Bewegender Auftritt in HalleBewegender Auftritt in Halle: Egon Bahr fasziniert Publikum in der Händel-Halle

Halle (Saale) - „Das ist ja wie in der Kirche hier“, sagt Egon Bahr am Mittwochabend vergnügt in die andächtige Stille, während der Moderator Paul Werner Wagner noch Wasser in die Gläser gießt. Bahr, 92 Jahre alt inzwischen, nimmt den nahezu vollbesetzten Saal der halleschen Händel-Halle mit seiner Präsenz sofort in ...

Von Andreas Montag 22.10.2014, 19:14

„Das ist ja wie in der Kirche hier“, sagt Egon Bahr am Mittwochabend vergnügt in die andächtige Stille, während der Moderator Paul Werner Wagner noch Wasser in die Gläser gießt. Bahr, 92 Jahre alt inzwischen, nimmt den nahezu vollbesetzten Saal der halleschen Händel-Halle mit seiner Präsenz sofort in Besitz.

Zwei Dinge lassen sich unmittelbar daraus lernen, auch wenn es primär um beide nicht geht bei diesem Auftritt des altgedienten, hellwachen SPD-Streiters und Weggefährten Willy Brandts. Erstens: Es muss nicht zwingend ein Popstar sein, der so viel Publikum anlockt. Zweitens: Wenn man einen wie Bahr sieht, verliert das Älterwerden seinen Schrecken. So konzentriert, so pointiert und druckreif spricht der Mann, dass allein das Zuhören ein Genuss ist. Und dass Bahr, an Brandts Seite der Architekt der neuen Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland, etwas zu sagen hat, versteht sich von selbst.

Nicht „arisch“ genug

„Wandel durch Annäherung“ war denn auch das Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung überschrieben, angelehnt an einen Slogan, der auf Bahr zurückgeht und das politische Prinzip beschreibt, dem Brandts Verhandlungsangebote und Versöhnungsgesten gegenüber dem Osten folgten.

Bahr, geboren 1922 in Treffurt in Thüringen, wuchs in Torgau auf - einer Stadt mit bedeutender Reformationsgeschichte, bevor die Familie 1938 schließlich nach Berlin zog. Ursprünglich hatte der Chorsänger Musiker werden wollen, aber daraus wurde nichts. Statt zu studieren absolvierte er eine Lehre und wurde Industriekaufmann.

Bahr war den Machthabern im „Dritten Reich“ nicht „arisch“ genug - er hatte eine jüdische Großmutter. Als das beim Militär bekannt geworden war, wurde Bahr 1944 aus der Wehrmacht ausgeschlossen, nachdem ihm deshalb zuvor sogar ein Kriegsgerichtsverfahren gedroht hatte. Der Ausschluss sollte dann zunächst am 20. Juli 1944 in Berlin vollzogen werden - „aber da fand ja etwas anderes statt“, sagt Bahr sarkastisch.

Es ist spannend und sympathisch, wie offen Bahr auch über seinen Stolz berichtet, den er angesichts der anfänglichen Kriegserfolge der Deutschen empfunden hat - ungeachtet der Warnungen des Vaters, der nichts von den Nazis und nichts vom Krieg hielt. Schließlich, sagt Bahr, habe ihm der Ausschluss aus der Wehrmacht womöglich das Leben gerettet.

Nach Kriegsende zog es den jungen Mann zum Journalismus, seine erste Station war die Berliner Zeitung, wenn auch nur für kurze Zeit. Als der kommunistische Funktionär Rudolf Herrnstadt, aus Moskau kommend, Chefredakteur des Blattes geworden war, bekam Bahr bald Ärger wegen seiner Bürgerlichkeit. Ihm fehle am „Geist des Wiederaufbaus“, bemängelte Herrnstadt. Bahr versuchte sich daran, „griff einmal tüchtig in die Leier“, gefiel damit - und verlor rasch die Lust auf Propaganda.

