Referendar vor Schulklasse verprügelt

Referendar vor Schulklasse verprügelt: Polizei ermittelt gegen 15-Jährigen

Halle (Saale) - Ein Referendar wird in der Sekundarschule Süd offenbar von Freunden des toten Automatensprengers angriffen. Die Polizei hat einen Tatverdächtigen.

Von Dirk Skrzypczak 17.11.2018, 11:33

Am Freitag bleiben die Türen der Sekundarschule Süd in Ammendorf verschlossen - am Brückentag haben Schüler und Lehrer frei. Eine kleine Verschnaufpause für die Schule, die in Aufruhr ist.

Wie erst jetzt bekannt wurde, hatte sich Ende Oktober ein ungeheuerlicher Vorfall ereignet: Im Sozialkundeunterricht vor einer achten Klasse hatte ein Referendar Jugendkriminalität thematisiert und war dabei auf die Serie von Automatensprengungen in Halle eingegangen, bei der ein 19-Jähriger ums Leben kam.

Plötzlich stürmten mitten im Unterricht drei schulfremde Personen in den Raum. „Einer von ihnen ging gezielt auf den Referendar zu und schlug diesem mehrfach ins Gesicht. Anschließend verließ das Trio die Schule“, sagte Polizeisprecherin Lisa Wirth auf Nachfrage der MZ.

Referendar im Unterricht geschlagen: Schüler waren Komplizen

Was ist das Motiv der Attacke? Möglicherweise empfanden die Angreifer die Erwähnung des Toten im Zusammenhang mit Jugendkriminalität als Beleidigung.  Eine Schülerin hatte per Handy  Freunde des getöteten Hallensers informiert, die daraufhin zu dritt anrückten.

Nach MZ-Informationen soll ein Neuntklässler die Jugendlichen ins eigentlich verschlossene Schulgebäude gelassen haben. Das Bildungsministerium bestätigt indirekt diesen Ablauf. Man prüfe disziplinarische Schritte gegen die beiden beschuldigten Schüler. „Die Bandbreite reicht von einer Verwarnung bis zum Schulverweis. Aber natürlich spielen bei dieser Bewertung auch die Ermittlungsergebnisse der Polizei eine Rolle“, erklärte ein Ministeriumssprecher. Man sei auch mit den Eltern der beiden Schüler in Kontakt.

Referendar geschlagen: Kritik an Arbeit der Polizei wird laut

Der 27 Jahre alte Referendar war nach dem Angriff krankgeschrieben, ist mittlerweile aber wieder im Dienst. Er hat Anzeige erstattet. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) hatte in dieser Woche mit dem angehenden Lehrer telefoniert. „Ich bin bestürzt. Gewalt in der Schule, egal in welcher Form, werden wir nicht tolerieren“, sagt er der MZ.

Unterdessen wird aus Ministeriumskreisen auch Kritik an der Arbeit der Polizei laut. Einsatzkräfte seien nach der Attacke viel zu spät vor Ort gewesen. Das Revier in Halle verteidigt sich. „Der Referendar hatte den Notruf gewählt und gesagt, dass die Täter die Schule wieder verlassen haben.

Auf Nachfrage äußerte er, keine medizinische Versorgung zu benötigen“, so die Polizeisprecherin.  Auch habe er im Notruf  die Sprengstoffexplosion an Fahrkartenautomaten als möglichen Grund für den Angriff nicht erwähnt. „Deshalb wurde der Sachverhalt zu diesem Zeitpunkt auch nicht priorisiert.“ Die gespeicherten Notrufprotokolle lassen sich später noch auswerten.

Angehenden Lehrer geschlagen: Polizei hat einen 15-jährigen Tatverdächtigen

Seitdem würden die Ermittlungen aber mit Hochdruck laufen. Laut Wirth gibt es einen Tatverdächtigen - einen 15-jährigen Hallenser. Schulpsychologen sind im Einsatz gewesen. Auch andere Lehrer sollen nach der Gewalttat Angst vor Übergriffen haben. „Wir sind alle betroffen“, berichtet Schulleiter Ralf-Jürgen Kneissl.  Zehn Eingänge hat die Schule. „Normalerweise sind sie verschlossen. Allerdings wird das Haus auch gerade saniert. Eine hundertprozentige Kontrolle, wer in das Gebäude gelangt, ist  nicht möglich“, sagt Kneissl. Man prüfe natürlich, wie sich die Sicherheit verbessern lasse.

Verhaftungen nach Automatensprengungen in Halle

Der Angriff auf eine Lehrkraft ist  der negative Höhepunkt als Folge  des tödlichen Zwischenfalls am 20. Oktober auf dem Südstadtbahnhof. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass der 19-Jährige die Sprengung eines Fahrkartenautomaten mit dem Leben bezahlte. Zwei Komplizen sitzen seitdem in Untersuchungshaft. In sozialen Netzwerken hat der tote 19-Jährige viele Sympathisanten.

Und es ist nicht ausgeschlossen, dass der jüngste Anschlag auf einen Automaten am Südstadtbahnhof ebenfalls mit den Ereignissen am 20. Oktober in Verbindung steht. Die Polizei hat  zwei Tatverdächtige gefasst - einen 15- und einen 17-Jährigen. Der 15-Jährige ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß. (mz)