Nach Fahrplanänderung

Nach Fahrplanänderung: Einwohner protestieren wegen schlechter Anbindungen

Halle (Saale) - Wie das Verkehrsunternehmen OBS die Umstellung erklärt.

Von Oliver Müller-Lorey 07.05.2019, 05:00

Alles neu macht der Mai, dachte sich der Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs im Saalekreis, die OBS. Seit Anfang des Monats gelten auf fast allen Linien neue Fahrpläne und Abfahrtszeiten. Das Anrufbus-System wurde eingestellt - was zu großen Protesten bei Einwohnern im Saalekreis, aber auch Hallensern führt, die in die Vororte der Saalestadt fahren wollen. Die Betroffenen wissen zum Teil nicht, wie sie nun zur Arbeit kommen oder ihre Kinder von der Schule nach Hause fahren können.

Fahrplanänderung: Auf das Auto oder Fahrrad umsteigen

Eine Betroffene ist Babett Paul, die im zwölf Kilometer von Halle entfernten Brachwitz wohnt. „Unsere Tochter geht in Halle zur Schule. Sie besucht schon ein Internat, weil die Verbindungen so schlecht sind. Aber nun kommt sie am Wochenende überhaupt nicht mehr hin und her“, sagt sie 46-jährige Mutter. Tatsächlich ist der Fahrplan der Linie 302, die Babett Pauls Tochter nutzt, seit dem 1. Mai arg zusammengestrichen.

Obwohl die OBS diese als „starke Linie Richtung Wettin“ bezeichnet, die werktags im Stunden- und am Wochenende alle zwei Stunden fahren soll, bringt die Veränderung für Familie Paul nur Nachteile: An Samstagen fahren nur vier Busse dieser Linie von Brachwitz nach Halle, am Sonntag kein einziger. Auch in die Gegenrichtung fahren am Sonntag keine Busse. Ausflügler, die etwa den Saalekiez besuchen wollen, müssen das Auto oder das Fahrrad nehmen.

Eingestellte Anbindungen: Busse fallen aus

Besonders ärgerlich für viele Fahrgäste kleinerer Orte: Mit dem Fahrplanwechsel hat die OBS auch den sogenannten „Anrufbus-Service“ eingestellt. Bislang konnten Fahrgäste einen solchen Anrufbus bestellen, wenn eine Stunde vor und nach ihrer gewünschten Verbindung kein regulärer Bus an ihrer Haltestelle fuhr. „Das Anrufbus-System musste aus genehmigungsrechtlichen Gründen zum 1. Mai 2019 verändert werden.

Seine Funktion wird der im Fahrplan ausgewiesene Rufbus übernehmen“, heißt es von der OBS. Rufbusse, die nicht mit Anrufbussen verwechselt werden dürfen, sind Fahrten, die zwar im Fahrplan stehen, aber nur bedient werden, wenn sie vorher telefonisch angefordert werden.

„Früher konnte man einen Anrufbus bis nach Morl oder Trotha bestellen und dann weiterfahren, aber das geht jetzt nicht mehr“, ärgert sich Babett Paul. Ihre Jahreskarte könne ihre Tochter jetzt eigentlich wieder abgeben, denn sie nütze ihr ja kaum mehr etwas. „Sie stand am ersten Mai an der Haltestelle, und es kam einfach kein Bus“, sagt sie. „Als Abokunde hätte ich mir gewünscht, dass wir informiert worden wären.“

Einwohner sauer und protestieren

Seinem Ärger macht auch Holger Hänsch aus Zaschwitz, südlich von Wettin, Luft. „16 Jahre lang hat das System mit den Anrufbussen gut funktioniert, jetzt wird das über Nacht geändert.“ Auch die regulären Busse würden nun seltener in Zaschwitz abfahren. „Im Wartehäuschen hingen bei uns noch die alten Pläne aus. Im Berufsverkehr warteten mehrere Fahrgäste vergeblich auf ihren Bus“, so Hänsch. Für seine Frau hat die Umstellung sogar ernste Konsequenzen für ihre Arbeit. „Sie arbeitet in Halle-Bruckdorf, und die Frühschicht beginnt um 6 Uhr.

Seit dem Fahrplanwechsel besteht aber keine Möglichkeit mehr, Halle vor 7 Uhr zu erreichen.“ Abends gebe es dasselbe Problem. Ein Bus, der um 21.35 Uhr von Halle nach Zaschwitz fuhr, sei eingestellt worden. Die letzte Abfahrt sei nun um kurz nach 20 Uhr. Da sei aber die Spätschicht noch nicht zu Ende. „Als Berufspendler kommt man einfach nicht mehr zu angemessenen Zeiten nach Halle“, so Hänsch.

Nahverkehr verteidigt Entscheidungen zur Fahrplanänderung

Gegenüber der MZ erklärt Betriebsleiter Roberto Krüger, zwei Entwicklungen hätten die umfangreichen Änderungen nötig gemacht. „Anschlüsse zu Bahnhöfen werden immer wichtiger, weil die Fahrgäste pendeln, auch in andere Städte außer Halle.“ Zweitens würden Dörfer weiter schrumpfen. Dabei sei die Einwohnerzahl von 200 eine magische Grenze. „Da kommt man in einen Bereich, in dem man einen Rufbus verkehren lässt“, so Krüger.

Zum Beispiel Brachwitz führt er eine Fahrgastzählung an, die ergeben habe, dass gerade einmal 1,8 Fahrgäste sonntags in dem Bus ins Saale-Dörfchen sitzen. Ortschaften, die komplett abgekoppelt wurden, gebe es nicht. Der Wegfall der Anrufbusse habe rechtliche Gründe. So habe sich die OBS für die Vergabe der Personenbeförderung neu bewerben müssen. Genommen worden sei nur, wer keine Anrufbusse mehr anbiete. „Uns ist bewusst, dass das System vorher flexibler war, aber eben nicht genehmigungsfähig“, so Krüger.

Fahrplanänderung: OBS will auf protestierende Einwohner reagieren

Abfahrtszeiten hätten sich auch geändert, da ein sogenannter Taktverkehr eingeführt worden sei. Busse sollen so möglichst zur vollen oder zur halben Stunde am Hauptbahnhof in Halle ankommen und abfahren. „So wird ein besserer Umstieg gewährleistet, und Fahrgäste können sich an diesen Zeiten gut orientieren.“

Der Fahrplanwechsel sei deutlich größer als in den vergangenen Jahren. Doch in Stein gemeißelt sei der nicht. Die OBS will auf Kundenwünsche reagieren. „Zum Stichtag heute haben wir bereits 40 kleinere Änderungen übernommen, auf die Fahrgäste uns hingewiesen haben“, sagt Krüger. (mz)