Die Chancen erhöhen

Projekt „Schule - Werkstatt fürs Leben“ soll Förderschülern in Gräfenhainichen helfen - Wie sich die Kinder ausprobieren können

Das Projekt „Schule - Werkstatt fürs Leben“ soll Förderschülern helfen, einen passenden Beruf zu finden. Was geboten wird und wie sich die Kinder ausprobieren.

Von Marcel Duclaud 03.11.2021, 14:23
Siebtklässler aus Gräfenhainichen sind an Station drei unter anderem mit Spiegelbildern beschäftigt.
Siebtklässler aus Gräfenhainichen sind an Station drei unter anderem mit Spiegelbildern beschäftigt. Foto: Thomas Klitzsch

Wittenberg/Gräfenhainichen/MZ - „Keiner hat aufgegeben, und die Konzentration, mit der gearbeitet wird, überrascht mich“, bemerkt Berufseinstiegsbegleiterin Heike Schüßler. Sie gibt gerade Tipps, wie eine Serviette gefaltet werden kann. Die Siebtklässlerinnen Franziska und Nadine geben sich alle Mühe, die Knicke an der richtigen Stelle zu setzen.

Einen Raum weiter sind Julian und Dennis damit beschäftigt, verschieden große Schrauben ein- und wieder herauszudrehen. Marwin ordnet Register, der Junge sortiert Karten nach Farben und Buchstaben - das alles auf Zeit: „Könnte ich den ganzen Tag machen“, sagt er lächelnd. Und auch hier ist Berufscoach Juliane Lindner zufrieden: „Die Gruppe ist extrem schnell, die toppt jede Zeit. Ein großes Lob.“

Bei den Mädchen und Jungen handelt es sich um Kinder, die die Förderschule „An der Lindenallee“ in Gräfenhainichen besuchen. Sie sind am Dienstag nach Wittenberg gereist zu einem Haus in der Dresdener Straße, in dem der Internationale Bund (IB) sich um berufliche Bildung kümmert und Werkstätten vorhält.

Dennis  befasst sich mit dem  Ein- und Ausdrehen von Schrauben.
Dennis befasst sich mit dem Ein- und Ausdrehen von Schrauben.
Foto: Thomas Klitzsch

Zwölf Aufgaben

Für die Siebtklässler aus Gräfenhainichen geht es um Berufsorientierung. Sie sollen sich ausprobieren können, erfahren, wie es um ihre Fähigkeiten bei bestimmten Aufgaben bestellt ist. Was liegt mir? Wo bin ich gut? Zwölf Aufgaben absolvieren sie an vier Stationen: Servietten falten oder Draht biegen, Maß nehmen oder genau zeichnen.

„Es geht um Fein- und Grobmotorik, um Vorstellungsvermögen, aber auch um das Durchhalten, um Struktur und Ordnung“, erläutert Birgit Lanzdorf vom IB. Sie leitet ein Projekt, das bereits im April 2020 begonnen hat und zunächst auf zwei Jahre angelegt ist. Es trägt den Titel „Schule - Werkstatt fürs Leben“, läuft über das Landesprogramm Rümsa und wird gefördert über den Europäischen Sozialfonds und den Landkreis Wittenberg, der 20 Prozent der Kosten trägt. Ziel ist unter anderem, die Ausbildungschancen der Förderschüler zu erhöhen und die Integration in den Berufsalltag. Die Kinder sollen im Idealfall selber herausfinden, welche beruflichen Perspektiven für sie in Frage kommen.

In das Programm involviert sind zwei Schulen: Pestalozzi in Wittenberg und „An der Lindenallee“ in Gräfenhainichen. Bislang wurden 168 Mädchen und Jungen eingebunden, berichtet die Projektleiterin. Zwei Berufscoaches gehören zum Team, das an der Entwicklung beruflicher Vorstellungen arbeitet. Für Schulleiter Torsten Kunze von der Gräfenhainichener Förderschule ist insbesondere die Stärkung handwerklicher Fähigkeiten „ein wichtiger Baustein für die spätere berufliche Orientierung“. Seine Kollegin Gabriele Saage aus Wittenberg freut sich, dass die Schüler durch dieses „schulergänzende Angebot umfangreiche Unterstützung erhalten und sich rechtzeitig beruflich orientieren können“.

Beim Falten von Servietten: Nadine (l.) und Franziska, vorne  Heike Schüßler
Beim Falten von Servietten: Nadine (l.) und Franziska, vorne Heike Schüßler
Foto: Thomas Klitzsch

Fünfte bis neunte Klasse

Angesprochen werden laut Birgit Lanzdorf Mädchen und Jungen von der 5. bis zur 9. Klasse, zudem ehemalige Schüler, die an Sekundarschulen ihren Hauptschulabschluss anstreben sowie „schulmüde und schulabstinente Kinder“. In der fünften und sechsten Klasse geht es um einen ersten Einblick in die Welt der Berufe, um das Entwickeln von Vorstellungen, das Kennenlernen von Arbeitsmitteln. In der siebenten Klasse steht, wie am Dienstag, das Testen von Fertigkeiten auf dem Programm. Ein realistisches Berufsbild gilt es zu entwickeln. Die achte und neunte Klasse steht im Zeichen der Konkretisierung des Berufswunsches. Bewerbungsmanagement spielt eine Rolle und die individuelle Lebensplanung.

Betriebsbesichtigungen und Fachtage ergänzen die Angebote. Ziel ist dabei nicht zuletzt, die Unternehmen auf die Schüler als zukünftige Auszubildende aufmerksam zu machen. Um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, werden besonders Unternehmen im Bereich Pflege und Handwerk angesprochen.