Tag des Neandertalers in Halle

Tag des Neandertalers in Halle: Lebenskünstler oder Faulpelz?

Halle (saale) - Ein Jubiläum ist es nicht gerade - jedenfalls kein rundes. Dafür hat der 10. August eines jeden Jahres das Potenzial für ein Fest: Ein Fest des einfachen Lebens zum Beispiel. Oder für einen Tag des Neandertalers. Dessen Copyright könnte sich Halles Landesmuseum für Vorgeschichte sichern, schließlich haben die Archäologen diesen Tag erfunden und quasi rekonstruiert. Einen fiktiven Tag im Leben eines Neandertalers - eindrucksvoll dargestellt in der Dauerausstellung des Museums: Anhand von Neandertalern aus der Gegend des heutigen Salzlandkreises, wo Funde eine Siedlung von vor mindestens 80 000 Jahren ...

Von Detlef Färber 08.08.2014, 19:02

Ein Jubiläum ist es nicht gerade - jedenfalls kein rundes. Dafür hat der 10. August eines jeden Jahres das Potenzial für ein Fest: Ein Fest des einfachen Lebens zum Beispiel. Oder für einen Tag des Neandertalers. Dessen Copyright könnte sich Halles Landesmuseum für Vorgeschichte sichern, schließlich haben die Archäologen diesen Tag erfunden und quasi rekonstruiert. Einen fiktiven Tag im Leben eines Neandertalers - eindrucksvoll dargestellt in der Dauerausstellung des Museums: Anhand von Neandertalern aus der Gegend des heutigen Salzlandkreises, wo Funde eine Siedlung von vor mindestens 80 000 Jahren belegen.

„Hier muss man es haben - und hier“. Hat er, hat er - der Neandertaler! Er ist nicht muskulöser als der moderne Mensch, sondern hat auch ein größeres Hirn, so sagt der hallesche Archäologe Alfred Reichenberger vom Landesmuseum. Und im Hirn offenbar schon viel drin. Dass der Neandertaler aus Königsaue (heute Salzlandkreis) schon sprechen kann, beweise sein starkes Zungenbein. Sogar dafür, dass er sich in seinen späteren Jahren schon selbst anzieht, kennen Halles Archäologen einen indirekten Beweis: Eine 80 000 Jahre alte Kleiderlaus.

Der Neandertaler sei perfekt an seine Umwelt angepasst, sagt Reichenberger. Aber er ist noch kein „Malocher“: Das kommt erst später - mit der Sesshaftwerdung.

Ein paar Prozent Erbgut des Neandertalers trügen wir übrigens auch noch in uns. Schließlich vermischt sich der Homo sapiens sapiens mit ihm - gleich als er hierher kommt - vor 40 000 Jahren. So lange, bis sich die Spur des Neandertalers verliert: vor 27 000 Jahren.

Also haben die Vorgeschichtler aus all ihren Erkenntnissen und den Deutungen ihrer Funde einen durchschnittlichen, einen exemplarischen Tag im Leben einer Neandertalergruppe beschrieben. Einer Gruppe mit zwei Dutzend Mitgliedern: sechs Männer, acht Frauen und zwölf Halbwüchsige vom Teenager-Alter bis zum Säugling. Es ist der 10.8. des Jahres 89 564 vor heute - fast schon halb 6 Uhr in der früh. Zeit aufzustehen? Schließlich wird diese Gegend später mal das „Land der Frühaufsteher“ heißen. Aber bis dahin ist ja noch so viel Zeit!

5.30 Uhr: Der erste von den Ur-Sachsen-Anhaltern kriecht aus seiner Schilf(?)-Hütte. Er muss nämlich mal dringend ins Gebüsch. Auf dem Rückweg legt er noch etwas Holz auf die Glut des Feuers vom Vorabend - und ... dann? Der Ur-Vorfahr aller Frühaufsteher-Landesbewohner legt sich noch mal hin.

