsvorkehrungen?

Diese Frage sollte man nicht uns, sondern den dafür zuständigen Behörden stellen. Wir haben in den letzten Jahren auf jeden Fall unsere eigene Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Und werden das wahrscheinlich noch weiter tun. (mz)