Kind missbraucht und in Saale geworfen

Kind missbraucht und in Saale geworfen: Ist der Kinderfänger überhaupt schuldfähig?

Halle (Saale) - Seit dem 12. Dezember sitzt ein Hallenser in U-Haft. Er soll ein Kind missbraucht und in die Saale geworfen haben. Sein Anwalt hat Beschwerde eingelegt.

Von Dirk Skrzypczak
In diesem Wohnblock in der Südstadt soll der Tatverdächtige im März dieses Jahres drei Mädchen belästigt und missbraucht haben.

Früh um 6 Uhr ist für Sebastian L. die Nacht vorbei, ab 19 Uhr fängt sie wieder an - Alltag in der Justizvollzugsanstalt „Roter Ochse“. Seit dem 12. Dezember sitzt der 24-Jährige dort in Untersuchungshaft. Am 6. Dezember soll der Hallenser in der Innenstadt ein sechs Jahre altes Mädchen aus der elterlichen Wohnung entführt und sexuell missbraucht haben.

Er trug das Kind, das lediglich mit Schlafanzug und Strümpfen bekleidet war, über einen Kilometer durch die Altstadt und soll es am Wohnzentrum „Lührmann“ in die Saale geworfen haben. Zwei Joggern verdankt die Sechsjährige ihr Leben. Die Tat hatte nicht nur in Halle für Entsetzen gesorgt. Doch wie lange bleibt der mutmaßliche Kinderschänder noch in U-Haft?

Anwalt des 24-Jährigen hat Haftbeschwerde eingelegt

Der Anwalt des 24-Jährigen hat Haftbeschwerde eingelegt. „Er will die Unterbringung in eine psychiatrischen Einrichtung erreichen“, sagt der ermittelnde Staatsanwalt Klaus Wiechmann der MZ. Offenbar hält der Anwalt seinen Mandanten angesichts seiner psychischen Verfassung für nicht voll schuldfähig.

Am Landgericht ist er damit aber abgeblitzt. Das Gericht wertet die Ausgangslage anders. Zwar hat sich Sebastian L. auch bei seinen Befragungen im „Roten Ochsen“ bislang nicht zur Tat geäußert. Einer Gutachterin, von der Staatsanwaltschaft eingesetzt, habe er aber aus seinem Leben berichtet. „Er wohnt alleine, geht zur Arbeit, ist ein Fan des Halleschen FC. Er hat sich mit Ultras getroffen und ist zu Auswärtsspielen des Vereins gefahren“, schildert Wiechmann.

„Allerdings kein Anlass zu der Annahme, dass er nicht Herr seiner Sinne ist“

Der Verdächtige befand sich zwar vor seiner Festnahme am 11. Dezember in psychologischer Betreuung. „Allerdings gibt sein bisheriges Leben keinen Anlass zu der Annahme, dass er nicht Herr seiner Sinne ist“, sagt Wiechmann. Außerdem sei er sehr wohl in der Lage, zu erkennen, was Unrecht ist. Dieser Auffassung sei auch das Landgericht in Halle gefolgt. Doch damit ist das U-Haft-Kapitel für Sebastian L. noch nicht beendet. Sein Anwalt ist mit einer Beschwerde nun vor der Oberlandesgericht gezogen.

Unterdessen arbeitet Wiechmann weiter an der Anklage, die er Ende Februar, Anfang März erheben will. Die Vorwürfe lauten Entführung, Missbrauch und versuchter Mord, um eine Straftat zu vertuschen. Die Sechsjährige konnte das Krankenhaus inzwischen verlassen und lebt wieder bei ihrer Familie. „Dort wird alles getan, damit das Mädchen das Trauma überwinden kann“, sagt Wiechmann.

„Das zuständige Dezernat prüft, ob es neue Anhaltspunkte gibt“

Unterdessen prüft die Staatsanwaltschaft, ob ein altes Verfahren gegen Sebastian L. wieder aufgerollt werden muss. Im März 2020 soll der 24-Jährige drei Mädchen aus seinem Wohnumfeld - zur Tatzeit zehn, acht und sechs Jahre alt - in seiner Wohnung sexuell belästigt haben.

Die Polizei ermittelte, doch die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt, wie Wiechmann sagte. Die Anwältin einer der betroffenen Familien hat beantragt, dass die Vorwürfe neu untersucht werden. „Das zuständige Dezernat prüft, ob es neue Anhaltspunkte gibt“, so Wiechmann. (mz)