Kinderarmut in Halle

Kinderarmut in Halle: Im Südpark gelten 70 Prozent als arm

Halle (Saale) - Sie haben alles. Zumindest all das, von dem es heißt, dass man es haben müsse. Sie sind gut angezogen, der Tisch ist gut gedeckt, ein eigenes Fahrrad steht vor der Tür und im Kinderzimmer liegt auch etliches rum, auf das man leicht verzichten könnte: „Wie bei allen Kindern“, heißt es dann meist so schön. Aber nein, genau das stimmt hier mal nicht. Oder jetzt nicht mehr.

Von Detlef Färber 12.10.2016, 10:00

Sie haben alles. Zumindest all das, von dem es heißt, dass man es haben müsse. Sie sind gut angezogen, der Tisch ist gut gedeckt, ein eigenes Fahrrad steht vor der Tür und im Kinderzimmer liegt auch etliches rum, auf das man leicht verzichten könnte: „Wie bei allen Kindern“, heißt es dann meist so schön. Aber nein, genau das stimmt hier mal nicht. Oder jetzt nicht mehr.

Oder immer weniger. Zumindest in dem Stadtteil, um den es hier geht: Neustadt nämlich. 70 Prozent der Kinder in Neustadts ärmstem, problematischstem Viertel, dem Südpark, gelten als arm. Sprich, diese besagten jungen Hallenser unter 15 Jahren leben in Haushalten, die Sozialleistungen beziehen. Als Gesamtzahl im Süden Neustadts sind aktuell 2.804 Minderjährige erfasst. Also dürften es annähernd 1.800 Kinder unter 15 sein, die in Haushalten mit prekären finanziellen Verhältnissen leben.

Kinder leben „in Obhut“

Aber manchmal wohnen sie nicht mehr dort. Oder vorübergehend nicht, sondern leben „in Obhut“ - in Einrichtungen also, die einst Kinderheime hießen, aber heute oft nicht mehr: Weil sie meist auch keine Kinderheime mehr sind. Sondern? Beim Halle-Merseburger Regionalverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) heißt das „Stationäre Erziehungshilfe“ und meint die Unterbringung von Kindern und jüngeren Jugendlichen in Wohngruppen, in denen sie von Sozialarbeitern und Erziehern betreut werden.

Eine dieser Wohngruppen ist in einem sanierten Hochhaus untergebracht, was ihr wohl den schönen Namen „Leuchtturm“ eingebracht hat. Kinder, die mal hier gewohnt haben, hatten Gelegenheit, unter Anleitung und Mitwirkung von Künstlern diesen ihren Leuchtturm zu malen - und nun hängt das großflächige Ergebnis zentral in ihren Räumen: Einer doppelten Wohnung, die zu DDR-Zeiten zu den begehrtesten in ganz Neustadt gehört haben dürfte.

Sehnsucht der Kinder

Der Leuchtturm sieht aus wie ein Sehnsuchtsort - doch: Tatsächlich geht die Sehnsucht der Kinder, die hier daheim sind, „immer nach Hause, zu den Eltern“, sagt Angelika Jongen, die bei der Awo für die Wohngruppen verantwortlich ist. Und da sei es fast ganz egal, welche manchmal schlimmen Verhältnisse die Kinder gerade hinter sich gelassen haben. Zu Hause sei eben zu Hause, auch wenn dort oft der Kühlschrank leer war und es finanziell ab Mitte des Monats an vielem fehlte.

Ein Junge aus der Wohngruppe drückt den Sachverhalt sehr diplomatisch aus: „Meine Mama geht nicht so gut mit Geld um“, sagt er. Und wie sich dann im Gespräch zeigt, ist sie da nicht die Einzige mit Blick aufs familiäre Hinterland der hier betreuten Kinder. Denn ein zweites Problem hat auch die Mehrzahl: Dass nämlich „deutlich mehr als die Hälfte“ von ihnen Kinder von Alleinerziehenden sind - und „fast zu hundert Prozent“ von alleinerziehenden Müttern. Von Müttern, die in den meisten Fällen Sozialleistungen beziehen.

Angebote für Kinder

Und wenn die sich als überfordert erweisen, greifen Angebote wie die der Awo - falls sie in Anspruch genommen werden! „Eltern haben das Recht, Hilfen zu beantragen“, betont Angelika Jongen an dieser Stelle. Doch nicht allein von ihnen könne die Initiative ergriffen werden. Auch von Nachbarn, aus der Kita und aus der Schule kämen die Hinweise darauf, dass in einer Familie womöglich Hilfsbedarf besteht oder ein Kind in Not geraten könne. Oder schon geraten sei.

Freilich stehen vor der „Inobhutnahme“ andere Angebote wie „Ambulante Erziehungshilfe“, mit der Familien - und damit die Erziehung der Kinder - durchaus auch stabilisiert werden kann. Doch die Probleme, die allein schon von Elternseite oft mit im Spiele sind, erweisen sich nicht selten als Hindernisse: Mal ist es Alkohol, mal sind es Drogen oder mal ist es durch Haftstrafe bedingte Abwesenheit.

Beruf von Vorbild-Erwachsenen

Doch gibt es auch besser etablierte Erwachsene im Umfeld dieser Kinder? Eltern oder Großeltern, die morgens aus aus dem Haus gehen? Da müssen einige Kinder aus der Wohngruppe schon länger nachdenken: „Ja, eine Cousine“, die Arbeit habe, fällt einem Jungen ein. Und was arbeitet sie? Das kann er so genau nicht sagen.

Derlei erweist sich dann auch als Nachteil, bei der Frage, was die Kinder selbst mal werden wollen: Nur ein Beruf von Vorbild-Erwachsenen kommt als eigener Wunsch wie aus der Pistole geschossen: „Erzieher“.

Einer ihrer Erzieher, der Diplom-Sozialarbeiter Martin Marquardt, arbeitet schon viele Jahre in dem Job - und das auch in Neustadt: Und er sieht zur aktuellen Kinderarmut auch eine historische Linie hinlaufen. Es seien die Enkel, manchmal schon die Urenkel der unzähligen Chemie-Arbeiter, die in der Wendezeit ihren Job verloren haben. „Generation vier, die kennen ringsum nichts anderes als Arbeitslosigkeit“, sagt Marquardt. Und seine Beobachtung wird noch bitterer. „Vor Jahren hätte ich noch gesagt, dass alle Eltern ihre Kinder lieben.“ Heute dagegen sei man schon froh, „wenn die Eltern bei der Erziehung noch mit im Boot bleiben“. (mz)