Kulturhauptstadt Halle - Interview mit OB Bernd Wiegand

Kulturhauptstadt: Interview mit OB Bernd Wiegand: „Der Zeitpunkt ist richtig“

Halle (Saale) - Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) möchte, dass sich Halle als Europäische Kulturhauptstadt bewirbt. Sollte der Stadtrat die Idee befürworten, steht Halle im Wettbewerb um den Titel mit Städten wie Magdeburg und Dresden. Gert Glowinski und Robert Briest haben mit OB Wiegand über die Bewerbung ...

20.08.2016, 04:00

Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) möchte, dass sich Halle als Europäische Kulturhauptstadt bewirbt. Sollte der Stadtrat die Idee befürworten, steht Halle im Wettbewerb um den Titel mit Städten wie Magdeburg und Dresden. Gert Glowinski und Robert Briest haben mit OB Wiegand über die Bewerbung gesprochen.

Warum sollte sich Halle bewerben? Wie kann unsere Stadt davon profitieren?

Wiegand: Die Stadt erfüllt alle Voraussetzungen der EU-Richtlinie und sie hat es verdient. Es geht darum, die Leistungsfähigkeit der Stadt in allen kulturellen Bereichen zu stärken und die Kräfte zu bündeln. Zudem hat die Bewerbung um den Titel Europäische Kulturhauptstadt auch positive Auswirkungen auf den Tourismus und die internationale Wahrnehmung der Stadt.

Halle hat sich bereits vor zwölf Jahren als Europäische Kulturhauptstadt beworben - und ist gescheitert. Was ist denn jetzt anders als 2004?

Wiegand: Die Rahmenbedingungen sind völlig andere. Wir haben seit vier Jahren einen ausgeglichenen Haushalt; das wirkt sich auch auf die kulturellen Einrichtungen aus. Die Finanzen beispielsweise für die Stiftung Händel-Haus und die Theater, Oper und Orchester GmbH sind gesichert. Zudem sind wir nun in der Lage, eine Bewerbung mit vielen erfahrenen städtischen Akteuren wesentlich professioneller zu gestalten. Außerdem hat sich in der Stadt seitdem viel getan. Wenn ich an Projekte denke wie die Freiraumgalerie, die Oleariusstraße oder den Marktplatz, den wir immer häufiger mit großen kulturellen Veranstaltungen bespielen. Wir haben wichtige Erfahrungen gesammelt in den vergangenen Jahren, auch durch die Weltkulturerbe-Bewerbung der Franckeschen Stiftungen.

Sie sprechen eine professionelle Bewerbung an. Ihre kurze Pressemitteilung, die offenbar weder mit Stadträten noch mit den Kultureinrichtungen abgesprochen war, wirkt alles andere als professionell. War das ein Schnellschuss?

Wiegand: Nein. Meine Aufgabe als Oberbürgermeister ist es, dem Stadtrat Vorschläge zu machen. Das werde ich mit einer Vorlage im September tun. Ich trage mich bereits seit Monaten mit dem Gedanken an die Bewerbung. Seit meinem Amtsantritt setzen wir auf den Dreiklang von Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. Kultur steht dabei an erster Stelle, wie auch die neu eingeführte Funktion der Kulturbeigeordneten zeigt. Der Zeitpunkt für eine ausführliche Diskussion im Stadtrat ist richtig gewählt, die Ausschreibungsunterlagen sind zudem noch nicht einmal veröffentlicht.

Magdeburg bewirbt sich ebenfalls um den Titel. Oberbürgermeister Lutz Trümper will ja noch nicht einmal Halle als Kulturhauptstadt des Landes anerkennen. Hat nicht auch vielleicht dieser Aspekt dazu geführt, dass sich Halle nun auch bewerben soll?

Wiegand: Zu den Bewerbungen anderer Städte werde ich mich nicht äußern. Jeder, der nach Halle kommt, kann sich von unserem großen kulturellen Angebot selbst überzeugen und sich eine eigene Meinung bilden.

Wie wollen Sie denn auf Landesebene um Unterstützung werben, wenn die Bewerbung Magdeburgs sogar bereits im Koalitionsvertrag vereinbart ist?

Wiegand: Jeder Stadt steht es frei, über eine Bewerbung nachzudenken; das ist kommunale Selbstverwaltung. Ich bringe einen Vorschlag in den Stadtrat ein, dort können wir ausführlich darüber diskutieren. Außerdem setze ich auf die Landtagsabgeordneten und Minister aus Halle.

Was könnte die Bewerbung kosten? Die Stadt Chemnitz beispielsweise geht bei ihrer Bewerbung von einem zweistelligen Millionenbetrag aus.

Wiegand: Zunächst bedarf es einer Grundsatzentscheidung. Wenn wir uns bewerben, werden wir einen Weg finden, die nötigen Mittel im Haushalt und mit Hilfe von Sponsoren einzustellen.

Womit will Halle bei der Bewerbung vor allem mit Blick auf Europa punkten? Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Wie sieht Ihr Konzept aus? Womit will Halle vor allem mit Blick auf Europa punkten?

Wiegand: Wenn der Stadtrat im ersten Schritt zustimmt, werden wir zunächst ein Grobkonzept erarbeiten, danach entscheidet der Stadtrat abschließend über die Bewerbung. Halle kann zum Beispiel mit die Beziehung zu unseren Partnerstädten in Europa punkten, genauso mit der Staatskapelle und ihrer internationalen Ausstrahlung. Auch die Erfahrungen, die wir im Bereich der Integration und der Stadtentwicklung gesammelt haben, werden wir einbeziehen. Es gibt also viele Ansätze. Eine wichtige Rolle könnte auch die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland spielen, in der die Stadt Mitglied ist.

Inwiefern?

Wiegand: Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die Metropolregion Mitgliedsstädte im Bewerbungsverfahren unterstützt. Die Ausschreibungsbedingungen sehen vor, dass sich auch eine Stadt verbunden mit einer Region um den Titel bewerben kann. Ich möchte innerhalb der Metropolregion, die viele Städte, Kreise, Institutionen und Unternehmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen umfasst, dafür werben. Mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der Vorsitzender ist, habe ich dazu bereits telefoniert.

Und was sagt er zu Ihrem Vorschlag?

Wiegand: Er steht der Diskussion sehr offen gegenüber.

Das heißt, vielleicht wird aus der Bewerbung Halles die Bewerbung einer ganzen Region?

Wiegand: Das wird die Diskussion zeigen. Die Region könnte von der Schubkraft einer solchen Bewerbung unter Federführung einer Stadt profitieren. Natürlich müssen wir abwarten, welche Städte sich neben Chemnitz noch bewerben.

Können Sie denn überhaupt erstmal die Hallenser überzeugen?

Wiegand: Ich denke, die meisten Hallenser werden hinter einer Bewerbung stehen. Und auch der Stadtrat müsste sich dafür aussprechen. Sollte der Stadtrat zustimmen, wäre ein großer Beteiligungsprozess erforderlich, in den die Hallenser intensiv eingebunden werden. Jeder kann Ideen und Vorschläge einbringen. Es ist ähnlich wie bei den Olympischen Spielen. Natürlich zählt der Titel. Aber bereits der Weg dahin und die im Prozess erzielten Ergebnisse sind wichtig; davon würde die Stadt Halle besonders international profitieren. (mz)