MZ-Interview mit Hendrik Lange MZ-Interview mit Hendrik Lange: OB-Kandidat will autofreie Innenstadt für Halle

Halle (Saale) - Der erste politische Paukenschlag des Jahres gehörte Hendrik Lange. Am 31. Januar wurde der 41-Jährige von Linken, SPD und Grünen als gemeinsamer Kandidat für die Oberbürgerbürgermeisterwahl im Herbst 2019 präsentiert.
Es folgten eher Pleiten, Pech und Pannen für Rot-Rot-Grün. Doch jetzt will der studierte Biologe und Landtagsabgeordnete der Linken, der mit einem Mann verheiratet ist, durchstarten. Für die MZ haben Dirk Skrzypczak und Tanja Goldbecher mit ihm gesprochen.
Herr Lange, nachdem Sie Ihre OB-Kandidatur bekanntgegeben haben, ist es um Ihre Person sehr ruhig geworden.
Hendrik Lange: Nicht alles, was man macht, wird unbedingt wahrgenommen. Ich habe etliche Veranstaltungen besucht und viele Gespräche mit Bürgern und Vereinen geführt. Dabei bekam ich ein sehr positives Feedback für meine Kandidatur. Außerdem arbeiten wir derzeit an einem Wahlprogramm. Aktuell läuft zum Beispiel meine Tour durch die Stadtviertel.
Auf viele wirkte Ihr Vorgehen etwas planlos.
Das stimmt nicht. Ich habe meine Schwerpunkte gesetzt. Die Wahl ist aber erst im nächsten Jahr, dadurch können wir uns Zeit nehmen, diese vorzubereiten.
Auch der gemeinsame Start von Rot-Rot-Grün im OB-Wahlkampf war holprig. Es gab beispielsweise die Panne um die Beigeordnetenwahl von Herrn Aldag. Raufen sich die Fraktionen jetzt zusammen?
Wir haben von Anfang an gesagt, dass es eigenständige Fraktionen sind, die auch ihre Eigenständigkeit bewahren werden. Mir ist wichtig, dass mich diese drei Parteien unterstützen. Diesen Rückhalt habe ich schon mehrfach zu spüren bekommen.
Welche Auswirkungen wird die Stadtratswahl auf die OB-Wahl haben, wenn sich eventuell die Kräfteverhältnisse in dem Gremium verändern?
Ich gehe davon aus, dass die Parteien weiterhin hinter mir stehen. Ich habe keine Zweifel an ihrer Unterstützung.
Bildungsminister Marco Tullner hatte bei der Vorstellung des FDP/CDU-Kandidaten um Stimmen aus der SPD geworben. Wie gehen Sie damit um?
Herr Tullner ist für seine spitzen Worte bekannt. Ich erlebe einen starken Rückhalt aus dem bürgerlichen Lager. Die Provokation von Herrn Tullner lassen mich dementsprechend kalt.
Warum sollte es im Rathaus einen Politikwechsel geben?
Viele Dinge sollten in Halle anders laufen. Ich möchte, dass Halle eine soziale Stadt ist. Alle Menschen sollen vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. Wir müssen in den einzelnen Stadtteilen die Angebote für die Menschen spürbar verbessern, um gegen Kinder- und Altersarmut vorzugehen.
Wir brauchen Anlaufstellen und Sozialarbeiter, die vor Ort aktiv sind. Ich wünsche mir eine Stadtentwicklung, die auch ins Auge fasst, dass wir in Zukunft anders leben werden.
Was meinen Sie damit?
Ich kann das am Beispiel des Autos erklären. Für viele Menschen ist das Auto heute ein Symbol der Freiheit, etwas was sie dringend zum Leben brauchen. Doch viele jüngere Menschen setzen mittlerweile auf Carsharing, Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel.
Dadurch können wir zukünftig die Stadt ganz anders denken und gestalten. Wir können Räume für Begegnungen öffnen, die heute für Autos reserviert sind. Mir ist wichtig, dass sich unsere Kinder angstfrei bewegen können. Außerdem sollte der Radverkehr mit dem Autoverkehr gleichgesetzt werden.
Halle hat im Vergleich zu anderen Städten schon viel für den Radverkehr getan.
Dazu habe ich eine differenzierte Meinung. Vieles funktioniert schon gut. Es gibt aber auch etliche Problemstellen wie an der oberen Leipziger Straße. Dort haben wir noch großes Entwicklungspotenzial. Die Bürger sollen Spaß daran haben, sich im Freien zu bewegen.
Kein Radfahrer soll Angst um sein Leben haben, wenn er über die Straße fährt. Perspektivisch wünsche ich mir eine autofreie Innenstadt. Anwohner und der Lieferverkehr sind davon natürlich ausgenommen. Der Durchgangsverkehr muss jedoch stark reduziert werden. Die von Stadtrat Christoph Bernstiel aufgegriffene Idee, Poller an der Kleinen Ulrichstraße aufzustellen, finde ich richtig.
Kontra Auto: Damit könnten Sie etliche Wähler verprellen.
Heute ist für viele Menschen das Auto noch sehr wichtig. Doch wir erleben einen Wandel und dem müssen wir uns stellen. Das geschieht jedoch in einem begleiteten Prozess. Es müssen zum Beispiel die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs verbessert werden. In den kommenden Jahren müssen die Autofahrer aber keine Angst vor einem Oberbürgermeister Lange haben.
Ihr Abgeordnetenbüro befindet sich in der Halle-Neustadt. Ist dieses Viertel ein sozialer Brennpunkt?
