Fachärzte gesucht

Fachärzte gesucht : Wer kein Notfall ist, braucht in Halle viel Geduld

Halle (Saale) - Wenn es nicht um Notfälle geht, brauchen Patienten viel Geduld. Immer mehr von ihnen lassen sich über die Kassenärztliche Vereinigung einen Termin geben.

Von Tanja Goldbecher 15.01.2019, 05:00

Ein halbes Jahr muss man bei Ingolf Knetsch auf einen Behandlungstermin warten. Sogenannte Erstgespräche kann der Psychotherapeut in seiner Praxis an der Großen Ulrichstraße zwar meistens kurzfristig anbieten. „Danach muss ich die Patienten jedoch auf eine Warteliste setzen“, sagt Knetsch. Aber nicht nur am Beispiel der Psychotherapie wird deutlich, wie schwer es sein kann, einen Facharzttermin in Halle zu bekommen.

Auch bei Gynäkologen ist die Situation angespannt: Einige Praxen nehmen überhaupt keine neuen Patentinnen auf. „Kaum eine Frauenärztin in der Innenstadt hat noch freie Kapazitäten“, sagt eine Arzthelferin am Telefon.

Seit 2016 die Terminservicestelle der Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

Wer bei seiner Suche mit dem Telefonbuch keinen Erfolg hat, kann seit 2016 die Terminservicestelle der Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KV) anrufen. Gesetzlich Versicherte bekommen darüber einen Facharzttermin vermittelt – müssen allerdings bis zu einer halben Stunde Fahrzeit zu einer Praxis in Kauf nehmen. Die Nachfrage nach diesem Angebot steigt: Hat die KV 2016 noch rund 3.900 Anfragen registriert, waren es 2018 bereits 5.400. Die meisten Anrufer wollten Termine bei Neurologen, Psychotherapeuten und Augenärzten vereinbaren.

Krankenkassen wie die Barmer verzeichnen ebenfalls eine gestiegene Nachfrage nach einem Facharzttermin. „Es kommt regelmäßig vor, dass Versicherte in der Geschäftsstelle beklagen, dass sie lange auf einen Termin beim Facharzt warten müssen“, sagt Stephan Hündorf, Barmer-Regionalgeschäftsführer in Halle.

Terminservicestelle: In sieben von zehn Fällen gelingt es, einen früheren Termin für die Versicherten zu vereinbaren

Die Krankenkasse bietet deshalb mit einem eigenen System an, bundesweit einen Facharzttermin zu vermitteln. In ganz Deutschland ist der Bedarf von 12.000 im Jahr 2015 auf 17.500 Fälle im Jahr 2017 gestiegen. In sieben von zehn Fällen gelingt es laut Hündorf, einen früheren Termin für die Versicherten zu vereinbaren.

Laut Ingolf Knetsch handelt es sich bei den Wartezeiten auf einen Facharzttermin um ein strukturelles Problem. In der Bedarfsplanung der KV wird festgelegt, wie viele Ärzte sich pro Einwohnerzahl niederlassen dürfen. Laut der aktuellen Kalkulation gibt es in Halle sogar eine Überversorgung an Psychotherapeuten – deshalb sind Zulassungsbeschränkungen angeordnet. „Mehr Menschen als prognostiziert, brauchen eine Behandlung“, sagt Knetsch. Der Mediziner betont zugleich, dass die Erwartungen der Bürger, sofort einen Facharzttermin zu bekommen, zu hoch sind.

Internist in Halle: „Wir haben in Deutschland trotzdem eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“

Dem stimmt auch Internist Tobias Hirsch zu. Bei ihm müssen Patienten, die sich auf Eigeninitiative melden, etwa drei Monate auf einen Termin warten. „Wir haben in Deutschland trotzdem eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“, sagt er. Notfälle würden schließlich vorgezogen werden. Außerdem könnten Patienten über ihren Hausarzt einen zeitnahen Termin bekommen, wenn dieser die Behandlung bei einem Facharzt als dringend einschätzt und vermerkt. In seiner Praxis an der Leipziger Straße hält Hirsch zudem wöchentlich Termine für Notfälle frei.

Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt ist sich bewusst, dass die Nachfrage nach einem Facharzt groß ist. „Wenn über den Hausarztmangel diskutiert wird, betonen wir immer, dass auch neue Fachärzte gebraucht werden“, sagt Sprecher Tobias Brehme. Denn auch niedergelassenen Ärzten falle es zum Teil schwer, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. (mz)