7-10 Uhr: Inzwischen sind alle wach und sogar aufgestanden. Ein Säugling wird gestillt, und es gibt Frühstück am Feuer - von den Resten des Vorabends. Gegen 8 Uhr folgt eine Art Lagebesprechung: Was gibt’s heute zu tun? Ergebnis: Zwei Männer werden auf die Jagd gehen, vier bleiben im Lager. Die Frauen sollen sammeln - alles was essbar oder brauchbar ist. Nur eine Frau, die sich krank fühlt, bleibt zurück. Sie will ihre Hütte ausbessern. Die Jugendlichen gehen mit den Kindern spielen. Ferien?

10 Uhr: Gerade eben sind die beiden für die Jagd bestimmten Männer aufgebrochen, als sich die vier übrigen noch mal am Lagerfeuer niederlassen. Schon zweites Frühstück? Zumindest ruhen sie sich ein bisschen aus - und reden. Und reden weiter, weil sie das - wie man mittlerweile weiß - nämlich schon können. Einer von ihnen repariert beim Reden seinen

Speer.

11 Uhr: Auch die anderen Männer schärfen ihre Waffen nun am Feuer, während die Jugend baden geht. Die kranke Frau ist mit ihrer Arbeit an der Hütte fertig, sucht sich noch ein paar Farnblätter, legt sie sich als Polster ans Feuer und bettet sich dort. Die Jäger unterwegs haben ein Bienennest entdeckt, und machen schnell ein Feuer, um es auszuräuchern und den Süßstoff zu gewinnen. Die Frauen, die als Sammlerinnen unterwegs sind, haben schon etliche Früchte gesammelt. Die Männer werden staunen.

13 Uhr: Zu Hause am Lager brennt das Feuer nun endlich wieder richtig und ist heiß genug dafür, aus Birkenholz Pech zu gewinnen. Es ist eine erste Vorform dessen, was später mal Produktion heißen wird, denn der Pech-Herstellungsspezialist rollt das Produkt - den ersten Klebstoff der Welt - , sobald es kalt genug ist in Kügelchen: als Vorrat. Inzwischen rasten die Jäger unterwegs, und sogar die Sammlerinnen gönnen sich ein verdientes Päuschen. Sie rösten sich an einem Feuer ein Paar Knollen. Guten Appetit!

15 Uhr: Die Jäger brechen ihre Pirsch ab - leider nahezu ergebnislos, während die Frauen noch ein paar Sträucher abernten und mit Taschen voller Früchte den einstündigen Rückweg antreten. Inzwischen bewerfen die halbwüchsigen Knaben eine Hyäne mit Steinen und töten sie.

17 Uhr: Alle sind wieder im Lager und haben längst „Feierabend“ gemacht. Sie liegen in ihren Hütten und bereiten sich auf den Abend vor. Zuvor untersucht einer den anderen nach Zecken und entfernt sie. Die Jugendlichen, die die Hyäne ins Lager gebracht haben, werden belehrt, dass so ein Tier nicht angefasst, geschweige denn gegessen wird. Damit steht nun auch fest, dass dieser Tag des Neandertalers mit fleischloser Kost enden wird. Die kranke Frau hat jetzt auch noch Zahnschmerzen und behandelt sie mit Heilkräutern.

18 Uhr: Familienzeit: Feuer brennen vor allen Hütten. Die Neandertaler besuchen einander und erzählen sich Geschichten - zum Beispiel von Hyänen. Und sie lachen. Und weinen. Oder fürchten sich an den spannendsten Stellen.

■19.30 Uhr: Weil’s ja noch keine Sommerzeit gibt, dämmert es schon leicht. Nachtwachen werden eingeteilt, die ab und an Holz aufs Feuer legen. Und nach und nach gehen Sachsen-Anhalts Ureinwohner zu Bett. Sie haben mal wieder nur halbtags gearbeitet und keine Bäume ausgerissen. Aber sie haben trotzdem ein Kunststück vollbracht: Sie haben überlebt. Und sie haben gelebt - und es genossen. (mz)