Auch die Neustadt ist sehr unterschiedlich. Es gibt Orte, an denen sehr viele Migranten leben und Menschen auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Dort merkt man, dass die Menschen nicht abgehängt werden wollen.
Sie möchten, dass man sich um sie kümmert und die Sicherheitslage vernünftig ist. Darum muss die Stadtverwaltung Konzepte entwickeln, wie Integration und Begegnungen stattfinden können. Vereine sind zum Beispiel ein Schlüssel.
Außerdem brauchen wir in allen Vierteln bezahlbaren Wohnraum, damit die Einwohner mit geringem Einkommen nicht an den Stadtrand gedrängt werden. Ich möchte keine Wohnviertel erster und zweiter Klasse. Ich wohne gern in Halle-Neustadt. Das soll so bleiben.
Eine Initiative fordert, Halle soll weitere Bootsflüchtlinge aufnehmen. Schließen Sie sich der Forderung an?
Ich habe ein humanitäres Menschenbild und das werde ich verteidigen. Wenn wir über Geflüchtete reden, dann müssen wir im Kopf behalten, dass diese Menschen eine sehr harte Biografie hinter sich haben. Für sie ging es um Leben und Tod.
Darum muss unsere Antwort auf solche Fragen immer eine solidarische sein. Halle hat immer noch einen niedrigen Ausländeranteil. Die Integration kann gelingen. Wir dürfen die Bürger aber auch nicht mit ihren Sorgen alleinlassen.
Ein aktueller Bericht zur Bildungssituation von Migranten in Halle hat gezeigt, dass extremer Nachholbedarf besteht. Was muss getan werden, damit Jugendliche nicht auf der Strecke bleiben?
Der Stadtrat hat entschieden, zusätzliche Mittel für Sprachlehrer zur Verfügung zu stellen. Das Erlernen der Sprache ist der erste Schritt zur Integration. Die Linke hat im Landtag den Antrag gestellt, für Schulen mit hohem Migrationsanteil Schulpsychologen einzustellen. Für mich geht es nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund. Unsere Schulen müssen für alle Kinder gut ausgestattet sein.
Wird das ein Schwerpunkt in Ihrem Wahlkampf sein?
Die soziale Entwicklung ist mir sehr wichtig. Ich möchte aber auch die gesamte Stadtentwicklung im Blick behalten. Wir müssen uns auf den Klimawandel einstellen. Wir haben in diesem Sommer die Hitzewelle erlebt. Die Stadt muss sich auf Starkregen vorbereiten. Eine Maßnahme könnte beispielsweise sein, den Stadtwald in einen klimagerechten Wald umzubauen.
Wie soll das funktionieren?
Man muss sich die Baumbestände anschauen. In der Heide gibt es beispielsweise viele alte Kiefern. Umbau heißt, dass man neue Bäume anpflanzt und gute Rahmenbedingungen für deren Wachstum schafft. Wir werden vorschlagen, wieder einen eigenen Förster damit zu beauftragen. Der kann den Bürgern auch erklären, was dort passiert.
Als Linken-Politiker reden Sie viel über Soziales. Muss die Wirtschaft Angst vor Ihnen haben?
Mit Sicherheit nicht. Das wäre fatal. Im Gegenteil, ich habe bereits positive Rückmeldungen aus der Wirtschaft erhalten. Halle hat mit seinen Wissenschaftsinstitutionen ein großes Potenzial. Wir profitieren von den vielen jungen Menschen, die in unsere Stadt kommen. Die Herausforderung besteht darin, diese auch nach dem Studium oder der Berufsschule in der Stadt zu halten.
Haben Sie dafür Ideen?
Wir sollten zum Beispiel darauf achten, dass sich nicht nur Logistikunternehmen in der Region ansiedeln, sondern auch produzierendes Gewerbe. Gleichzeitig muss man sich mehr um die Unternehmen kümmern, die wir in der Stadt haben.
Man könnte Stammtische und Foren organisieren, um Unternehmensnachfolger für die ansässigen Firmen zu gewinnen. Zusätzlich möchte ich die Idee des Gründergrundeinkommens in Halle bewerben. Junge Unternehmer wären im ersten Jahr finanziell abgesichert, um ihre Vorhaben voranzubringen. Dadurch bekommen wir neue Impulse in der Stadt.
Wann werden Sie Ihr Amt als Stadtratsvorsitzender ablegen, um nicht in Interessenkonflikte zu geraten?
Das hängt vom Zeitpunkt der OB-Wahl ab. Ich führe zu diesem Thema aber auch Gespräche mit den anderen Stadträten, um eine gute Lösung zu finden. Wichtig ist, dass es fair bleibt.
Sie wirken ruhig. Zu ruhig? Sehen Sie sich als Führungspersönlichkeit?
Wer mich aus studentischen Zeiten kennt, weiß, wie mitreißend ich vor Demonstrationen reden kann. Als Stadtratsvorsitzender habe ich aktuell hingegen eine moderierende Rolle inne. Da ist es nicht meine Aufgabe, den Krawallmacher zu spielen. Wenn mich ein Thema aber packt, dann werde ich leidenschaftlich in den Debatten.
››Drei Bewerber haben bislang ihre Kandidatur für die OB-Wahl verkündet. Neben Amtsinhaber Bernd Wiegand (parteilos) auch Andreas Silbersack (FDP/CDU). Mit allen führt die MZ ein Interview. Demnächst: Bernd Wiegand. (mz)