Der trockene Realist

Danach machte er im Westen Berlins Karriere, 1956 trat er der SPD bei - im dritten Versuch, nachdem sowohl Kurt Schumacher als auch Willy Brandt einmal abgewinkt hatten. Ihnen war der unabhängig beobachtende, kritische Sympathisant zunächst wohl lieber gewesen als ein weiteres Mitglied. Heute, sagt Bahr, sei es schwer vorstellbar, dass ein Bewerber bei der SPD mehrmals abblitzte. Da gibt es natürlich Gelächter im Saal.

Es zählt zu den Stärken Bahrs, dass er seine Erinnerungen sehr genau, oft mit Humor vorträgt und immer auf den Punkt bringt. Natürlich erzählt er die Geschichten nicht zum ersten Mal, aber routiniert wirkt es nicht, wenn Bahr spricht, sondern immer beteiligt und so, als hätte es sich eben erst zugetragen. Willy Brandts Vertrauter und Stratege in Sachen Ostpolitik ist ein Geschichtszeuge ersten Ranges, die meisten, von den er spricht, sind längst tot.

Was ihn selbst betrifft, ist Bahr ganz der trockene Realist, der er in den Verhandlungen mit Kossygin oder Breschnew gewesen sein muss: „Ich weiß, es kann jeden Tag passieren“, sagt er. Aber er freue sich jeden Morgen wieder, in seinem Bett aufzuwachsen und neben sich im Bett die Hand seiner Frau zu spüren. Soviel Privates verrät er dann doch über sich.

Freundschaft zu Brandt

Seine Anekdoten sind es - und seine Überzeugungen, die diesen Mann so faszinierend machen. Von Wilhelm Pieck, dem kommunistischen DDR-Präsidenten, berichtet er. Der hatte ihn vor einem Interview leutselig zu einem Leberwurstbrot eingeladen. Walter Ulbricht bescheinigt Bahr, „eine Schlange“, aber auch das größte politische Talent gewesen zu sein, das die DDR je hatte. Da schauen sich einige überrascht an, landläufig wird dem sächsischen Spitzbart ja nur die Gabe eines bösartigen Komikers zugestanden. Gern hätte man gern noch mehr gehört, Nachfragen und Antworten.

Aber das hätte die Zeit wohl nicht hergegeben. Schließlich waren auch Breschnew, Kennedy - und vor allem Brandt noch zu besprechen. Und die Frage zu beantworten, was das Besondere an Brandts Politik und an seinem Charakter war.

Die Versuche zur Annäherung der gegnerischen Systeme beschreibt Bahr mit entwaffnendem Pragmatismus: „Ich habe Herrn Breschnew nicht geliebt, er mich auch nicht“, sagt er. Aber es sei schließlich darum gegangen, die Beziehungen der Staaten zu verbessern und den Menschen zu helfen - beim Aushandeln des Passierscheinabkommens schon, damit die Westberliner wieder in den Osten reisen durften.

Viel Beifall zum Schluss

Weich wird der sonst so gelassene Bahr, wenn es um seinen Freund Willy Brandt geht. Was dieser ihm ins Ohr flüsterte, als er sich von dem Sterbenden verabschiedete, will Bahr für sich behalten. Aber was Lars, einer der Söhne Brandts, acht Tage nach dessen Tod an Bahr schrieb, zitiert er dann - nicht, ohne selbst bewegt zu sein: Wer seine Freunde gewesen seien, hatte Lars den Vater gefragt. Und der antwortete knapp: „Egon“.
Bahrs Deutschland-Bilanz fällt 25 Jahre nach dem Fall der Mauer in fast allen Punkten positiv aus. Er sehe einen Staat mit einer bewundernswerten Leistung und von gewachsenem Gewicht. Eines bedrückt den Sozialdemokraten allerdings sehr: „Wir sprechen immer noch von Ossis und Wessis“. Die innere Einheit der Deutschen sei bisher nicht wirklich gelungen, beklagt Bahr. Und ist dabei so souverän, dass er neben Brandt auch den Christdemokraten Helmut Kohl als Visionär dieses noch nicht erreichten Zieles anführt.

Viel Beifall gibt es nach 90 Minuten. „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagt Bahr zum Schluss. Es klingt wie ein Segen des alten Mannes, der so viel Stil und Glaubwürdigkeit besitzt, dass man direkt wehmütig werden kann beim Blick in die politische Runde. (mz)