EM-Fieber

EM-Fieber: So viel Frankreich steckt in Halle

Halle (Saale) - Jetzt geht’s los! Ab sofort tummelt sich auch halb Halle in Frankreich, gedanklich zumindest, für die vier Wochen der Fußball-Europameisterschaft. Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn wir doch allerlei Französisches selber in der Stadt zu bieten haben, direkt vor der Haustür. Aber wie viel genau? Schauen wir ...

Von Detlef Färber 10.06.2016, 04:00

Jetzt geht’s los! Ab sofort tummelt sich auch halb Halle in Frankreich, gedanklich zumindest, für die vier Wochen der Fußball-Europameisterschaft. Doch wozu in die Ferne schweifen, wenn wir doch allerlei Französisches selber in der Stadt zu bieten haben, direkt vor der Haustür. Aber wie viel genau? Schauen wir mal!

Stadt stimmt sich mit Ausstellung ein

Lange zu suchen brauchen wir nicht, denn - wie’s der Zufall will - stimmt sich die Stadt gerade mit der wichtigsten, größten und bedeutendsten Kunstausstellung des Jahres aufs mögliche französische Sommermärchen ein. In der Ausstellung „Magie des Augenblicks“ wird in der Moritzburg Malerei der derzeit am teuersten gehandelten Künstler der Welt gezeigt - jener nämlich, die dem französischen Impressionismus zuzurechnen sind und nun im hiesigen Stadtschloss, wie es zu erwarten war, zu Publikumsmagneten werden.

Einen Magnetismus für Franzosen und Französisches hat Halle übrigens schon über Jahrhunderte entwickelt: Im guten Sinne übrigens, denn während die deutsch-französischen Beziehungen in der Vergangenheit lange als „Erbfeindschaft“ bezeichnet werden mussten, hat Halle historisch gesehen von französischen Einflüssen und Einwandern profitiert.

Halles gute Erbtante?

War die „Grande Nation“ also doch eher Halles gute Erbtante? Durchaus auch - und das hat vor allem mit dem immer noch größten Namen Frankreichs, Napoleon, zu tun, der 1806, als er mit seinen Truppen auf dem Vormarsch war, nach Halle kam und im Riesenhaus (Großer Berlin) wohnte. Auch Jerome Bonaparte - Napoleons Bruder und König des Königreichs Westfalen, zu dem Halle kurz mal gehörte - wohnte dort: 1813.

Halles französisches Intermezzo hat - abgesehen von der der zwischenzeitlichen Schließung der hiesigen Universität durch Napoleon - die Stadt aber letztlich weitergebracht. Er habe „bürgerliche Freiheiten unterstützt“, bringt Halles Stadtarchivar Ralf Jacob Napoleons Wirkung auf den Punkt.

Freiheiten, die auch den Hallensern später nicht mehr zu nehmen waren und später zu preußischen Gesetzen wurden. Daran, wie sich dann aber Halles Abschied von den Franzosen vollzog, erinnert heute noch der Name einer Straße: „Franzosenweg“ - jener Weg nämlich, auf dessen Gelände eine der Schlachten der Befreiungskriege von Napoleon stattgefunden hat.

Hilfe beim Wiederaufbau der Stadt

Andere Franzosen, die über hundert Jahre früher als Religionsflüchtlinge gekommen waren - die Hugenotten nämlich - blieben dagegen in Halle. (Und waren zu Napoleons Zeiten längst keine Franzosen mehr.) In Halle halfen sie, die nach dem Dreißigjährigen Krieg darniederliegende Stadt wieder aufzubauen und sie mit den von ihnen gegründeten Betrieben wirtschaftlich in Schwung zu bringen.

Dafür erleichterte ihnen Halle die Integration, gab Raum für die Religionsausübung der Calvinisten, deren Gemeinde zunächst in der Magdalenenkapelle der Moritzburg ihr Domizil hatte und später (und bis heute) im halleschen Dom zu Hause ist.

Halles bekanntester Hugenotte war übrigens der Schriftsteller August Lafontaine, der - ausgerechnet in der Goethe-Zeit! - wohl der erfolgreichste deutsche Bestsellerautor war. Freilich, es gab auch Tiefpunkte, die vor allem mit den beiden Weltkriegen und den auch in Halle zur Arbeit gezwungenen französischen Kriegsgefangenen zu tun hatten.

Feuerlöschteich vor der Oper ausgehoben

So bauten vor allem Franzosen im Ersten Weltkrieg die alte Berliner Brücke mit, und im Zweiten Weltkrieg hoben sie einen Feuerlöschteich auf dem Gelände der heutigen Fontäne auf dem Platz vor der Oper aus, der später nach dem französischen Chemiker, Nobelpreisträger und Präsidenten des Weltfriedensrats Frédéric Joliot-Curie (1900-1958) in Joliot-Curie-Platz umbenannt wurde. Was allerdings, wenn es ein richtiger Hallenser ausspricht, eher etwas unschön und wie „Chili-und-Curry-Platz“ klingt.

Für mehr Wohlklang, Schönheit und guten Geschmack in Halle sind übrigens auch heutzutage immer mal Franzosen zuständig, die zugewandert sind oder hier Station machen. Star-Köchin und Konditorin Aurelie Bastian zum Beispiel oder Joan Plaitano, einer der Stars im Ballett-Rossa, und natürlich seit vielen Jahren schon Marktkantor Irénée Peyrot.

Viel Frankreich also auch weiterhin in Halle? Viel ja, aber es darf künftig gerne noch viel mehr sein! (mz)