Gericht

Noch immer Panik-Attacken nach Überfall in Gräfenhainichen

Ein Vorfall im Poetenweg im Oktober 2020 ist ein erster Verhandlungspunkt in einer langen Vorwurfsliste gegen einen 28-Jährigen aus Gräfenhainichen.

Von Andreas Behling
Das Landgericht in Dessau. Ruttke

Dessau/Gräfenhainichen/MZ

- Aus der Warte des Angeklagten aus Gräfenhainichen gäbe es vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau Einiges zu sagen. Denn die Liste der gegen ihn erhobenen Vorwürfe ist lang: eine gefährliche Körperverletzung am 13.?September 2020, ein besonders schwerer Raub mit gefährlicher Körperverletzung am 31. Oktober vorigen Jahres und eine Beleidigung, zu der er sich schon am 17. Februar 2020 hinreißen ließ.

Als Vergeltung gedacht

Noch hat er sich aber nicht mit eigenen Worten zu den Vorfällen geäußert. Hingegen trug sein Verteidiger Sven Tamoschus eine mit ihm abgestimmte schriftliche Erklärung vor. Danach sei die vom 28-Jährigen verübte Attacke, die sich am Reformationstag 2020 in einer Wohnung am Gräfenhainichener Poetenweg zutrug, eine Vergeltungsaktion gewesen.

Mit der habe sich der Angeklagte für einen Angriff revanchieren wollen, der auf ihn zwei, drei Wochen zuvor während einer Bahnfahrt verübt wurde.

Nach dem Vorfall habe sich ein Hass in ihm entwickelt, der sich im Moment der Tat ohne wirklichen Plan einen Ausweg suchte. „Ich war tatsächlich völlig in Rage“, hieß es in dem Statement. Allerdings stimme es nicht, dass er mit einem Einhandmesser den Wohnungsinhaber in die Rückseite des linken Oberschenkels stach.

Er habe zu einem spitzen Gegenstand gegriffen, der bereits auf dem Tisch lag. Aufgrund seines Drogenkonsums - Crystal Meth und Ecstasy - wisse er nicht mehr, wie er in den Besitz von zwei Handys gekommen sei.

Auch die zweite Attacke - in den späten Nachtstunden des 13. September 2020 schlug er auf einer Grünanlage am Poetenweg mit dem Federdämpfer eines Fahrrads einem Mann ins Gesicht - habe er unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln begangen.

Die Beleidigung schließlich habe der Mutter seiner Tochter gegolten. Nachdem er als Junkie-Schwein betitelt worden sei und ihm gesagt wurde, er werde seine Tochter nicht mehr sehen, habe er die Kontrolle verloren. Da habe er zum ersten Mal im Leben einen anderen Menschen angespuckt. Das tue ihm leid. „So etwas macht man nicht“, zitierte ihn sein Verteidiger.

Breiten Raum widmete die Kammer unter dem Vorsitz von Uda Schmidt zunächst den Ereignissen vom 31. Oktober vorigen Jahres. Hierzu sagte der Wohnungsinhaber, er habe keine Ahnung, wieso es zu dem üblen Auftritt des Angeklagten - „Noch heute habe ich Panik-Attacken.“ - gekommen sei.

„Er hat mir an den Kopf geworfen, dass ich für die Polizei arbeite. Was überhaupt nicht stimmt.“ Wie sich der 28-Jährige benahm, habe ihn richtig in Schrecken versetzt. „Ich erkannte ihn nicht wieder.“

Mit Messer

Der Zeuge bekräftigte, dass ein Messer, dessen Klinge in den Farben des Regenbogens schillerte, zum Einsatz kam. Als er nach einem Fausthieb ins Gesicht auch einen Schlag gegen den Oberschenkel bekam, habe er gespürt, wie es wegen des Blutes feucht wurde.

„Es suppte ganz schön. Da hatte ich richtig böse Angst“, sagte der 27-Jährige. Deswegen habe er einen der drei Bekannten, die für ein gemeinsames Videospiel mit im Raum saßen, aufgefordert, dem Angreifer ebenfalls das Handy zu geben. „Sonst sticht er dich ab.“

In großer Angst

Nach dem Vorfall, so der Gräfenhainichener, habe er sich nicht mehr für längere Zeit in der Wohnung aufhalten können. „Ich zitterte am ganzen Körper und der Schweiß brach mir aus.“ Sein Glück damals sei eventuell gewesen, dass durch den eigenen Drogenkonsum die Schmerzen nach den mindestens zwei Schlägen ins Gesicht etwas gedämpft wurden. Zudem habe er nicht zur Polizei gehen wollen. „Weil ich wusste, mit welchen Leuten der Angeklagte zu tun hat“, beschrieb der Mann seine Sorge.

Diese Sorge sei jedoch unbegründet, meinte der Mann auf der Anklagebank. „Egal, was vorgefallen ist, es tut mir einfach wirklich leid“, verabschiedete er sich von dem Zeugen, der die Auffassung vertrat, dass der 28-Jährige seinerzeit wegen des Mischkonsums von Drogen unter einer Psychose gelitten habe.

Der Prozess wird am heutigen Donnerstag, 29. April, fortgesetzt.