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"Sprung meines Lebens" "Sprung meines Lebens": Parakanute Ivo Kilian hat Spektakuläres vor

Von Christian Elsaesser 17.05.2017, 20:00
Vorbereitung vor dem Flug: Ivo Kilian (l.) und Andreas Wels besprechen ihren Synchronsprung (Foto unten), ehe sie in die Tiefe fliegen (oben).
Vorbereitung vor dem Flug: Ivo Kilian (l.) und Andreas Wels besprechen ihren Synchronsprung (Foto unten), ehe sie in die Tiefe fliegen (oben). Schulz

Halle (Saale) - Ausnahmsweise hatte sogar der Trainer die Badehose eingepackt. Normalerweise behält Andreas Wels den Blick doch eher vom Beckenrand aus, wenn er mit seinen Prominenten für den „Sprung meines Lebens“ trainiert.

Doch am vergangenen Sonntag wurde er selbst aktiv, stieg mit auf den Turm. Denn er ahnte wohl, dass ein besonderes Training auf ihn warten würde - die erste Übungseinheit mit Ivo Kilian.

Der Parakanute vom Halleschen Kanu Club, 2016 bei den Paralympics in Rio am Start, ist der erste körperlich Behinderte, der beim großen Wassersprung-Event im Nordbad dabei sein wird. Ein Wunschteilnehmer für Chef-Organisator Wels: „Ich finde es schade, wenn Behindertensportler während der Paralympics Aufmerksamkeit genießen, danach aber sofort wieder in Vergessenheit geraten.“

Ivo Kilian will seine Behinderung nicht verstecken

Unrecht hat er nicht. Der mediale Umgang mit dem paralympischen Sport ist in der Tat oft ein Spagat. Und er ist nicht selten geprägt von Berührungsangst mit der Behinderung oder sogar einem Unterton von Mitleid.

Genau deshalb dürfte Ivo Kilians Sprung tatsächlich Vorbild-Charakter haben. Der Kanute mit der Fehlbildung der Beine und Füße tritt in Badehose an. Und schon darin steckt eine Botschaft: Eine Behinderung, das betont Kilian selbst, gehört nicht versteckt. „Ich kenne es ja nicht anders“, sagt der 40-Jährige. Und er hat sogar Verständnis, dass ihn die Leute erst einmal komisch angucken, wenn er sich ohne Prothesen auf Händen, Füßen und Knien bewegt. „Mal ehrlich: Wenn ich jemanden sehe, der körperlich auffällt, schaue ich doch auch hin. Das ist doch völlig normal.“

Völlig normal - das kann man wie ein Leitmotiv lesen. Kilian kam mit der Fehlbildung auf die Welt. „Meine Eltern haben aber immer Wert darauf gelegt, dass ich wie jedes andere Kind auch aufwachse. Ich bin auf eine normale Schule gegangen, ich bin mit meinen Freunden ins Schwimmbad gefahren. Ich wollte als Kind immer alles mitmachen. Also musste ich Lösungen finden.“

Ivo Kilian: Vom blutigen Kanu-Anfänger zum WM-Starter

Es sind irre Geschichten, die man zu hören bekommt, wenn Ivo Kilian erzählt. Wie er als Kind improvisierte, um Fahrrad mit seinen Freunden zu fahren. Wie er als Jugendlicher auf dem Moped unterwegs war. Er absolvierte später eine Lehre zum Schmied, schulte dann für den IT-Bereich um. Er zog als alleinerziehender Vater seinen Sohn und seine Tochter groß. Und als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, versuchte er sich als Sportler. Binnen eines Jahres war aus dem blutigen Kanu-Anfänger ein WM-Starter geworden.

Die Vita zeigt: Es mag Einschränkungen geben, aber keine unüberwindbaren Hindernisse. Lösungen finden - das ist das Thema. Und was das ganz praktisch bedeutet, wurde dann auch beim ersten Training zum „Sprung meines Lebens“ klar. Ivo Kilian hatte sich nämlich Besonderes ausgedacht. Einen Sprung aus dem Handstand. „Ich habe das schon als Kind immer so gemacht, weil es die einfachste Möglichkeit war, einen Kopfsprung zu machen“, erzählt er. Anlaufen, mit den Füßen abspringen, einen Salto schlagen mit der eingeschränkten Unterstützung des Unterkörpers - all das sind natürlich Einschränkungen. Aber keine Hindernisse. Lösungen finden eben. Der Handstand ist eine.

Ein Ziel für den Sprung meines Lebens hat sich Ivo Kilian gesetzt. Am liebsten soll es ein Flug von zehn Metern sein. Beim ersten Training ging es allerdings erst einmal auf fünf Meter. Dafür aber gleich mit einer zweiten spektakulären Einlage: einem Synchronsprung mit Andreas Wels. Auch für den Olympia-Vize von 2004 eine Besonderheit. Und eine, für die es sich lohnte, die Badehose eingepackt zu haben.

„Sprung meines Lebens" findet erneut im Nordbad in Halle statt

„Der Sprung meines Lebens“ findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. 2016 rief Andreas Wels, Olympia-Silbermedaillengewinner von 2004, das Promi-Springen ins Leben - auch, um seiner Sportart zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen. Wie im Vorjahr wird auch 2017 im Nordbad gesprungen, die anfängliche Idee, auf den Marktplatz oder ins Heidebad zu wechseln, wurde verworfen.

Das Event geht am 24. Juni bereits mittags los, im späten Nachmittag werden die Prominenten springen. Zugesagt haben die 92-jährige Turnerin Johanna Quaas, Klippenspringerin Anna Bader, die Union-Handballerinnen Swantje Heimburg und Sarah Andreassen, Olympiasieger Falk Hoffmann, Kung-Fu-Großmeister Cuong Chu Tan, Eishockey-Ikone Kai Schmitz und Schauspieler Axel Ranisch. Es sollen viele weitere Promis hinzukommen, vor allem aus der Sportszene. Andreas Wels vermarktet das Event auch aktiv via Facebook.

(mz)